Beim ersten Deutsch-Moldauischen Wirtschaftsforum am 16. Oktober 2026 im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin diskutierten über einhundert Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft über Chancen für eine vertiefte deutsch-moldauischen Zusammenarbeit, die sich insbesondere durch den beschleunigten EU-Beitrittsprozess und die Integration in den Binnenmarkt ergeben. Veranstaltet wurde das Forum vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK) sowie dem Competence Center der Republik Moldau.
Mit 2,4 Millionen Einwohnern gehört Moldau zu den kleinsten Ländern in der Ost-Ausschuss-Region, nach Bevölkerungszahl liegt es weltweit an 135. Position. Ein echter Riese ist das Land aber im Bereich der Landwirtschaft: Es verfügt weltweit über die meisten Weinstöcke pro Kopf der Bevölkerung, beherbergt den größten Weinkeller der Welt und rangiert bei Exporten von Pflaumen, Kirschen, Äpfeln, Trauben und Walnüssen unter den Top-20. Agrarprodukte dominieren auch die Exporte nach Deutschland, die 2025 eine Höhe von 266 Millionen Euro umfassten. Die Importe aus Deutschland lagen allerdings bei 600 Millionen Euro.
Starke Defizite kennzeichnen auch Moldaus Handel mit der übrigen Welt. Um dieses zu verringern und das Wachstum zu stärken, setzt das Land auf ambitionierte Wirtschaftsreformen. Zentrale Punkte sind die Integration in den EU-Binnenmarkt im Zuge des seit 2024 laufenden EU-Beitrittsprozesses, die stärkere Veredelung der Agrarprodukte im eigenen Land, der Ausbau heimischer Energiequellen sowie die Weiterentwicklung des agilen Dienstleistungssektors. Dieser erwirtschaftet insbesondere durch IT-Dienstleistungen bereits heute einen Überschuss von rund einer Milliarde Euro.
Deutschland sei bei den genannten Zielen ein Schlüsselpartner, betonte Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms in seiner der Eröffnungsrede zum ersten Deutsch-Moldauischen Wirtschaftsforum. Mit dem neuen Format unterstreicht der Ost-Ausschuss den wachsenden Stellenwert des kleinen EU-Kandidatenlandes. Dieser ergibt sich auch aus der strategischen Rolle, die Moldau als direkter Nachbar und Logistikdrehscheibe für den Wiederaufbau der Ukraine spielt.
Auf dem Weg zum „wirtschaftsfreundlichsten Land“ der Welt
Der junge moldauische Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Digitalisierung Claudiu Năsui erläuterte in seiner Keynote den ambitionierten Reformkurs der Regierung. „Wir wollen das wirtschaftsfreundlichste Land der Welt werden“, kündigte Năsui an. Und an das Publikum gerichtet appellierte er: „Wenn deutsche Unternehmen regulatorische Hürden sehen, dann sagen Sie es uns.“ Bei der Überwindung von unnötiger Bürokratie und der Beschleunigung von Entscheidungsprozessen sei seine Regierung bereits ein gutes Stück vorangekommen, betonte der Minister. Besonders hob er die Chancen für ausländische Investoren in den Bereichen erneuerbare Energien, IT sowie Agrar- und Ernährungswirtschaft hervor.
Auch Johann Saathoff, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), bekräftigte die Unterstützung Deutschlands für Moldaus europäischen Kurs. „Deutschland steht an der Seite Moldaus. Was das Land in den vergangenen Jahren erreicht hat, ist bemerkenswert.“ Trotz der Belastungen durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine habe Moldau an seinem Reform- und EU-Kurs festgehalten. Deutschland unterstütze deshalb sowohl den EU-Beitrittsprozess als auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Für eine Einordnung der wirtschaftlichen Perspektiven präsentierte Ricardo Giucci, Geschäftsführer des German Economic Team, aktuelle Kennzahlen zur moldauischen Volkswirtschaft. Demnach gehen inzwischen 68 Prozent der Exporte des Landes in die Europäische Union, während 54 Prozent der Importe aus der EU stammen. Für 2026 müsse man aufgrund der explodierenden Energiepreise durch den Iran-Krieg und einer hohen Inflation die Wachstumsprognosen leider auf rund 1,9 Prozent absenken, für 2027 sei dann aber auf ein Wachstum von über drei Prozent zu hoffen. Positiv bewertete Giucci die stabile Landeswährung, den Anstieg der Währungsreserven von vier auf fünf Milliarden Euro sowie den rasanten Ausbau erneuerbarer Energien. Deren Anteil am Energiemix stieg innerhalb weniger Jahre von etwa drei Prozent auf zuletzt bereits rund 25 Prozent. Sein Fazit: „Moldau ist auf dem richtigen Weg und bietet insbesondere im Energie-, Industrie- und Exportsektor erhebliche Chancen für Investoren.“
Weitere Einblicke gab Mihai Burunciuc, stellvertretender Direktor der Invest Moldova Agency. Er stellte Moldau als Tor zur EU und den Märkten Südosteuropas vor. Rund zwei Drittel der Exporte gehen inzwischen in die EU, während die ausländischen Direktinvestitionen einen Bestand von 5,25 Milliarden Euro erreicht haben. Bemerkenswert sei, dass 65 Prozent dieser Investitionen aus reinvestierten Gewinnen stammten, ein Zeichen für das Vertrauen bestehender Unternehmen in den Standort. Zudem seien bereits 82 Prozent der wirtschaftsbezogenen öffentlichen Dienstleistungen digitalisiert. Burunciuc hob insbesondere den Innovations- und Technology Park Moldau als Outsourcing-Möglichkeit für westliche Unternehmen hervor, dessen steuerliche Sonderregelungen bis 2035 garantiert seien. Seine Agentur stehe als „One-Stop-Shop“ allen internationalen Investoren für deren Projekte beratend zur Seite.
In insgesamt vier Panel-Diskussionen wurden im Laufe des Tages unter Beteiligung von Stimmen aus Politik und Wirtschaft Entwicklungschancen in den Bereichen Produktion, Energie, Landwirtschaft und globale Dienstleistungen besprochen.
Im ersten Panel bekräftige der moldauische Wirtschaftsstaatssekretär Oleg Bivol das Ziel seiner Regierung, „das wirtschaftsfreundlichste Land“ zu werden, er verwies auf die bereits zu 80 Prozent digitalisierten Verwaltungsprozesse, den Abbau von Bürokratie sowie auf klare und verlässliche Rahmenbedingungen für Investoren. Mit Freien Wirtschaftszonen, einem wachsenden Automotive-Sektor und den Clustern IT, Agrarwirtschaft und Weinbau biete das Land erhebliche Chancen.
Annette Knobloch vom Auswärtigen Amt unterstrich, dass ein stabiles und erfolgreiches Moldau sowohl den wirtschaftlichen als auch den strategischen Interessen Europas diene. Der EU-Beitrittsprozess sei ein wichtiger Treiber für die Integration in europäische Wertschöpfungsketten, während Deutschland die Reformagenda mit umfangreichen Förder- und Garantieinstrumenten unterstütze.
Aus Unternehmenssicht bestätigte Vadim Bubulici von der Dräxlmaier Gruppe die Fortschritte des Standorts. Entscheidend seien neben wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen vor allem Logistik, Fachkräfteentwicklung und die enge Zusammenarbeit mit lokalen Bildungseinrichtungen. Eduard Musuc von iDomus verwies auf die zunehmende internationale Ausrichtung moldauischer Unternehmen und berichtete von erfolgreichen Exporten nach Rumänien, weitere EU-Staaten und in die Ukraine.
Im zweiten Panel ging es unter Moderation von Alina Kunde vom German Economic Team um die Energieversorgung. Nicolae Magdîl, Abteilungsleiter im moldauischen Energieministerium, stellte die neue Energiestrategie bis 2050 vor. Bis dahin sollen mindestens 85 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Bereits heute seien Anlagen mit rund 1,2 Gigawatt Leistung installiert. Um die schwankende Erzeugung auszugleichen, arbeite die Regierung an Kreditgarantien und Steuererleichterungen für Batteriespeicher. Neue Stromleitungen nach Rumänien sollen bis 2032 die Versorgungssicherheit erhöhen. Petru Ruset, Managing Director von Siemens Energy Romania, verwies auf rund 40 Umspannwerke, die sein Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren in Moldau modernisiert habe. Erneuerbare Energien allein reichten aber nicht aus, auch Gaskraftwerke für die Grundlast müssten modernisiert werden. Vlad Pusca, CEO des moldauischen Projektentwicklers WindRise, sieht das größte Potenzial in Windkraft und Hybridanlagen mit Speichern und forderte dafür verlässliche Rahmenbedingungen über mehrere Jahre. Claudia Hermes, Landesdirektorin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Moldau, sieht gute Chancen für deutsche Unternehmen bei der Energieeffizienz, etwa bei Dämmung, Energieaudits und Projekten der Kommunen.
Um Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung ging es im dritten Panel unter Moderation von Per Brodersen, Geschäftsführer der German Agribusiness Alliance (GAA). Victor Poparcea von der Invest Moldova Agency berichtete, dass sich die Agrarexporte des Landes in zehn Jahren auf 1,6 Milliarden Euro verdoppelt hätten. Zwei Drittel davon seien jedoch unverarbeitete Rohstoffe wie Getreide und Ölsaaten, die Regierung werbe deshalb gezielt um Investitionen in die Verarbeitung. Mike Eberle, CEO der Zuckersparte der Südzucker AG, die seit 25 Jahren in Moldau aktiv ist und dort rund 100 Millionen Euro investiert hat, sieht das Land heute dort, wo Polen und Rumänien vor 20 Jahren standen. Probleme bereiteten Klimarisiken, fehlende Bewässerung und verspätet ausgezahlte Agrarsubventionen. Er regte an, Bewässerungsprojekte gemeinsam mit KfW, Europäischer Investitionsbank und GIZ voranzutreiben und die duale Berufsausbildung auszubauen. „Klimarisiken können wir nicht beeinflussen, Marktrisiken nehmen wir in Kauf. Was wir nicht steuern können, ist Unberechenbarkeit“, so Eberle. Hansjörg Vollmer, Mitgründer von Intech Clean Energy, stellte Agri-Photovoltaik vor, bei der Solarmodule über Obstplantagen Strom erzeugen und die Pflanzen zugleich vor Frost schützen. Für solche Investitionen brauche es allerdings Stromabnahmeverträge über mehr als zehn Jahre.
Das vierte Panel widmete sich globalen Unternehmensdienstleistungen und der Digitalwirtschaft. Moderatorin Marina Bzovii, Direktorin des Moldova Innovation Technology Park (MITP), betonte, dass rund 90 Prozent der IT-Leistungen ins Ausland gingen und Moldau inzwischen fünfmal so viel Softwareentwicklung exportiere wie Wein. George Teodorescu, Vorstandsmitglied des MITP, erläuterte das Modell des virtuellen Technologieparks mit rund 3.000 Unternehmen: Statt Lohn- und Unternehmenssteuern zahlen sie eine Pauschalsteuer von sieben Prozent auf den Umsatz. Simon Obstbaum, Gründer von Yopeso und seit 20 Jahren in Moldau tätig, lobte das Verhältnis von Kosten und Qualität der Fachkräfte, das er so in keinem anderen Land finde. Roman Belter, COO von AppsFactory, berichtete, dass sein Unternehmen vor drei Jahren einen Standort in Moldau eröffnet habe, an dem heute rund 60 Menschen arbeiten. Die Teams dort seien eng in die Projekte mit deutschen Kunden eingebunden. Künstliche Intelligenz werde die Arbeit von Entwicklern verändern: Weniger Zeit fließe ins Programmieren, mehr in die Analyse von Anforderungen und den Austausch mit Kunden. Umso wichtiger würden nahe Standorte wie Moldau, an denen die Teams ähnlich arbeiten und sich gut verständigen können. Gheorghe Ghirjev, CEO von BSW-Tech, wünschte sich mehr direkte Aufträge aus Deutschland. Moldauische Teams arbeiteten bereits an Projekten für BMW oder Volvo mit, meist aber über Zwischenhändler und daher unbemerkt.
Zum Abschluss ging es in einem Kamingespräch unter Moderation von Axel Lohse, Leiter GUS/Südosteuropa bei Germany Trade & Invest (GTAI), um Bau und Infrastruktur. Geld sei für Infrastrukturprojekte kein Engpass mehr, betonte Sergiu Gutu, stellvertretender Landesdirektor der KfW in Moldau. Neben gut 150 Millionen Euro an Zuschüssen der Bundesregierung über die KfW stünden allein aus dem Wachstumsplan der EU 1,9 Milliarden Euro bereit. Das größte Hindernis sei die begrenzte Kapazität, Projekte umzusetzen. Stefan Birau, CEO von Holcim Moldova, bestätigte, dass im Land Bauunternehmen mit Erfahrung bei Großprojekten wie Straßen, Brücken oder Krankenhäusern fehlten. Oft beteilige sich an Ausschreibungen niemand. Abhilfe sollen eine im September gestartete staatliche Agentur für große Entwicklungsprojekte und eine Verwaltungsreform schaffen, mit der die Zahl der Gemeinden von rund 900 auf unter 300 sinken soll. Chancen für deutsche Unternehmen sah Gutu unter anderem bei Wasser- und Abwassertechnik, Energieeffizienz und Stromnetzen sowie bei Planung und Bauüberwachung. Birau warb vor allem um erfahrene Baufirmen, die Personal und Gerät für Großprojekte mitbringen.
Der Tenor der Veranstaltung war eindeutig: Moldau will mit einer ambitionierten Reformagenda möglichst schnell alle Kriterien für einen EU-Beitritt erfüllen und sich in europäische Wertschöpfungsketten integrieren. Für deutsche Investoren eröffnet dies attraktive Marktchancen. Zugleich können deutsche Investitionen und Partnerschaften einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilisierung des Landes und Absicherung des Reformkurses leisten.
Andreas Metz, Aman Magauin
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft
Alena Akulich
Regionaldirektorin Osteuropa
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