Eine vom Ost-Ausschuss zusammengestellte Unternehmensdelegation begleitete Bundesumweltminister Carsten Schneider und den Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, Sören Bartol, vom 18. bis 20. August bei ihren Besuchen in Kyjiw und der westukrainischen Metropole Lwiw. Im Mittelpunkt der Gespräche unter anderem mit Vize-Ministerpräsident Denys Schmyhal und Wirtschaftsminister Oleksandr Kravchenko stand die Zusammenarbeit in allen Bereichen der grünen Transformation, von erneuerbaren Energien über Abfallmanagement bis hin zu Wasserversorgung und Umweltschutz. In beiden Städten hatten die teilnehmenden Unternehmensvertreterinnen und Unternehmensvertreter zudem die Gelegenheit, sich mit deutschen und ukrainischen Unternehmen vor Ort auszutauschen.
Der Begriff „Dezentralisierung“ zog sich dabei wie ein roter Faden durch die zahlreichen Besuche und Gespräche in Kyjiw und Lwiw. Die Ukraine will den Wiederaufbau des Landes eng mit einer dezentralisierten Energieversorgung und dem grünen Umbau verknüpfen. Der Wiederaufbau ist keine bloße Rekonstruktion, sondern auch ein Neuaufbau. Deutsche Unternehmen sind dabei mit ihrer Expertise gefragte Partner als Zulieferer und Investoren. Deutschland unterstützt als einer der größten Geberstaaten die nachhaltige, klima- und umweltfreundliche Erneuerung der Ukraine mit finanziellen Mitteln und technischer Unterstützung. Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) unterstützt die Ukraine zudem bei der weiteren Annäherung an die Europäische Union im Umwelt- und Klimabereich.
Bei von mehrfachem Luftalarm begleiteten Treffen mit dem Stellvertretenden Ministerpräsidenten und Energieminister Denys Schmyhal, Wirtschafts- und Umweltminister Oleksandr Kravchenko sowie dem Minister für Wiederaufbau, Infrastruktur und Transport, Mykola Kalashnyk, hatte die Unternehmensdelegation Gelegenheit, sich über Strategien und Pläne der Regierung in den Bereichen Wiederaufbau, Energie, Abfallmanagement, Wasser- und Abwasserversorgung sowie grüne Transformation zu informieren sowie eigene Projekte vorzustellen und Probleme anzusprechen.
Im Energiesektor steht die Ukraine vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss die aktuelle Energieversorgung sicherstellen und zugleich ein resilientes Energiesystem für die Zukunft aufbauen. Das Land bewegt sich schrittweise weg von einem stark zentralisierten Modell hin zu dezentraler Stromerzeugung, Batteriespeichern, intelligenten Stromnetzen, kommunalen Energieprojekten und „Prosumern“, die Strom sowohl verbrauchen als auch erzeugen. Versorgungssicherheit soll künftig stärker auf lokaler Ebene gewährleistet werden. Auch wenn die Kernenergie ein Hauptpfeiler der Energieversorgung bleiben soll, setzt die Ukraine verstärkt auf erneuerbare Energien, die sich besonders für die dezentrale Versorgung eignen. „Durch die Zerstörung von Kohlekraftwerken und Erzeugungskapazitäten zwingen die Russen uns geradezu, erneuerbare Energien zu implementieren“, sagte Energieminister Schmyhal, der von hochrangigen Vertretern ukrainischer Energieunternehmen begleitet wurde – ein Zeichen für die hohe Wertschätzung, die der deutsche Besuch genoss.
Hindernisse für das deutsche Engagement sind unter anderem unzureichende Regulierungen im Energiesektor, abgeschottete Märkte in einzelnen Branchen wie der Kabelproduktion sowie die Schwierigkeit europäischer Anbieter, bei öffentlichen Ausschreibungen zum Zuge zu kommen. Die Orientierung allein am Preis, mangelnde Transparenz und überzogene Lokalisierungsvorschriften führen häufig dazu, dass chinesische Anbieter den Zuschlag erhalten. Wirtschaftsminister Kravchenko räumte ein, dass das Investitionsklima in der Ukraine „nicht stellar“ sei. Ein transparenter Ausschreibungsmechanismus sei daher von zentraler Bedeutung. Abhilfe ist zumindest in Sicht: Die vollständige Angleichung der Beschaffungsvorschriften an EU-Richtlinien ist eine Auflage von Weltbank und Europäischer Union und muss bis September 2027 umgesetzt werden.
Im Gespräch mit Wiederaufbauminister Kalashnyk ging es schwerpunktmäßig um die Wasserversorgung, die dezentralisiert und modernisiert werden soll, sowie um Public-Private-Partnership-Projekte (PPP-Projekte) in der Verkehrsinfrastruktur sowie der Wärme-, Wasser- und Abwasserwirtschaft. Die Ausschreibungen für neue PPP-Projekte sollen im September 2026 starten.
Im Rahmen des Besuchs fand außerdem ein deutsch-ukrainischer GreenTech Investment Round Table mit fast 100 Teilnehmenden statt, der vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) und der Deutschen Industrie- und Handelskammer Ukraine (AHK Ukraine) in Kooperation mit dem Ost-Ausschuss organisiert wurde. Der deutsche GreenTech-Sektor, zu dem unter anderem Unternehmen aus den Bereichen Recycling, erneuerbare Energien und Umwelttechnik gehören, wächst deutlich schneller als viele klassische Industriezweige und kann einen erheblichen Beitrag zur Erneuerung und Sicherung der Infrastruktur in der Ukraine leisten. Unternehmensvertreterinnen und Investoren aus Deutschland und der Ukraine diskutierten Rahmen- und Finanzierungsbedingungen sowie zentrale Erfolgsfaktoren für Unternehmen in der Ukraine und welche Lösungen deutsche Unternehmen anbieten können.
Vertreterinnen und Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sowie internationaler Finanzinstitutionen wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), der Europäischen Investitionsbank (EIB) und der Weltbank präsentierten zudem ihre Finanzierungsangebote. „Eine nachhaltige Erneuerung der Infrastruktur ist zentral für Resilienz, langfristiges Wachstum und Wohlstand in der Ukraine“, sagte Bundesumweltminister Schneider zur Eröffnung. „Deutschland steht bereit, mit Know-how, Technologie und passgenauer Zusammenarbeit zu unterstützen – von Umwelt- und Klimatechnologien bis hin zum Schutz des einzigartigen ukrainischen Naturerbes.“ Die Ukraine kämpft nach Angaben des BMUKN insbesondere mit Sonderabfällen infolge der Kriegszerstörungen, muss Beton- und Metallschrott aus zerstörten Gebäuden wiederverwerten und benötigt dringend bessere Stromnetze für die Integration erneuerbarer Energien.
Bei zwei Unternehmensbesuchen in Kyjiw wurde deutlich, vor welchen Herausforderungen die Ukraine trotz bemerkenswerter Anpassungsleistungen weiterhin steht. Beim kommunalen Abfallentsorger Kyivkommunservice, der rund 58 Prozent des Kyjiwer Marktes bedient, standen Fragen der Kreislaufwirtschaft und der Modernisierung der Entsorgungsinfrastruktur im Mittelpunkt. Während noch immer etwa 85 Prozent der Abfälle deponiert werden, wurde 2025 ein neuer Komplex zur Sortierung und Verwertung getrennt gesammelter Haushaltsabfälle in Betrieb genommen, der inzwischen durch eine Drohnenschutzwand gesichert wird. Internationale Unterstützung zeigt sich unter anderem in der Bereitstellung von Müllfahrzeugen durch die Städte München und Leipzig.
Auch der deutsche Baustoffhersteller Knauf Gips agiert angesichts der Herausforderungen des Krieges mit beeindruckender Flexibilität. Nach der Zerstörung des Knauf-Werks im Donbass im Jahr 2022 verlagerte das Unternehmen Teile der Produktion und zahlreiche Beschäftigte nach Kyjiw und investiert gleichzeitig in einen neuen Standort in Borshchiv. Neben Nachhaltigkeitsmaßnahmen zur Reduzierung von Wasserverbrauch und Emissionen prägen vor allem der Fachkräftemangel und die Mobilisierung die Unternehmensrealität. Insbesondere die stark wachsende Drohnenindustrie verschärft den Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte. Trotz aktuell guter Geschäftszahlen erwartet das Unternehmen nach dem Krieg deutlich anspruchsvollere Marktbedingungen aufgrund eines verschärften Wettbewerbs.
Trotz der bemerkenswerten Anpassungsfähigkeit vieler Unternehmen bleibt die wirtschaftliche Lage herausfordernd. Die Intensivierung der russischen Angriffe setzt Infrastruktur und Wirtschaft zunehmend unter Druck und erschwert Investitionen sowie Produktionsabläufe. Entsprechend wurden die Wachstumserwartungen für die Ukraine in den vergangenen Monaten nach unten korrigiert. Die Regierung geht inzwischen nur noch von einem Wachstum von 1,4 Prozent aus; einzelne Expertinnen und Experten halten sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung für möglich.
Im Anschluss an den Aufenthalt in Kyjiw begleitete die Ost-Ausschuss-Delegation Staatssekretär Sören Bartol bei seinem Besuch in Lwiw und informierte sich dort über die energetische Sanierung von Wohngebäuden und den sozialen Wohnungsbau. In teils wenigen Monaten werden hier mit internationaler Unterstützung Sanierungs- und Neubauvorhaben umgesetzt. Im Stadtteil Sychiw wird mit finanzieller Beteiligung der Bewohner ein kriegsbeschädigtes Gebäude energetisch modernisiert. Im Neubaugebiet Lwiw-Nord, wo Wohnungen für Kriegsveteraninnen und Kriegsveteranen sowie Binnenvertriebene entstehen, gehören Solaranlagen und Wärmepumpen zum Standard. Der große Bedarf zwingt zu schnellen Lösungen durch modulares und serielles Bauen, während dezentrale Energieversorgungskonzepte gleichzeitig die Resilienz stärken.
Daran anknüpfend stand ein sehr bewegender Besuch im hochmodernen Rehabilitationszentrum „Unbroken“ auf dem Programm, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt wird. Dort werden verwundete, häufig von Amputationen betroffene Soldatinnen und Soldaten medizinisch, therapeutisch und psychologisch betreut.
Zum Abschluss wurden bei einem Business Round Table im Rathaus unter Leitung des Ersten Stellvertretenden Bürgermeisters von Lwiw, Andrij Moskalenko, und Staatssekretär Bartol Kooperationsmöglichkeiten zwischen ukrainischen und deutschen Unternehmen insbesondere in den Bereichen Energie, Wasserversorgung, erneuerbare Energien und grüne Transformation erörtert.
Die Stadt präsentierte sich dabei als dynamisches Wirtschaftszentrum mit rund einer Million Einwohnern, 100.000 Studierenden und einer widerstandsfähigen Wirtschaft, deren Bruttoinlandsprodukt trotz des Krieges seit 2020 um rund 30 Prozent gewachsen ist. Vorgestellt wurden zahlreiche Projekte zum Ausbau dezentraler und erneuerbarer Energieversorgung, zur Energieeffizienz sowie im Wasser- und Abfallsektor. Zudem wurden innovative Unternehmenscluster in den Bereichen Informationstechnologie, Automobilindustrie und Möbelproduktion präsentiert. Zugleich wurden die erheblichen Herausforderungen durch den Krieg, insbesondere bei Wohnraum, Infrastruktur und der Versorgung von Veteranen und Binnenvertriebenen, deutlich. Deutsche Unternehmen wurden ausdrücklich zur Beteiligung an den laufenden Investitions- und Wiederaufbauprojekten eingeladen.
Neben zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Terminen gab es für die deutschen Teilnehmenden auch Gelegenheit, einen Eindruck vom Leben vor Ort angesichts des anhaltenden russischen Terrors zu gewinnen, der durch den Mangel an Luftverteidigungssystemen immer größere Schäden verursacht. Neben dem unermesslichen Leid und der Trauer um die vielen Opfer des Krieges zeigen die Menschen in der Ukraine einen ungebrochenen Widerstandswillen und teilweise sogar Aufbruchsstimmung. Der Wille, ein neues, demokratisches und modernes Land aufzubauen, ist überall spürbar.
Dabei ist der Know-how-Transfer keine Einbahnstraße, wie die beeindruckende Geschwindigkeit der ukrainischen Seite etwa bei der Reparatur zerstörter Infrastruktur, der energetischen Sanierung beschädigter Gebäude und beim Wohnungsbau zeigt. „Umgekehrt können wir in Sachen Innovationsfähigkeit, Krisenmanagement und Resilienz auch vieles von der Ukraine lernen“, sagte Bundesumweltminister Schneider.
Solche Besuche, so wurde vielfach deutlich, werden in der Ukraine als wichtige Zeichen der Solidarität und des langfristigen deutschen Engagements wahrgenommen.
Christian Himmighoffen
Leiter Presse und Kommunikation
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Christian Himmighoffen
Leiter Presse und Kommunikation
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