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Unterwegs in Lwiw und Kyjiw

Erste deutsche Wirtschaftsdelegation seit Kriegsbeginn in der Ukraine. Foto: Mareike Müller
20.10.2023
Erste deutsche Unternehmensdelegation in der Ukraine seit Kriegsbeginn / Gespräche mit deutschen Investoren und ukrainischen Partnern über Sicherheitslage und Investitionschancen

Vom 8. bis zum 10. Oktober 2023 reiste eine erste deutsche Wirtschaftsdelegation in die Ukraine. Initiiert wurde die Reise, an der zehn Personen teilnahmen, von der weltweit agierenden Risikomanagementberatung Control Risks. Die Organisation erfolgte in Partnerschaft mit der AHK Ukraine und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Besucht wurden die beiden Wirtschaftszentren Lwiw (Lemberg) und die Hauptstadt Kyjiw inklusive kleinerer Ausflüge ins Umland der Städte.

Ein wichtiges Ziel dieser „Fact Finding Mission“ war es, die Sicherheitslage vor Ort und die Zuverlässigkeit der Transportverbindungen besser einschätzen zu können. Einen hohen Stellenwert hatten zudem Gespräche mit Vertretern von deutschen Unternehmen vor Ort, um sich über die gegenwärtigen Produktionsbedingungen zu informieren und neue Investitionschancen zu identifizieren. Beteiligt waren an dieser Pionierdelegation Unternehmen aus den Bereichen Logistik, Maschinenbau, IT, Stadtplanung und Architektur, Kampfmittelräumung und Munitionsbeseitigung sowie ein Wirtschaftsanwalt und eine Journalistin des Handelsblatts. 

Initiator der Reise war Harald Nikutta, Partner bei Control Risks, der gemeinsam mit der AHK Ukraine und dem Ost-Ausschuss auch das Programm ausgearbeitet hatte. Sein Kollege Tony Lake, Associate Director Ukraine in Kyjiw, sorgte für die Reisesicherheit. Reiner Perau, Geschäftsführer der AHK Ukraine, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach ihrer Einreise per Busshuttle aus Richtung Krakau am Abend des 8. Oktober in Lwiw und begleitete die Delegation während der gesamten Reise.

Lwiw ist nach Kyjiw die zweitgrößte Stadt der Ukraine mit rund 800.000 Einwohnern. Die Entfernung von hier bis zur Front ist ähnlich weit, wie die Entfernung von Lwiw nach Berlin. In beide Richtungen sind es rund 900 Kilometer. Erkennbare Kriegsfolgen waren im Stadtzentrum für die Delegation keine zu sehen, abgesehen von einem zerstörten Gebäudekomplex in der Nähe einer Kaserne. Auf Straßen und in den zahlreichen Geschäften und Restaurants geht das Leben seinen normalen Gang, die Versorgungslage ist gut. 

Besuche bei Unternehmen in der Westukraine

Das Delegationsprogramm begann mit einem Besuch des deutschen Familienunternehmens  ODW-Elektrik im Umland von Lwiw, das dort mit rund 1200 Mitarbeitern Kabel- und Steckverbindungen insbesondere für die Automobilindustrie fertigt. Danach folgte eine Besichtigung des IT-Unternehmens Eleks in Lwiw, das mit 2000 Beschäftigten weltweit erfolgreich Softwarelösungen für Unternehmen entwickelt. Verstärkt investiert Eleks zudem unter der Marke Luftronix in die Entwicklung von Drohnen für Inspektionsaufgaben.

Beide Unternehmen haben sich mit eigenen Generatoren (Diesel, Holz und Kartonage) gegen mögliche Stromausfälle vorbereitet. Vor Ort stehen Schutzräume für die Belegschaft zur Verfügung. Nach nur ein- bis zweiwöchiger kriegsbedingter Unterbrechung lief der Betrieb in beiden Fällen weitgehend normal weiter. Durch Luftalarm gebe es weiterhin gelegentlich Produktionsausfälle, teils mehrfach am Tag, dann wieder wochenlang gar nicht. Beschädigungen durch Beschuss hatte keines der Unternehmen zu beklagen. Ein kleiner Prozentsatz der männlichen Belegschaft sei aber zum Wehrdienst eingezogen worden oder habe sich freiwillig gemeldet. Einige Männer kehrten auch bereits von der Front wieder zurück. 

Eleks gehört zum starken ukrainischen IT-Sektor mit insgesamt 300.000 Spezialisten im Land. 80.000 weitere sollen bis 2025 ausgebildet werden. Die Wachstumsraten lagen im IT-Sektor bis Kriegsbeginn bei 20 Prozent jährlich. Nach einem kriegsbedingten Einbruch 2022 kann Eleks aktuell wieder an frühere Wachstumsraten anknüpfen. Dem IT-Sektor wird in der Ukraine dank gut ausgebildeter Fachkräfte neben der Agrarwirtschaft und dem Bereich der Erneuerbaren Energien eine besonders große Zukunft vorausgesagt, zumal der Sektor weniger von der schwierigen Grenz- und Transportsituation betroffen ist.

Mehr Probleme mit der Grenze als mit dem Krieg

Diese stellt für Produzenten wie ODW Elektrik hingegen eine große Herausforderung dar. Aktuell lägen die Ausreisezeiten für LKW in Richtung Polen bei sieben Tagen, Tendenz steigend. Mehrfach fiel in Zusammenhang mit dem polnischen Zoll das Wort „Streik“. Ein Grund für die Verzögerungen sind wohl aktuelle Missstimmungen im polnisch-ukrainischen Verhältnis und Befürchtungen in Polen, von billigen ukrainischen Agrarprodukten überschwemmt zu werden. LKW, die aufgrund der langen Wartezeiten in die Slowakei oder Ungarn ausweichen, verstopfen dort zwangsläufig ebenfalls die kleineren Grenzübergänge. Mehrfach baten Gesprächspartner darum, dieses Problem in Berlin und Brüssel zu adressieren und sowohl um generell schnellere Grenzverfahren als auch einen entschlossenen Ausbau der Kapazitäten zu bitten. 

Am Nachmittag des ersten Tages stand ein Treffen mit der Gebietsadministration in Lwiw zu Investitionsmöglichkeiten und ein Austausch mit Wirtschaftsvertretern vor Ort an. Hier wurde die Region Lemberg als besonders sicherer Ansiedlungsort empfohlen. Am Austausch war unter anderem auch Petro Markiv, Ukraine-CEO des deutschen Unternehmens Leoni, beteiligt. Der Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie beschäftigt in der Ukraine weiterhin rund 7000 Menschen. Für diese werden aktuell Folgeaufträge gesucht. Während die Produktion vor Ort gut und sicher laufe, fehle es aufgrund der Kriegsberichte jetzt an Vertrauen von Kunden in die Ukraine als sicherer Teil der Lieferkette, bedauerte Markiv. Er ermutigte mögliche Kunden, sich selbst vor Ort ein Bild der Lage zu machen.

Nach einem Stadtrundgang in Lwiw und einem Abendessen, bestieg die Delegation am späten Abend den Nachtzug in die Hauptstadt Kyjiw. Aufgrund der Kriegslage ist der Flugverkehr in der gesamten Ukraine weiterhin ausgesetzt. Nach pünktlicher Ankunft am nächsten Morgen stand eine Betriebsbesichtigung bei der deutschen Firma Kreisel/Fixit, am Standort Fastiw, rund eine Stunde südlich der Hauptstadt, auf dem Programm. Mit derzeit 40 Beschäftigten werden dort bereits seit 2008 rund um die Uhr Baustoffe (Farben, Mörtel) insbesondere für den ukrainischen Markt produziert. Die Nachfrage hat 2023 stark zugenommen, deshalb läuft aktuell in der Nähe von Lemberg der Bau einer zweiten Fabrik mit einem Investitionsvolumen von 13,5 Millionen Euro. Die Eröffnung ist dort für 2024 geplant.

Am Stadtrand von Fastiw wurde gerade ein Industriepark erweitert. Ein zweites, deutsches Unternehmen sei schon vor Ort, aber auch ein chinesisches Unternehmen. Der örtliche Bürgermeister hofft jetzt auf weitere deutsche Investoren und empfahl der Delegation seine Stadt ebenfalls als sicheren Investitionsstandort. Die Kriegsfront sei 2022 rund 50 Kilometer vor den Toren der Stadt zum Halten gekommen und dann wieder an die russische und belarussische Grenze zurückgedrängt worden. Fastiw liegt 200 Kilometer von Belarus entfernt.

Gesprächsrunde in der Deutschen Botschaft

Am Nachmittag wurde die deutsche Delegation von Martin Jäger, dem neuen deutschen Botschafter in Kyjiw, in der deutschen Botschaft im Stadtzentrum begrüßt. Auch die ukrainische Vize-Wirtschaftsministerin Nadiya Bihun eilte zu diesem Termin hinzu und freute sich über das wachsende Interesse deutscher Investoren. Eines der Probleme für potenzielle Investoren bleibt neben den weiter fehlenden Transportversicherungen westlicher Anbieter die bestehende Reisewarnung, die das Auswärtige Amt für die gesamte Ukraine aufrechterhält. Dies sei aus rechtlichen Gründen notwendig, erläuterte Botschafter Jäger, versicherte jedoch sogleich, dass er ansiedlungswillige Unternehmen ermutige, jetzt in die Ukraine zu kommen und diese mit tatkräftiger Unterstützung der Botschaft rechnen könnten. 

Erster Ansprechpartner für Investoren ist neben der AHK in Kyjiw und dem Service Desk Ukraine des Ost-Ausschusses Serhii Tsivkach von der staatlichen Agentur UkraineInvest. Nach dem Krisenjahr 2022 mit einem Rückgang des BIP um 30 Prozent sei für die Ukraine 2023 mit einem Wachstum von etwa drei Prozent zu rechnen, teilte er mit. Unternehmen, die noch zögerten, in die Ukraine zu reisen, könnten trotzdem vor Ort investieren. UkraineInvest würde dann die weitere Abwicklung mit Ortskräften übernehmen. „Jetzt gerade ist der beste Moment, zu investieren.“ Dieser Satz war auf der Reise oft zu hören. Passend dazu bestätigten alle Gesprächspartner, dass die früher problematische Korruption inzwischen hart und erfolgreich bekämpft würde. Nach bereits erzielten Fortschritten seit 2014 hätten es der Krieg und der Druck internationaler Geber nun ermöglicht, diese Strukturen grundlegend aufzubrechen und zu überwinden.

Deutsche Unternehmen seien nicht die einzigen, die sich aktuell nach neuen Geschäftsmöglichkeiten umsehen. So sei zuletzt auch eine große Delegation aus Frankreich im Land unterwegs gewesen, berichtete Botschafter Jäger. Kyjiw sei als Standort gerade auch dank des deutschen Luftabwehrsystems Iris-T ein sehr sicherer Ort, versicherten mit ihm viele, verschiedene Gesprächspartner. Dazu gehörte kurzfristig auch der Kyjiwer Bürgermeister und ehemalige Profiboxer Vitalij Klitschko, der die Delegation im Rahmen des abschließenden Abendessens spontan begrüßte und sich, wie bereits viele ukrainische Gesprächspartner zuvor, für die große Unterstützung seines Landes durch Deutschland bedankte. 

In der Kyjiwer Innenstadt waren bis auf kleinere Ausnahmen, ebenfalls keine Zerstörungen und auch fast keine Militärgeräte zu sehen. Zerstörte Infrastruktur wurde schnell wieder instandgesetzt. Allerdings reiste die Delegation nicht in den Norden der Hauptstadt, der zeitweise Frontlinie war. Im Stadtzentrum herrscht geschäftiger Alltag und eine geradezu verblüffende Normalität. Arbeiter schneiden Straßenbäume, die Geschäfte sind gut besucht und werben mit liebevollen Schaufensterdekorationen um Kunden, die Menschen strahlen Optimismus aus und schmieden Pläne für die Zukunft. Von insgesamt acht Millionen ins Ausland geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern seien inzwischen zwei Millionen wieder zurückgekehrt. Der Krieg scheint in der Hauptstadt sehr weit entfernt - abgesehen vom Platz der Unabhängigkeit, dem bekannten Maidan. Angehörige haben dort in einer Grünanlage für jedes ukrainische Kriegsopfer eine kleine ukrainische Fahne aufgestellt – dieses riesige Fahnenmehr vergegenwärtigt den ganzen Irrsinn des russischen Angriffs auf die Ukraine. 

Die Rückreise der Delegation erfolgte erneut mit Nachzug von Kyjiw nach Lwiw und dann direkt weiter mit gemieteten Kleinbussen Richtung Krakau. Die Ausreise über die Grenze bei Przemysl in die EU dauerte um 7 Uhr morgens rund eine Stunde, inklusive einer Gepäckkontrolle durch den polnischen Zoll. Bei der Hinfahrt lag die Wartezeit bei rund 90 Minuten. Reisen in die westliche und zentrale Ukraine sind mit entsprechenden Partnern sicher durchführbar, so das Fazit der Teilnehmenden. In der Ukraine selbst wurde diese erste deutsche Wirtschaftsdelegation als hoffnungsvolles Zeichen gewertet, dass sich die Wirtschaftsbeziehungen trotz anhaltender Kriegslage weiter vertiefen. Die Möglichkeiten dazu sind definitiv vorhanden.

Andreas Metz, Leiter Public Affairs im Ost-Ausschuss

Ansprechpartner

Andreas Metz
Leiter Public Affairs
T. +49 30 206167-120
A.Metz@oa-ev.de

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