Vom 7. bis 10. April 2026 reiste der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Johann Saathoff in die Ukraine - mit dabei eine große Wirtschaftsdelegation, die das BMZ in enger Kooperation mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und der GHA – German Health Alliance zusammengestellt hatte. Der Fokus der Reise lag auf der Gesundheitswirtschaft mit Besuchen im Unbroken National Rehabilitation Center in Lwiw und im Ochmatdyt-Krankenhaus in Kyjiw. Hinzu kamen Netzwerktreffen mit Vertretern ukrainischer Unternehmen, Politikern und Fachverbänden.
Dass aus Deutschland eine größere Wirtschaftsdelegation in die Ukraine reist, ist vier Jahre nach Beginn der umfassenden russischen Invasion weiterhin eine Seltenheit. Bei den wenigen, bisherigen Delegationen dominierten die Themen Verteidigung und Energie. Staatssekretär Johann Saathoff ist es zu verdanken, dass jetzt mehr als ein Dutzend Vertreterinnen und Vertreter deutscher Unternehmen und Einrichtungen mit Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft gemeinsam eine Reihe von Treffen im westukrainischen Lwiw und in der Hauptstadt Kyjiw absolvieren und von der Organisation durch BMZ, GIZ und der Deutschen Botschaft Kyjiw profitieren konnten.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung setzte damit den „Team Deutschland“-Gedanken vorbildhaft in die Realität um: Der nachhaltige Wiederaufbau in der Ukraine benötigt ein enges Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft. Deutschland wiederum agiert am effektivsten, wenn es seine Hilfsangebote und Investitionen mit anderen Partnerländern und ukrainischen Stellen eng koordiniert.
Doch nicht nur die Ukraine profitiert von diesem Team-Ansatz: Der Wissenstransfer verläuft zunehmend in entgegengesetzte Richtung: In der Ukraine lässt sich (wieder) lernen, wie Prozesse beschleunigt werden können, welche Technik unter Kriegsbedingungen wirklich effektiv ist, wie mit wenig Geld effizient gewirtschaftet wird, wie IT-Systeme vor Cyberangriffen geschützt und wie Katastrophen-Schutz auch in Deutschland reorganisiert werden sollte.
Was im besten Sinne möglich ist, wenn Regierungen, Kommunen und Privatsektor vertrauensvoll zusammenarbeiten, zeigt in herausragender Weise das Rehabilitationszentrum Unbroken in Lwiw (Lemberg). Aus einem zu Sowjetzeiten gebauten und entsprechend rückständigen städtischen Krankenhaus am Stadtrand von Lwiw ist innerhalb von wenig mehr als zwei Jahren ein moderner Medizin-Cluster aus verschiedenen Einrichtungen entstanden, der heute das größte und modernste Rehabilitationszentrum in der Ukraine darstellt.
Die vielen Logos der Partner am Eingang des Zentrums sprechen eine deutliche Sprache: Neben der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des BMZ sind hier Städte wie Freiburg und Würzburg, das litauische Vilnius und das polnische Danzig genauso verewigt wie die Unternehmen Grohe oder Ikea sowie die Schweizerische Eidgenossenschaft. Siemens Healthineers, selbst in der Delegation vertreten, bildet im Krankenhaus angehende ukrainische Radiologen an modernsten Analysegeräten aus - ein Projekt zusammen mit GIZ Ukraine und dem ukrainischen Gesundheitsministerium im Rahmen des develoPPP-Programms des BMZ. Und im Zentrum für Orthopädietechnik – hauptsächlich mit deutschen Mitteln errichtet - verweist man stolz auf Hightech-Prothesen der deutschen Hersteller ottobock und AFT.
Als die Delegation vom polnischen Rzeszow kommend am frühen Nachmittag hier eintrifft und durch die Werkstätten läuft, in denen Arm- und Bein-, Hand- und Fußprothesen zunächst mit Gipsformen moduliert und dann ausgearbeitet und angepasst werden, ist der Krieg im fernen Osten der Ukraine auf einmal ganz nahe: 95 Prozent der Patienten sind Kriegsversehrte. Über 900 Prothesen wurden allein im letzten Jahr erstellt.
Zu dem beklemmenden Gefühl über den furchtbaren Preis, den die Ukraine in diesem Konflikt zahlt, gesellt sich das Staunen über die Fähigkeiten der modernen Medizintechnik, die sogar vollständig Bein- und Armamputierten das Autofahren wieder möglich machen, wie ein Veteran stolz demonstriert. „Unbroken“ ist hier Programm wie überhaupt in der ganzen Ukraine: Kriegsversehrten soll der Weg zurück in ein selbstbestimmtes und selbstwirksames Leben geebnet werden - auch mental.
„Unbroken“ hat große Pläne: Der Delegation wird eine Broschüre über eine neue Chirurgie übergeben, die möglichst bald entstehen soll und für die Partner gesucht werden. Weitere Einrichtungen sollen folgen und aus Lwiw einen „Medical Hub“ für Osteuropa machen. So lautet auch das Thema eines Netzwerktreffens mit ukrainischen Unternehmen der Medizinbranche, das am Abend im alt-ehrwürdigen Ratssaal des Rathauses von Lwiw stattfindet.
Beim abschließenden Abendessen entschuldigt Vizebürgermeister Andriy Moskalenko seinen Chef, der gerade Soldaten aus seiner Stadt an der Front besucht. Ebenso wie zuvor das Mittagessen findet das Treffen in einem der historischen Bürgerhäuser in der wunderschönen Altstadt von Lwiw statt, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Das Essen ist ausgezeichnet, alles wirkt wieder wie im tiefen Frieden - doch nur wenige Schritte weiter hatte die Delegation erst am Mittag kurzfristig den Anbau eines alten Benediktiner-Kloster besucht, in den am 24. März eine russische Shahed-Drohne eingeschlagen war.
Eine Stunde vor Mitternacht und dem Beginn der in der Ukraine geltenden Sperrstunde besteigt die Delegation dann am Lemberger Hauptbahnhof den Nachtzug nach Kyjiw. Zur „Begrüßung“ am nächsten Morgen gibt es dort gegen 8 Uhr direkt Luftalarm, der zum Glück nach einer Stunde vorübergeht und der einzige während der gesamten Delegationsreise bleiben sollte.
Kyjiw hinterlässt einen tiefen Eindruck. Die vitale Hauptstadt lebt gleichzeitig in zwei Realitäten: Neben von Raketen zerstörten Gebäuden entstehen moderne Neubauten, es eröffnen zahlreiche neue Unternehmen und innovative Technologien entwickeln sich rasant. In vielen Bereichen, besonders im Dienstleistungssektor, übertrifft das Serviceniveau mittlerweile viele europäische Standards. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen ist bewundernswert: Luftalarme gehören zum Alltag, doch dank der ukrainischen Luftverteidigung werden die schlimmsten Zerstörungen verhindert. Trotz chronischen Schlafmangels und ständiger Anspannung beginnt der Tag in Kyjiw jeden Morgen mit geschäftigem Leben: Die Straßen sind voller Autos, die U-Bahn voller Menschen, die zur Arbeit fahren und weiter ihre Unternehmen aufbauen. Die Stärke und der Humor der Menschen sind beeindruckend.
Darüber hinaus halten sich in der Hauptstadt inzwischen auch viele „Expats“ auf, die erst nach Kriegsbeginn in die Ukraine gekommen sind. Allein für die GIZ sind in der Ukraine rund 100 internationale Expertinnen und Experten tätig, wie Landesdirektor Daniel Busche erläutert, der die Delegation begleitet. Zudem sei die GIZ mit insgesamt 500 Ortskräften im Land aktiv.
Ein Höhepunkt des Aufenthalts in Kyjiw ist der Besuch im Kinderkrankenhaus Ochmatdyt. Nach einem schweren russischen Raketenangriff mit Todesopfern im Sommer 2024 wurden die zerstörten Teile des Krankenhauses inzwischen nicht nur fast vollständig wieder hergestellt, sondern sogar um neue Gebäude erweitert. GIZ und KfW haben auch hier einen großen Beitrag zur Finanzierung und Ausstattung geleistet. Im Herzzentrum des Krankenhauses können auch dank der Unterstützung der durch das BMZ geförderten Klinikpartnerschaft mit dem Herzzentrum der Berliner Charité inzwischen auch hochkomplexe Operationen unter anderem an Neugeborenen durchgeführt werden. Auch Ochmatdyt zeigt, wie internationale Professionalität und internationale Unterstützung selbst in Kriegszeiten Großes bewirken können.
Zum Programm der Delegation gehören außerdem Treffen mit den stellvertretenden Ministern für Wirtschaft und Gesundheit, der Besuch eines Prothesenzentrums und ein Mittagessen mit der Health Solutions Foundation. Unternehmerinnen und Unternehmer in der Ukraine sprechen weiterhin offen über das Problem der Korruption, das leider immer noch präsent ist. Gleichzeitig wird jedoch eine neue Generation von Führungskräften mit modernen europäischen Managementansätzen sichtbar. Sie sind Hoffnungsträger für langfristige Veränderungen.
Ein Empfang in der Deutschen Botschaft, an dem neben dem deutschen Botschafter Heiko Thoms zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter deutscher Unternehmen und Organisationen teilnehmen, die längerfristig in Kyjiw arbeiten, schließt die Reise ab. Danach besteigt die Delegation den Nachtzug Nr. 92, der morgens kurz nach 5 Uhr wohlbehalten bei Przemysl die Grenze zu Polen überquert.
Andreas Metz und Kateryna Kyslenko, Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft
Kateryna Kyslenko
Leiterin Service Desk Ukraine
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K.Kyslenko@oa-ev.de
Andreas Metz
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