Kartoffeln als zweites Brot

9. Februar 2017

Ost-Ausschuss informierte auf der Fruit Logistica über die russische Kartoffelwirtschaft/ Viel Spielraum für Verbesserungen

„Die Kartoffel ist das zweite Brot in Russland“, sagte Sergej Platonov, politischer Koordinator des Bundesverbands Deutscher Pflanzenzüchter e.V. (BDP) in Russland, und unterstrich damit die Bedeutung der Veranstaltung zur russischen Kartoffelwirtschaft, die der Ost-Ausschuss im Rahmen der Fachmesse Fruit Logistica 2017 veranstaltete. Rund 150 Teilnehmer informierten sich über die Kooperationsmöglichkeiten in einer Branche, die in Russland zunehmend im Zeichen der Importsubstitution steht.

Nach der Begrüßung durch Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms gab Torsten Spill, Geschäftsführer der Solana GmbH & Co. KG und Co-Vorsitzender der AG Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss, einen fundierten Überblick über die Situation der Kartoffelwirtschaft in Russland, deren enormes Potenzial er deutlich machte: Nur ein Fünftel der Kartoffelernte werde von Agrarunternehmen und bäuerlichen Betrieben erwirtschaftet, der große Rest zur Eigenversorgung durch die Bevölkerung. Die durchschnittlichen Erträge erreichten dabei nur ein Drittel des nordwesteuropäischen Durchschnitts. Dennoch hätten die russischen Agrarsanktionen zu einer Überproduktion von Kartoffeln geführt, die verstärkten Export und eine Erhöhung der Verarbeitungskapazitäten nötig machten.

Kritisch beurteilte Spill die Lokalisierungstendenzen im russischen Kartoffelanbau, insbesondere bei der Züchtung: „Genetik von Pflanzen ist international. Das kann man nicht lokalisieren.“ Grundsätzlich biete der Markt aber gute Perspektiven: „Der noch immer hohe Konsum an Kartoffeln und die positive Einstellung des russischen Verbrauchers gegenüber der Knollenfrucht bieten der Wirtschaft viele Chancen für neue Angebote“, sagte Spill: „Der russische Konsument liebt Kartoffeln.“

Stark regulierte Branche

In der anschließenden Diskussion mit deutschen und russischen Experten, die von Per Brodersen, dem Geschäftsführer der AG Agrarwirtschaft moderiert wurde, wurden vielfältige Aspekte der Kartoffelwirtschaft in Russland und Deutschland und die Kooperationsmöglichkeiten diskutiert. Es wurde deutlich, dass die Kartoffelwirtschaft in Russland eine stark regulierte Branche mit noch unterentwickelten Anbau-, Verarbeitungs- und Exportkapazitäten ist. So werden gerade einmal vier Prozent der Kartoffeln weiterverarbeitet. Tatiana Gubina vom russischen Verband der Kartoffel- und Gemüseanbieter verteidigte die Lokalisierungsbemühungen der Regierung mit dem Ziel, russisches Pflanzgut zu entwickeln. Allerdings seien erhebliche Verbesserungen bei Verarbeitung, Transport und Export notwendig.

Tigran Richter, Geschäftsführer des Kartoffelzüchters Norika GmbH, bezweifelte dagegen den Sinn staatlicher Vorgaben: Es sei unmöglich, gegen den Markt zu arbeiten. Er forderte vielmehr vernünftige Rahmenbedingungen für private Unternehmen, etwa bei der Zertifizierung. Torsten Spill beklagte, dass die politische Gesamtsituation derzeit eher „auf Barrieren ausgerichtet“ sei, bekräftigte aber das Engagement seines Unternehmens in Russland. Im Übrigen sei man schon immer lokalisiert gewesen: „Wir produzieren und bauen vor Ort an“, so Spill.

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft