Quo vadis Sotschi?

15. Mai 2009

Finden die Olympischen Winterspiele 2014 tatsächlich statt?

Dass die Russen es mittlerweile hervorragend verstehen, größere Bauvorhaben umzusetzen, sieht man jedes Mal, wenn man die russische Hauptstadt besucht. Die Stadt wandelt sich stetig, auch der Weg von den Flughäfen ins Zentrum ist inzwischen bequemer geworden. Jeder der drei großen Flughäfen ist inzwischen mit einem Aeroexpress-Zug mit der Stadt verbunden – Stau muss nicht mehr notwendigerweise die Konsequenz eines Moskaubesuchs sein.

Nun ist aber der Bau von drei Eisenbahnstrecken schwerlich mit der komplexen Aufgabe vergleichbar, Olympische Winterspiele in den Subtropen zu veranstalten. Zumal in Sotschi von der Infrastruktur bis zu den Sportstätten alles neu gebaut werden muss. Die internationale Presse hat in letzter Zeit angesichts der Wirtschaftskrise von Problemen bei der Vorbereitung auf das Jahr 2014 berichtet. Von abspringenden Investoren und schrumpfenden Budgets ist die Rede. Nicht wenige befürchten schon ein Scheitern der Pläne.

Um die deutschen Unternehmen über die aktuelle Lage zu informieren, luden der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer mit Unterstützung des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie deutsche Unternehmen zur Podiumsdiskussion „Sotschi 2014 als Chance für deutsche Unternehmen“ am 23. April 2009 nach Moskau ein. Vertreter von 220 deutschen Unternehmen nutzten diese Gelegenheit.

Alexej Beresnitzkij, Abteilungsleiter Auftragsvergabe der SK „Olympstroy“, erläuterte das Programm zum Ausbau Sotschis zur Olympiastadt und zum ganzjährigen Kurort. Dieses sehe 214 Projekte vor, von denen 55 durch „Olympstroy“ finanziert würden. Die übrigen Projekte liegen in der Verantwortung von Ministerien oder Privatinvestoren. Unternehmen können in allen Stadien in die Projektumsetzung einsteigen, sei es als Investor, als Subunternehmer oder als Partner eines russischen Unternehmens. Beresnitzkij berichtete ausführlich über das Auswahlprozedere bei den Ausschreibungen. Diese werden auf der Homepage von Olympstroy veröffentlicht, die Unterlagen kosten 1.000 Euro. Der Entscheidungsprozess laufe möglichst transparent und offen ab. Dabei sei es dennoch ratsam, den Rat eines russlandkundigen Juristen einzuholen, denn auch der kleinste Fehler bei der Einreichung von Bewerbungsunterlagen führe zu einer Disqualifikation. Die Kriterien bei der Bewertung seien klar gewichtet. Zu 60 Prozent spiele das Know-how und die Qualifikation des potenziellen Investors eine Rolle, zu 40 Prozent der Preis. Bald werde sich diese Gewichtung aber umkehren, der Preis werde in der Zukunft eine stärkere Rolle spielen. Diese Entwicklung kommt vor allem den russischen Investoren zu gute, denn diese können vor allem bei den Löhnen gegenüber den ausländischen Mitbewerbern punkten. Dennoch sei das Know-how ausländischer Unternehmen gefragt. So haben aktuell rund 50 Prozent der russischen Ausschreibungsgewinner einen ausländischen Partner im Portfolio. Deutsche Unternehmen seien als Partner sehr erwünscht, betonte Beresnizkij.

In der anschließenden Fragerunde erläuterte der Experte, dass die Einschaltung russischer Anwälte bei Ausschreibungen nicht zwingend erforderlich, aber anzuraten sei. Weitere 159 Projekte sind in Sotschi noch geplant. Diese würden auf der Homepage der jeweils zuständigen Ministerien veröffentlicht. Eine Übersicht dazu gebe es auf der Internetpräsenz von Olympstroy. Inzwischen habe man sich stark mit dem bestehenden Problem der Infrastruktur für die Bauvorhaben beschäftigt. Zwei Eisenbahnstrecken seien bereits fertig gestellt, zwei Häfen kurz vor der Vollendung. Alles verlaufe nach Plan. Die Themen Umweltverträglichkeit und Energieeffizienz seien bei den Projekten enorm wichtig, gesetzlich festgeschrieben seien diese Ziele allerdings noch nicht.

Im zweiten Teil der Veranstaltung kamen Vertreter deutscher Unternehmen wie Siemens, Robert Bosch GmbH, Drees & Sommer, Zeppelin und Strabag zu Wort, die bereits in Sotschi aktiv sind. Diese berichteten von Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Projektverantwortlichen. Zudem sei die Infrastruktur noch lange nicht soweit, um den Ansturm von benötigtem Baumaterial zu bewältigen. Kritisch wurde auch angemerkt, dass deutsche Unternehmen beim Preis nur schwer mit der Konkurrenz mithalten könnten. Beresnitzkij empfahl deshalb, Subunternehmer bei einem russischen Ausschreibungsgewinner zu werden oder sich auch gemeinsam mit einem russischen Partner um eine Ausschreibung zu bemühen.

Grundsätzlich waren sich am Ende dennoch alle Beteiligten einig: Die Olympiade in Sotschi wird pünktlich und erfolgreich stattfinden. Offen bleibt nur die Frage, wer 2014 die Medaillenwertung gewinnen wird. Hier ist Russland sowohl bei den deutschen als auch bei den russischen Teilnehmern klarer Favorit.

Eduard Kinsbruner
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft