Eigentlich läuft der deutsch-polnische Wirtschaftsmotor rund: Der bilaterale Handel erreicht seit dem polnischen EU-Beitritt fast jährlich neue Rekorde und kletterte 2025 bereits auf 180 Milliarden Euro. Trotzdem gibt es jede Menge Gesprächsbedarf, wie das 4. Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum am 26. Oktober in Warschau zeigte, das der Ost-Ausschuss als Partner unterstützte. Am Tag nach der Konferenz trafen sich Ost-Ausschuss-Mitgliedsunternehmen zu einem Briefing bei CMS im Varso-Tower und besichtigten ein Trumpf-Werk.
Der wirtschaftliche Motor läuft auf Hochtouren, der politische Motor produziert immer noch Aussetzer– das wäre als Beschreibung der deutsch-polnischen Beziehungen zwar sehr plakativ, aber nicht völlig falsch. Tatsächlich bewies das 4. Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum, dass sich die Geschäftsleute beider Länder bestens verstehen und nicht nur im übertragenen Sinne eine gemeinsame Sprache sprechen. Noch werden aber nicht alle Chancen der bilateralen Zusammenarbeit konsequent genutzt, womit die für die Rahmenbedingungen zuständige Politik ins Spiel kommt, die mehr in gegenseitiges Vertrauen investieren muss. Ausgerechnet in einem für die Zukunft entscheidenden Industriesektor gibt es eine regelrechte Blockade: bei gemeinsamen Investitionen in die europäische Verteidigung.
An Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und ihrem polnischen Amtskollegen Andrzej Domański liegt es eher nicht, dass politisch immer wieder Sand ins deutsch-polnische Getriebe gerät. Gemeinsam eröffnen sie das Warschauer Wirtschaftsforum und spielen sich dabei als bekennende Marktliberale harmonisch die Bälle zu. Deregulierung und weniger Bürokratie, günstigere Energie und Technologieoffenheit, gemeinsame Suche nach neuen Wachstumsmotoren und mehr gegenseitige Investitionen, offene Märkte und Warnungen vor einer zu protektionistischen Ausgestaltung des European Accelerator Acts– dies sind die gemeinsamen Stichworte.
Domański lobt Deutschland als wichtigsten Wirtschaftspartner Polens und Reiche freut sich, dass Polen den Aufstieg in die 20 größten Volkswirtschaften der Welt geschafft hat, und als fünftwichtigster deutscher Handelspartner bereits die davorliegenden Franzosen herausfordert. Weil Domański Nord Stream anspricht, ohne es zu nennen, stellt Reiche „unmissverständlich“ klar, dass es in Deutschland kein Zurück zu russischem Gas geben wird: „Putin wird nicht aufgeben, solange seine Kriegskasse nicht geschlossen wird“. Auch beim Klimaschutz sind sich beide einig: dieser ist weiterhin gewollt, soll aber wirtschaftsfreundlicher ausgestaltet werden. Domański spricht hier von „Naivität“, die man ablegen müsse, um die Industrie in Europa zu bewahren. Vor allem bei den hohen Energiepreisen wollen beide ansetzen. Die Bundeswirtschaftsministerin spricht hier Raffineriestandorte in Europa an, die unbedingt erhalten werden müssten. Und Domanski wünscht sich mehr Zusammenarbeit gegen Cyber-Angriffe und gemeinsame Weltrauminitiativen, um Abhängigkeiten von den USA und China zu überwinden.
Kurz nach ihrem Auftritt wird bekannt, dass Reiche an Covid-19 erkrankt ist. Davon ist ihrer Rede jedoch nichts anzumerken. Sie lobt die große Dynamik und den Unternehmergeist in Polen als Vorbild für Deutschland und schlägt konkret eine engere Zusammenarbeit zur Förderung von Start-ups vor, wie sie bereits ein Leipziger Startup-Hub vorlebt, der in Krakau investiert. Zudem wirbt die Bundeswirtschaftsministerin für das in Polen umstrittene Mercosur und weitere EU-Freihandelsabkommen mit Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ihre Rede beendet sie mit einem Zitat des polnischen Papstes Johannes Paul II., der entscheidend zum Fall der Berliner Mauer beigetragen habe: „Sende herab Deinen Geist und erneuere das Gesicht der Erde.“ Die Erneuerung sollten Deutsche und Polen gemeinsam vorantreiben und weder „gegeneinander“ noch „nebeneinander“ sondern „miteinander“ arbeiten.
Dass das mit dem „Miteinander“ tatsächlich noch besser werden kann, wurde im weiteren Verlauf des Forums deutlich. Es ist dabei das Verdienst der Veranstaltungsorganisatoren – die Polnische Agentur für Investitionen und Handel (PAIH), das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Technologie und Deutsch-Polnische Auslandshandelskammer (AHK) – dass sie das Wirtschaftsforum auf Sicherheitsthemen und die gemeinsame Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität zugeschnitten haben und damit gleichsam den Finger in die Wunde legten.
Gleich zwei der sechs Paneldebatten drehten sich um Fragen der militärischen Zusammenarbeit und hier wurde Klartext gesprochen: „Was die Verteidigung angeht, sieht es sehr schlecht aus, wir sollten uns alle dafür schämen“, drückte ein polnischer Industrievertreter seine Erfahrungen drastisch aus, traf damit aber die Stimmungslage im Saal. Die Beschaffungssysteme seien „ineffizient, ein totales Desaster“. Immer noch setzten EU-Mitgliedsländer bei militärischem Material auf kleinteilige, nationale Lösungen. Viele Systeme in Europa seien daher nicht miteinander kompatibel.
Weil starke europäische Player und europäische Einigkeit fehlten, fließe zudem viel Geld aus den wachsenden Verteidigungsetats in die USA, obwohl deren Systeme nicht unbedingt besser sind, erläuterte ein anderer Teilnehmer am Beispiel der Kampfflugzeuge F35 und Eurofighter. Eine nennenswerte deutsch-polnische Zusammenarbeit gebe es wegen politischer Hindernisse keine, trotz der gemeinsamen Bedrohung durch Russland. Die Folge seien Verschwendung von Geld und geringe Impulse für die heimische Industrie.
Die Diagnosen fielen auch deshalb so drastisch aus, weil die wirtschaftliche Zusammenarbeit in zivilen Bereichen der Wirtschaft unzählige Erfolgsbeispiele vorweisen kann, die im Rahmen der Konferenz ebenfalls zur Sprache kamen:
Deutsche Investoren haben inzwischen weit über 50 Milliarden Euro in Polen investiert. Zuletzt baute etwa Mercedes- Benz mit über einer Milliarden Euro seinen Standort Jawor in Niederschlesien aus und produziert dort unter anderem elektrische Transporter, Bosch steckte in derselben Region rund 250 Millionen Euro in die Produktion von Wärmepumpen, und der zum VW-Konzern gehörende LKW-Bauer MAN will 1,2 Milliarden Euro in ein Werk für LKW-Batterien nahe Krakau investieren. Doch auch umgekehrt lockt Deutschland immer mehr Investoren aus Polen an: Schlagzeilen machte etwa der Schienenfahrzeugherstellers PESA Bydgoszcz, der mit seinem Einstieg den Leipziger Straßenbahnhersteller HeiterBlick rettete. Bereits rund 25.000 Arbeitsplätze haben polnische Investoren in Deutschland geschaffen oder erhalten.
Fakt ist: Dank der kostengünstigen und qualitativ hochwertigen Produktion und Entwicklung in Polen können zahlreiche deutsche Unternehmen auf dem Weltmarkt mithalten. Gleichzeitig sorgen sie für gute Ausbildung und Know-how-Transfer und haben damit einen großen Anteil daran, dass in Polen eine stabile und immer besser verdienende Mittelschicht entstanden ist. Deren ungebrochener Leistungshunger wird allseits gepriesen und führt zu wachsender Produktivität und einem guten Konsumklima.
Dass Deutschland und Polen industriell ein „Perfect-Match“ sind, wurde auch bei den vertiefenden Briefings deutlich, die der Ost-Ausschuss am 29. Oktober organisierte. Die Delegation unter Leitung des Ost-Ausschuss-Präsidiumsmitglieds Torsten Weber (Remondis) war dazu bei zwei Mitgliedsunternehmen in Warschau zu Gast.
Zum Auftakt stand in den beeindruckenden Räumlichkeiten der Anwaltskanzlei CMS im 39. Stock des Varso Towers Anke Konrad, Leiterin der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft, den Ost-Ausschuss-Mitgliedern für ein Gespräch zur Verfügung. Zudem gaben die Unternehmen Siemens, Pannattoni und UniCredit Einblicke in Ihre Geschäftspraxis in Polen.
Im Anschluss folgte eine Exkursion an den Stadtrand von Warschau zu einem Tochterunternehmen der Freiburger Trumpf-Holding. Das Familienunternehmen, in dem auch der amtierende BDI-Präsident Peter Leibinger operativ tätig war, sorgt gerade mit seiner Laser Technology für die Beschichtung von Computer-Chips im Nanometerbereich weltweit für Furore. In Warschau werden vor allem hochspezialisierte Elektrotechnik und Generatoren für industrielle Anwendungen hergestellt.
Rafał Bugyi, Geschäftsführer der Elektroniktochter Trumpf Huettinger, nahm sich über eine Stunde Zeit, um der Delegation alle Fragen rund um das „polnische Herz“ des Freiburger Unternehmens zu beantworten. Bugyi gehörte 1995 in Polen selbst zu den ersten Unternehmensgründern nach der sozialistischen Ära und brachte ab 2007 sein Unternehmen in die Trumpf Holding ein. Von weltweit rund 18.000 Trumpf-Beschäftigten arbeiten etwa 1.700 in mehreren Werken in Polen.
Trumpf gehört heute zu den großen deutschen Hightech-Investoren in der Region Warschau und ist ein Beispiel dafür, dass deutsche Unternehmen in Polen längst nicht mehr nur einfache Fertigung, sondern anspruchsvolle Elektronik- und Engineering-Prozesse ansiedeln – „German Hightech Made in Poland“. Das Unternehmen expandiert weiter und profitiert dabei von der guten Ausbildung von Fachkräften an den Warschauer Universitäten, mit denen man enge Partnerschaften geschlossen hat.
Die Gespräche in Warschau machten deutlich: Die wirtschaftliche Integration beider Länder ist weit fortgeschritten. Umso wichtiger bleibt es, die politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass aus wirtschaftlicher Nähe künftig noch mehr gemeinsame europäische Initiativen entstehen können.
Andreas Metz,
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft
Adrian Stadnicki
Regionaldirektor Mittelosteuropa
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