Deutschland als Schlüsselinvestor

1. Dezember 2016

Die deutschen Direktinvestitionen in Russland steigen wieder

Nicht immer schaut der russische Ministerpräsident vorbei, wenn ein deutsches Unternehmen in Russland eine Produktionsstätte eröffnet. Doch Dmitrij Medwedjew ließ es sich Ende Juni nicht nehmen, an der Werkseröffnung des Dortmunder Pumpenherstellers Wilo in Noginsk teilzunehmen und lobte Deutschland als „einen der Schlüsselinvestoren in unserem Lande“. Und tatsächlich ist Wilo kein Einzelfall. Eine ganze Reihe deutscher Unternehmen hat in den zurückliegenden Monaten neue Produktionsstätten in Russland eröffnet oder plant dies zu tun. Prominentestes Beispiel ist der deutsche Autobauer Mercedes, der für mindestens 300 Millionen Euro ein Montagewerk in der Region Moskau eröffnen will. Aber auch Mittelständler wie OBO Bettermann, der im Oktober in Lipezk ein Werk einweihte, zieht es nach Russland.

Laut der Zahlungsbilanzstatistik der Deutschen Bundesbank beliefen sich die deutschen Netto-Direktinvestitionen in Russland in den ersten neun Monaten 2016 auf über zwei Milliarden Euro, ein Plus von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hinter diesen Zahlen verbergen sich allerdings nicht nur Sachinvestitionen in neue Werke oder Anlagen, sondern auch einbehaltene Gewinne, Unternehmensbeteiligungen oder Kredite zwischen verbundenen Unternehmen.

Komparative Vorteile und politischer Zwang

Zu den steigenden Direktinvestitionen dürften komparative Vorteile durch die Rubel-Abwertung, vor allem aber auch die Sanktionen und die Importsubstitutionspolitik der russischen Regierung beitragen. Die Probleme im bilateralen Handel durch die gegenseitigen Sanktionen und den Rubel-Verfall veranlassen deutsche Firmen dazu, vermehrt in Russland zu produzieren, um den russischen Markt weiter beliefern zu können. Durch die Rubel-Abwertung ist die Produktion in Russland überdies günstiger und auch der Export aus dem Land attraktiver geworden. Der deutsche Reifenhersteller Continental etwa hat aus der Not auf dem russischen Inlandsmarkt eine Tugend gemacht und exportiert einen Teil der russischen Produktion unter anderem nach Deutschland und Frankreich.

Die russische Politik der Importsubstitution zwingt deutsche Unternehmen überdies dazu, vor Ort zu produzieren und den Lokalisierungsanteil zu erhöhen, um dadurch Zugang zu staatlichen Ausschreibungen und Fördermitteln zu erhalten. Ein Instrument dazu ist der Sonderinvestitionsvertrag, der den Weg zur Anerkennung als russischer Hersteller freimacht. Der deutsche Landtechnikhersteller Claas und der Werkzeugmaschinenbauer DMG Mori sind die ersten deutschen Unternehmen, die einen solchen Vertrag abgeschlossen haben, Mercedes bemüht sich für den Bau seines Werkes ebenfalls darum. Eine Umfrage der AHK Russland unter ihren Mitgliedern zum Thema Lokalisierung im Oktober 2016 ergab, dass 56 Prozent der befragten Unternehmen bereits lokalisiert haben und eine Erweiterung der Produktion planen und weitere 20 Prozent in den nächsten zwei Jahren erstmals eine Fertigung oder Montage in Russland aufbauen wollen.

Durch die Rubel-Abwertung ist es für ausländische Unternehmen ohnehin weniger attraktiv geworden, Gewinne aus Russland etwa in den Euroraum zu transferieren. Diese werden daher in höherem Maße in Russland reinvestiert. Der Anteil reinvestierter Gewinne an den gesamten deutschen Netto-Direktinvestitionen in Russland stieg im ersten Halbjahr 2016 auf 73 Prozent (2015: 59 Prozent).

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft