Deutscher Osthandel setzt kräftiges Wachstum fort

28. August 2017

Exporte nach Osteuropa steigen um 17 Prozent/ Aufschwung im Russland-Handel nicht ungefährdet/ Ungebrochen große Nachfrage in Südosteuropa

Der deutsche Außenhandel mit Osteuropa hat im ersten Halbjahr 2017 kräftig angezogen. Das zeigen die neuen Daten des Statistischen Bundesamts, die der Ost-Ausschuss ausgewertet hat. „Der Warenaustausch mit den 21 vom Ost-Ausschuss betreuten Ländern stieg in der ersten Jahreshälfte um ein Fünftel auf 62,8 Milliarden Euro – fast elf Milliarden Euro mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum“, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Büchele zu den neuen Zahlen. Der Anteil der Region am gesamten deutschen Außenhandel kletterte dadurch wieder auf deutlich über fünf Prozent.

Die deutschen Ausfuhren in die Region stiegen im ersten Halbjahr um 17,1 Prozent auf 30,4 Milliarden Euro und damit erneut deutlich kräftiger als die deutschen Gesamtexporte (+6,1 Prozent). „Die Region direkt vor unserer Haustür trägt damit maßgeblich zum Exporterfolg Deutschlands und der anhaltend guten Konjunktur bei uns bei“, sagte Büchele: „Angesichts des weiterhin großen Nachholbedarfs beim Ausbau der Infrastruktur und der Modernisierung der Wirtschaft und steigender Einkommen ist das Potenzial bei Weitem noch nicht erschöpft. Für viele Länder Osteuropas ist und bleibt Deutschland der wichtigste Handelspartner.“ Die deutschen Einfuhren aus den 21 Ost-Ausschuss-Ländern kletterten sogar um 24 Prozent auf 32,5 Milliarden Euro.

Eindrucksvoller Aufschwung im Russland-Handel

Den größten Zuwachs verzeichneten die deutschen Lieferungen nach Russland, die zwischen Januar und Juni 2017 um 2,6 Milliarden auf 12,7 Milliarden Euro (+26,3 Prozent) zulegten. „Die wirtschaftliche Belebung in Russland und der gute Ruf, den deutsche Produkte dort genießen, kurbelt den deutschen Russland-Export wieder an“, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende. Im Gesamtjahr 2017 könnten die deutschen Ausfuhren in das Land um rund 20 Prozent steigen. Der eindrucksvolle Aufschwung im Handel mit Russland ist allerdings nicht ungefährdet. „Die neuen US-Sanktionen gegen Russland, deren konkrete Ausgestaltung noch offen ist, sorgen für eine erhebliche Verunsicherung unter deutschen Unternehmen“, warnte Büchele: „Die Sanktionen schweben wie ein Damoklesschwert über den Unternehmen im Russland-Geschäft, nicht nur im Energiesektor, sondern auch in anderen Branchen, die davon potenziell betroffen sein können“. US-Präsident Donald Trump hatte Anfang August ein neues Gesetz unterzeichnet, das die Sanktionen gegen Russland verschärft und dabei die Sanktionierung nicht-amerikanischer Unternehmen etwa im Energiesektor ermöglicht. Weitere Zielsektoren sind Bergbau, Metallurgie und Eisenbahn.

Auch Russland müsse aber vernünftige Rahmenbedingungen im bilateralen Handel gewährleisten, sagte Büchele mit Blick auf die illegale Verbringung von Siemens-Turbinen auf die Krim durch den russischen Vertragspartner. „Russland muss dafür sorgen, dass Verträge deutscher Unternehmen mit russischen Firmen wortgetreu eingehalten werden“, so Büchele: „Sonst droht ein schwerer Vertrauensverlust mit entsprechenden Folgen für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen.“

Die deutschen Einfuhren aus Russland kletterten im ersten Halbjahr 2017 noch kräftiger um fast vier Milliarden auf 16,2 Milliarden Euro – ein Plus von 31,2 Prozent. Dafür waren vor allem höhere Energiepreise und steigende Bezüge von Energieträgern aus Russland verantwortlich. „Russland hat seine Position als Energieversorger für Deutschland weiter ausgebaut,“ sagte Büchele: „Vor diesem Hintergrund sind drohende US-Sanktionen gegen deutsche Unternehmen, die an gemeinsamen Projekten mit russischen Energiekonzernen wie Nordstream 2 beteiligt sind, eine Bedrohung für die zuverlässige Energieversorgung Deutschlands und der EU und würden zu steigenden Preisen führen.“

Kräftige Nachfrage in Südosteuropa

Die deutschen Ostexporte profitierten im ersten Halbjahr 2017 auch von der weiterhin kräftigen Nachfrage in Südosteuropa. Die Ausfuhren nach Rumänien und Serbien legten um jeweils über zehn Prozent zu, die Lieferungen nach Bulgarien und Kroatien um je sechs Prozent. „Der spürbare Anstieg der deutschen Exporte nach Südosteuropa spiegelt das wirtschaftliche Wachstum und die zunehmende Integration der Länder mit der EU wieder“, sagte Büchele: „Es wird nun darauf ankommen, diese Entwicklung durch die weitere Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Stärkung der regionalen Kooperation zu unterstützen.“ Der Ost-Ausschuss beteiligt sich zu diesem Zweck intensiv am so genannten Berlin-Prozess, der zu einer weiteren europäischen Integration der sechs beteiligten Westbalkan-Länder und zu einer verstärkten wirtschaftlichen Kooperation in der Region beitragen soll. Zudem unterstützt der Ost-Ausschuss eine von der Bundesregierung finanzierte und vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) umgesetzte Einkaufsinitiative, über die Unternehmen der Region in internationale Lieferketten eingebunden werden.

Wirtschaftliche Belebung in der Region

Kräftige Zuwächse gab es im ersten Halbjahr auch bei den deutschen Exporten in die Ukraine, die um 26,2 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro stiegen. „Die Ukraine ist wieder auf dem Radarschirm deutscher Exporteure“, sagte Büchele: „Die Regierung muss jetzt an ihrem schwierigen und teils schmerzhaften Reformweg festhalten und die Annäherung an EU-Standards forcieren, um die Voraussetzungen für dauerhaftes Wachstum und Investitionen zu schaffen.“ Die deutschen Einfuhren aus dem Land, dessen Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU Anfang September endgültig in Kraft tritt, stiegen um zwölf Prozent. Steil nach oben zeigen auch die deutschen Exporte nach Belarus, Kasachstan und Moldau, die jeweils um über ein Fünftel zulegten. Deutsche Unternehmen profitieren von der konjunkturellen Erholung in diesen Ländern, die in den vergangenen Jahren unter der russischen Wirtschaftskrise, niedrigen Ölpreisen oder hausgemachten Problemen litten. Rückläufig waren im ersten Halbjahr 2017 lediglich die deutschen Ausfuhren nach Aserbaidschan, Albanien, Kosovo und Montenegro.

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft