Mit ihrem gemeinsamen Auftritt beim Deutsch-Kasachischen Wirtschaftsforum in Berlin am 29. September haben der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der wirtschaftlichen Partnerschaft beider Länder weiteren politischen Rückenwind gegeben. Vor über 200 Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft beider Länder warben beide Staatsoberhäupter für eine engere Zusammenarbeit in einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen und tiefgreifender Veränderungen der Weltwirtschaft. An der Veranstaltung nahmen außerdem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, Bildungsministerin Karin Prien, der kasachische Industrie- und Bauminister Yersain Nagaspayev und Transportminister Nurlan Sauranbajew teil.
Das Wirtschaftsforum im Berliner Haus der Deutschen Wirtschaft stand dann auch unter dem Titel „Zukunftsorientierte umfassende Partnerschaft“. Organisiert wurde es gemeinsam vom Ost-Ausschuss, der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien (AHK) und der Botschaft der Republik Kasachstan. Im Mittelpunkt standen Kooperationsmöglichkeiten in den Bereichen Industrie, strategische Rohstoffe, Energie sowie Transport und Logistik.
Eröffnet wurde das Wirtschaftsforum von DIHK-Präsident Peter Adrian, Industrie- und Bauminister Yersain Nagaspayev und Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms. Der DIHK-Präsident würdigte, dass der Ost-Ausschuss erheblich dazu beigetragen habe, dass die Region Zentralasien in den Fokus der deutschen Wirtschaft geraten sei. Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Harms zeigte sich von der Breite und Tiefe der mittlerweile entstandenen Zusammenarbeit beeindruckt. „Die intensive Arbeit der vergangenen Jahre hat sich gelohnt“, sagte Harms. „Deutsche und kasachische Unternehmen sind heute in einer Vielzahl von Projekten miteinander verbunden.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stellte die strategische Bedeutung Zentralasiens für Deutschland und Europa heraus. Die Region sei keine Peripherie, sondern angesichts der Veränderungen in der internationalen Ordnung von überragender Bedeutung. Kasachstan sei ein wichtiger Partner für Deutschland, wenn es um die Diversifizierung von Lieferketten, Energie- und Rohstoffbeziehungen sowie um gemeinsame Antworten auf den Klimawandel gehe. Beide Länder ergänzten sich in wichtigen Bereichen: Kasachstan wolle seine wirtschaftliche Struktur diversifizieren und mehr Wertschöpfung im eigenen Land schaffen. Deutsche Unternehmen könnten dafür Kapital, Technologie und Know-how einbringen.
Der Bundespräsident dankte Kasachstan unter großem Applaus ausdrücklich für seinen Beitrag zur deutschen Energieversorgung. Präsident Tokajew hatte 2023 zugesagt, die Öllieferungen nach Deutschland auszubauen, um den Ausfall russischer Öllieferungen für die PCK-Raffinerie in Schwedt teilweise auszugleichen. Kasachstan spielt damit eine stabilisierende Rolle für die deutsche und europäische Energieversorgung. Bereits heute entfällt ein großer Teil der deutschen Einfuhren aus dem zentralasiatischen Land auf Erdöl und Erdgas.
Gleichzeitig richtete Steinmeier den Blick nach vorn. Die künftige Zusammenarbeit müsse verstärkt erneuerbare Energien, Energieeffizienz und grünen Wasserstoff umfassen. Auch der Ausbau des Mittleren Korridors als strategische Verkehrsverbindung zwischen Europa und Asien biete beiden Ländern große Chancen. „Die Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit kann nur lauten: mehr Zusammenarbeit, mehr Austausch und noch dichtere Netze“, sagte der Bundespräsident. Dies gelte auch dann, wenn Deutschland und Kasachstan nicht in jeder Frage dieselben Ansichten verträten.
Präsident Tokajew bezeichnete die Teilnahme von Bundespräsident Steinmeier an dem Wirtschaftsforum als sichtbares Zeichen für die hohe Qualität der bilateralen Beziehungen. Deutschland nehme in den Beziehungen Kasachstans zur Europäischen Union einen besonderen Platz ein. „Ein starkes Deutschland ist wichtig für Europa, und ein starkes Europa ist wichtig für Kasachstan“, sagte Tokajew.
Der kasachische Präsident verwies auf die umfassende wirtschaftliche und politische Reformagenda seines Landes mit dem Ziel, langfristige Grundlagen für Wachstum, Investitionen und industrielle Entwicklung zu schaffen. Dazu gehörten klare Regeln für Investitionen, vereinfachte Verwaltungsverfahren und bessere Bedingungen für internationale Unternehmen. Im Zentrum der nächsten Phase der deutsch-kasachischen Beziehungen soll nach den Vorstellungen des Präsidenten eine gemeinsame industrielle Initiative stehen. Produktion in Kasachstan müsse mit deutschem Know-how und deutscher Technologie verbunden werden. Auch bei der Modernisierung des Stromsektors und der Energieinfrastruktur setzt das Land auf deutsche Technik. Bereits heute engagierten sich zahlreiche deutsche Unternehmen erfolgreich im Land.
Die Partnerschaft müsse aber noch stärker zu einem zweiseitigen Prozess werden. Kasachstan wolle nicht allein deutsche Maschinen und Anlagen importieren, sondern zunehmend selbst hochwertige Waren produzieren und exportieren. Dazu gehörten beispielsweise Produkte für den Eisenbahnsektor. Ausländische Investitionen sollten mit lokaler Wertschöpfung, Technologietransfer und beruflicher Qualifizierung verbunden werden. Jede größere Investition solle zugleich ein Ausbildungszentrum werden. „So wird Technologie zu Wissen“, sagte der Präsident.
Auch bei der Förderung und Verarbeitung strategischer Rohstoffe sucht Kasachstan die Kooperation mit Deutschland. Ziel sei es jedoch nicht, dauerhaft am Anfang der Wertschöpfungskette zu stehen. Kasachstan wolle Rohstoffe stärker im eigenen Land verarbeiten und auch in Landwirtschaft und Industrie schrittweise eine höhere Wertschöpfung erreichen. Langfristig wolle Kasachstan nicht nur moderne Ausrüstung importieren, sondern selbst zu einem Produzenten und Exporteur solcher Technologien werden. Zum Abschluss seiner Rede brachte Tokajew die Grundlage der bilateralen Beziehungen auf Deutsch auf den Punkt: „Vertrauen verbindet uns.“
Zuvor hatten Transportminister Nurlan Sauranbajew und Unternehmensvertreter aus beiden Ländern die Potenziale der Zusammenarbeit insbesondere in der Industrie sowie im Rohstoff- und Verkehrssektor diskutiert. Kasachstan investiert sowohl in die geologische Erkundung seiner Rohstoffvorkommen als auch in neue Eisenbahnlinien, die Modernisierung seiner Häfen am Kaspischen Meer, in digitale Netze und Rechenzentren. Entlang der transkaspischen Route, dem sogenannten Mittleren Korridor sollen perspektivisch logistische und industrielle Hubs entstehen, die nicht nur dem Transit, sondern auch der wirtschaftlichen Entwicklung der gesamten Region dienen. Der Mittlere Korridor sei nicht lediglich als Ausweichroute zu betrachten, sondern eine eigenständige Verbindung zwischen Europa und Zentralasien, die weiterentwickelt und an ihren Schlüsselstellen ausgebaut werden müsse, sagte Niko Warbanoff (DB E.C.O. Group/DB International Operations GmbH), der scheidende Sprecher des Arbeitskreises Zentralasien im Ost-Ausschuss. Wichtig sind bei alledem international anerkannte Standards und tragfähige Finanzierungsmodelle.
Ein wiederkehrendes Thema des Forums war die Qualifizierung von Fachkräften. Die wirtschaftliche Entwicklung Kasachstans und der Erfolg neuer Investitionsprojekte hängen wesentlich davon ab, ob ausreichend gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Deutschland und Kasachstan verfügen mit der Deutsch-Kasachischen Universität und verschiedenen bilateralen Berufsbildungsprojekten bereits über tragfähige Strukturen. Künftig sollen Investitionen und Ausbildung noch enger miteinander verbunden werden.
Es wurde aber nicht nur geredet und diskutiert, sondern zugleich Nägel mit Köpfen gemacht: Begleitet wurde das Forum von der öffentlichen Unterzeichnung von 23 bilateralen Vereinbarungen zwischen deutschen und kasachischen Ministerien und Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. An der Unterzeichnungszeremonie nahmen beide Bundesministerinnen teil. Damit wurde deutlich, dass die deutsch-kasachische Zusammenarbeit längst über politische Absichtserklärungen hinausgeht und sich in konkreten Investitionen, industriellen Partnerschaften und langfristigen Unternehmenskooperationen niederschlägt.
Christian Himmighoffen
Leiter Presse und Kommunikation
Christian Himmighoffen
Leiter Presse und Kommunikation
T. +49 30 206167-122
C.Himmighoffen@oa-ev.de
Kontakt Newsletter
