Mehr als 60 Teilnehmende verfolgten am 27. Oktober die Online-Sitzung des Arbeitskreises Ukraine des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Im Mittelpunkt standen die wirtschaftliche Lage des Landes, Chancen für deutsche Unternehmen beim Wiederaufbau und die nächste Ukraine Recovery Conference in Tallinn.
Arbeitskreissprecher Philip Sweens, der die Sitzung moderierte, dankte den deutschen Unternehmen für ihr langfristiges Engagement in der Ukraine. Der Krieg sei kein abstraktes geopolitisches Thema, sondern erschwere den Geschäftsalltag ganz konkret. Dennoch solle die Ukraine nicht nur durch die Brille des Krieges betrachtet werden, sondern mit Blick auf Wiederaufbau und europäische Integration. Sweens erinnerte an den Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Kyjiw am 4. Oktober und stellte die Leitfrage der Sitzung: Was brauchen deutsche Unternehmen, um in der Ukraine zu investieren?
Maximilian Tonner, Leiter für Energie- und Wirtschaftsfragen an der Deutschen Botschaft Kyjiw, zeichnete ein gemischtes Bild der wirtschaftlichen Lage. Seit dem Sommer hätten sich die Wachstumsprognosen wegen der verstärkten russischen Angriffe deutlich verschlechtert. Die Inflation sei seit August spürbar gestiegen und habe im September zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr erreicht. Der Staatshaushalt bleibe angespannt, die Regierung müsse sparen.
Positiv bewertete Tonner den Besuch von Bundeskanzler Merz. Bei der Reise am 4. Oktober, an der auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche teilgenommen hatte, wurden nach Angaben der deutschen Delegation 16 Unternehmensvereinbarungen über rund 6,5 Milliarden Euro unterzeichnet, vor allem im Rüstungsbereich. Die Ukraine werde zunehmend als langfristiger Partner gesehen, so Tonner. Die Regierung arbeite zudem daran, Kriegsrisiken für Unternehmen zu verringern, etwa durch besseren Schutz vor Drohnenangriffen. Mittelfristig sieht Tonner große Chancen für deutsche Unternehmen.
Wie konkret diese Chancen sind, erläuterte Kateryna Glazkova, Geschäftsführerin des Verbands ukrainischer Unternehmer (SUP), der Mitglied im europäischen Wirtschaftsdachverband BusinessEurope ist. Sie dankte den deutschen Unternehmen, die trotz des Krieges in der Ukraine aktiv bleiben, und warb für einen Perspektivwechsel: Der Wiederaufbau sei nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Geschäftschance. Nach Schätzung der Weltbank benötige die Ukraine in den kommenden zehn Jahren knapp 600 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau. Mit den richtigen Reformen und einer Absicherung der Risiken könne die Privatwirtschaft bis zu 40 Prozent des Anteils beitragen.
Glazkova nannte die Bereiche Energieversorgung, industrielle Fertigung sowie Infrastruktur und Logistik, in denen ukrainischer Bedarf und deutsches Know-how gut zusammenpassten. Die Ukraine baue bereits ein dezentrales Energiesystem auf und brauche Batteriespeicher sowie moderne Netztechnik. Zudem müssten die industriellen Anlagen modernisiert werden. Denkbar seien gemeinsame Fertigung, die Verlagerung von Produktion in die Ukraine oder ukrainische Unternehmen als Zulieferer deutscher Firmen, um sie in europäische Lieferketten einzubinden. Außerdem würde eine Infrastruktur und Logistik benötigt, die widerstandsfähiger und dezentraler ist. Ukrainische Unternehmen suchten vor allem langfristige Partner, die Technologie und Marktzugang mitbringen, auch Joint Ventures seien möglich. Der SUP könne deutschen Unternehmen helfen, passende Partner und Zulieferer zu finden.
Auf eine Frage aus dem Teilnehmerkreis zur Initiative „Industrial Ramstein“ betonte Glazkova, kleinere ukrainische Unternehmen müssten früh in Projekte eingebunden werden. Wie die Initiative konkret umgesetzt werde, sei allerdings noch nicht klar. Deutschland und die Ukraine hatten die Plattform im April vereinbart, um die ukrainische Industrie wiederaufzubauen und in europäische Lieferketten zu integrieren. Die KfW plant dafür zunächst 30 Millionen Euro ein.
Ein Update zur nächsten Ukraine Recovery Conference (URC) gab Roomet Sõrmus, Wirtschafts- und Handelsrat der Botschaft der Republik Estland. Die internationale Wiederaufbaukonferenz findet am 28. und 29. Januar 2027 in Tallinn statt und damit erstmals im Winter. Geplant sind neben dem politischen Gipfel unter anderem eine Unternehmensmesse sowie Plattformen zu Infrastruktur, Energie und Zivilgesellschaft. Estland wolle vor allem seine Erfahrung bei Digitalisierung und Cybersicherheit einbringen, so Sõrmus. Der Wiederaufbau könne nicht allein mit staatlichen Mitteln gelingen, entscheidend seien auch private Investitionen. Zugleich könne Estland selbst von der Ukraine lernen, vor allem wenn es um Widerstandsfähigkeit gehe.
Die Sitzung machte deutlich, dass sich die Ukraine vom Hilfsempfänger zum wirtschaftlichen Partner in vielen Wirtschaftsbranchen entwickelt. Ukrainische Unternehmen suchen dabei gezielt Kooperationen mit deutschen Unternehmen. Abschließend gab Alena Akulich, Regionaldirektorin Osteuropa des Ost-Ausschusses, einen Ausblick auf die nächsten Termine. Vor allem das 9. Deutsch-Ukrainische Wirtschaftsforum am 20. November in Berlin bietet beste Möglichkeiten für die Suche nach neuen Partnerschaften.
Aman Magauin
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