Die ländlichen Räume Osteuropas in Zeiten der Urbanisierung

22. Januar 2016

Experten diskutieren auf dem GFFA-Fachpodium anlässlich der Internationalen Grünen Woche in Berlin über Strategien und Lösungsansätze

Unter dem Titel „Urbanisierung, Migration und Strukturwandel – Herausforderungen und Strategien für den Agrarsektor Osteuropas“ richtete das Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft am 14. Januar 2016 auf dem Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) ein Fachpodium aus. Auf der Veranstaltung tauschten sich Vertreter aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft gemeinsam mit rund 130 Gästen über die anstehenden Herausforderungen hinsichtlich der Nahrungsmittelversorgung wachsender Städte bei gleichzeitiger Migration aus den ländlichen Räumen Osteuropas aus. Das GFFA ist eine internationale Konferenz zu agrarpolitischen Fragenstellungen der Ernährungssicherung und findet jährlich im Rahmen der Internationalen Grünen Woche in Berlin unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) statt.

Mit Blick auf die große Heterogenität zwischen den boomenden Metropolen und ländlichen Gebieten Russlands eröffnete IAMO-Direktor Thomas Glauben das diesjährige GFFA-Fachpodium. Der Wohlstand in Bezug auf Wirtschaftskraft, Zugang zu Märkten, Berufs- und Einkommenschancen sowie sozialen Infrastrukturen konzentriert sich lediglich auf einige wenige der über 80 Regionen des Landes. Urbane Zentren entfalten auf die Bevölkerung eine hohe Sogwirkung, was zunehmend zur Abwanderung von insbesondere jungen Menschen aus den ländlich geprägten Gebieten führt. Unterentwickelte Regionen geraten häufig in einen Teufelskreis. Sie werden noch unattraktiver und verlieren immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte. Diese Entwicklung wirkt sich nicht nur auf einzelne Regionen Russlands aus, sondern hemmt insgesamt das Wachstum strategisch wichtiger Wirtschaftssektoren, darunter die Nahrungsmittelproduktion, bei gleichzeitig steigendem Bedarf an hochwertigen und gesunden Lebensmitteln in den Städten.

„Grundlagen für das Leben in den Städten“

Beginnend mit den Worten „moderne Landwirtschaft bildet die Grundlage für das Leben in der Stadt“ leitete Robert Kloos, Staatssekretär im BMEL, seine Rede auf dem Podium ein. Er machte darauf aufmerksam, dass aktuell nur noch jeder Vierte in Russland auf dem Land lebt. Wo zu Sowjetzeiten die Landflucht durch staatliche Maßnahmen verhindert werden konnte, stellt heute die steigende Migration gut ausgebildeter Fachkräfte die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Der Ausbau von Wertschöpfungsketten durch die Ansiedlung verarbeitender Betriebe vor Ort ist ein möglicher Lösungsansatz, um neue Perspektiven für die ländlichen Regionen zu schaffen. Kritisch äußerte sich Kloos aber zu protektionistischen Tendenzen in Russland: „Die Abschottung wird auf Dauer nicht bestehen. Dann wird sich zeigen, ob die Strukturen wettbewerbsfähig sind.“

In der anschließenden Diskussionsrunde sprach Moderator Franz-Georg von Busse, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss, mit den Podiumsgästen über die Potenziale und Herausforderungen der Landwirtschaft und ländlichen Räume in Zeiten der Urbanisierung mit Schwerpunkt Russland. Raimund Jehle, Programmverantwortlicher des Regionalbüros der FAO für Europa und Zentralasien, beschäftigte sich mit dem Phänomen der Landflucht. Die Migrationsbewegungen vom Land in die Städte aber auch in andere Staaten sind vor allem dem Wunsch der Menschen nach besseren Lebensbedingungen geschuldet. Diese Tendenz ist in Ländern mit großbetrieblichen Agrarstrukturen stärker als in Regionen mit kleinbäuerlichen Betrieben zu beobachten. Um der Landflucht entgegenzuwirken, empfiehlt Jehle die Bedingungen für die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte durch betriebliche Strukturen und den Einfluss von Agrargenossenschaften zu verbessern.

Auch Oleksandr Perekhozhuk, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des IAMO, bestätigte in seinem Statement, dass in vielen ländlichen Regionen Russlands ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften besteht. Junge Menschen vom Land gehen für eine Ausbildung oder ein Studium in die Städte, kommen jedoch nach ihrer Qualifizierung nur selten in ihre Heimatregionen zurück. Ein weiteres Problem besteht darin, dass ein Teil der Großbetriebe auf dem Land juristisch in großen Städten registriert sind. Die Steuereinnahmen kommen somit nicht den ländlichen Kommunen für die Zahlung von Arbeitslöhnen, den Ausbau der Infrastruktur und von sozialen Einrichtungen zugute. Perekhozhuk schlägt eine Dezentralisierung der Agrarstrukturen vor, indem vor allem mittelständische Betriebe stärker gefördert und Steuern direkt am Unternehmensstandort abgeführt werden.

Eine Sichtweise aus der Praxis präsentierte der Inhaber des russischen Lebensmittelunternehmens „IP Kiryanov“, Aleksey Kiryanov. Der Produzent von Konservenfleisch berichtete, dass in der Region Belgorod ein hoher Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften besteht. Insbesondere Agroholdings in der näheren Umgebung haben es schwer, selbst bei guter Gehaltszahlung ausreichend Fachkräfte für ihre Unternehmen zu gewinnen. Die Förderung der lokalen Agrarbetriebe durch die russische Regierung bewertet Kiryanov für das Wachstum der Region Belgorod positiv.

Verfügbarkeit von Fachkräften regional sehr unterschiedlich

Kerstin Müller, Programmleiterin Russland bei APOLLO e.V., ist für die Vermittlung von Praktikumsplätzen in der deutschen Landwirtschaft an russische Arbeitskräfte zuständig. Im Rahmen der Podiumsdiskussion hob sie hervor, dass die Verfügbarkeit von Fachkräften im russischen Agrarsektor regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Zugleich sind Arbeitssuchende in der Landwirtschaft oft nicht bereit, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen und wechseln daher eher die Berufsbranche. Ivonne Bollow, Leiterin Eastern Europe und International Affairs der Metro Group, erörterte den Stellenwert lokaler Produkte für die knapp 90 Großmärkte der Unternehmenskette in Russland. So beinhaltet der Verkauf lokaler Waren auf der einen Seite große Vorteile, wie beispielsweise geringe Transport-, Lager- und Zollkosten aber auch mögliche Produktvielfalt und schnelle Reaktion auf Konsumentenanforderungen. Andererseits ist es für kleine, lokale Produzenten oft schwer sich im Hinblick auf Preisbildung, Vermarktung und Händlerbeziehungen gegenüber den monopolartigen, nationalen Unternehmen behaupten zu können.

„Für die Versorgung des sich weiter urbanisierenden Landes und der Weltmärkte mit hochwertigen und gesunden Lebensmitteln sind ein moderner und produktiver Agrar- und Ernährungssektor sowie wettbewerbsfähige Nahrungsmittelketten erforderlich. Voraussetzung dafür sind gute Perspektiven für Unternehmen und Einkommensmöglichkeiten für qualifizierte Fachkräfte gepaart mit funktionstüchtigen Transport- und Marktinfrastrukturen. Es müssen lebendige ländliche Räume geschaffen werden, die nicht nur Raum für die Rohstoffproduktion, sondern auch für die Verarbeitung und den Handel von Nahrungsmitteln bieten“, erklärt IAMO-Direktor Thomas Glauben.

 

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

Über den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft ist als gemeinsames Organ der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft zentraler Ansprechpartner deutscher Unternehmen für die Märkte Russland, Belarus, Ukraine, Zentralasien, Süd-Kaukasus und Südosteuropa. Er begleitet wichtige wirtschaftspolitische Entwicklungen in den bilateralen Beziehungen mit diesen Ländern und fördert Handel, Investitionen und Dienstleistungstransfers deutscher Unternehmen in der Region.

In der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft / German Agribusiness Alliance engagieren sich führende deutsche Fachverbände und Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sowie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für die Kooperation mit Transformations- sowie Schwellen- und Entwicklungsländern im Agrar- und Ernährungssektor. Ziel der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft ist es, die Entwicklung der Landwirtschaft, Fischerei und Verarbeitungsindustrie in den Partnerländern im Sinne einer Modernisierungspartnerschaft durch die Bereitstellung von Know-how und modernen Betriebs- und Investitionsmitteln, die Förderung der Handelsbeziehungen sowie durch Direktinvestitionen aktiv zu unterstützen.