Direkt zum Inhalt

Ein Markt für den Mittelstand

Die Ost-Ausschuss-Vorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser warb in ihrer Key Note für Mittel- und Osteuropa als Markt für Mittelständler. Foto: Christian Himmighoffen
12.09.2024
Absatz und Beschaffung in Mittel- und Osteuropa als Chance für KMU/ Wettbewerb in der Region wird härter

Die bereits dritte gemeinsame Konferenz von Ost-Ausschuss und AKA Ausfuhrkredit-Gesellschaft mbH (aka Bank) in Frankfurt am Main in diesem Jahr widmete sich am 12. September 2024 unter dem Titel „Osteuropa - der Markt für den Mittelstand“ den Chancen und Herausforderungen für deutsche Mittelständler in Mittel- und Osteuropa. Es wurde einerseits deutlich, dass Mittel- und Osteuropa angesichts des Kostendrucks und der Konjunkturschwäche in Deutschland ein wichtiger Absatz- und Beschaffungsmarkt für deutsche Klein- und Mittelunternehmen ist, dass andererseits aber auch der Wettbewerbsdruck in der Region spürbar zugenommen hat.

Verflechtung mit Osteuropa hat die deutsche Wirtschaft stärker gemacht

Aka-Bank-Geschäftsführer und Ost-Ausschuss-Präsidiumsmitglied Mark Wengrzik begrüßte die Teilnehmenden in den Räumlichkeiten der aka im Frankfurter Bankenviertel, bevor die Ost-Ausschuss-Vorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser in einem auch von den Erfahrungen des eigenen Unternehmens geprägten Vortrag ein leidenschaftliches Plädoyer für die Region zwischen Polen und Kasachstan hielt, die gerade für kleine und mittlere Unternehmen große Perspektiven habe. „Die deutsche Wirtschaft – und gerade auch der Mittelstand – haben in den 35 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhang massiv von der wachsenden wirtschaftlichen Verflechtung mit Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien profitiert“, sagte Claas-Mühlhäuser. Diese Verflechtung habe nicht zur Abwanderung von Produktion und Arbeitsplätzen geführt, sondern die deutsche Wirtschaft stärker und wettbewerbsfähiger gemacht.

Die Ost-Ausschuss-Vorsitzende zeigte sich überzeugt davon, dass die Bedeutung Osteuropas für die deutsche Wirtschaft weiter zunehmen werde. „Die Wirtschaft sucht sich wie Wasser ihren Weg“, sagte sie. Claas-Mühlhäuser ging auf den großen Erfolg der Bedeutung der EU-Erweiterung seit 2004 ein und warb für die Integration der Länder des Westlichen Balkans, der Ukraine, Moldaus und perspektivisch auch Georgiens. Aber die Region ende nicht an der künftigen Ostgrenze der EU, sagte sie mit Blick auf Zentralasien. „Die Region bewegt sich in die richtige Richtung“, sagte Cathrina Claas-Mühlhäuser vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Reformen der letzten Jahre, etwa in Kasachstan. Sie warnte zugleich davor, sich Exportchancen in Zentralasien durch eine übermäßige Export- und Sanktionsbürokratie zu verbauen. „Der Ost-Ausschuss versucht, wieder Augenmaß in die Politik zu bringen“, sagte Cathrina Claas-Mühlhäuser. „Wir müssen wieder mehr Vertrauen in die deutsche Wirtschaft einfordern.“

Primus und Nachzügler

Exemplarisch wurden anschließend zwei sehr gegensätzliche Märkte im östlichen Europa vorgestellt. Zum einen mit Polen der Primus der EU-Erweiterungsrunde von 2004, zum anderen der kleine EU-Beitrittsanwärter Nordmazedonien. Polen ist inzwischen der mit Abstand wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in der Region und hat im ersten Halbjahr 2024 sogar China als deutsche Exportdestination hinter sich gelassen. Dennoch, so legte es Łukasz Chrabański, Leiter der Frankfurter Vertretung der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel, dar, sei der Markt noch nicht ausgereizt. Dazu trage auch die finanzielle Unterstützung durch die EU bei, die immer noch sehr umfangreich sei, insbesondere im weniger entwickelten östlichen Polen. 

Nordmazedonien, ein Land von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns, der Einwohnerzahl von Hamburg und dem Bruttosozialprodukt von Kiel sei ein aussichtsreicher Markt für „Orchideen-Mittelständler“ in speziellen industriellen Nischen, so Johannes Heidecker, Berater des Premierministers Nordmazedoniens. So seien etwa Katalysatoren das größte Exportgut Richtung Deutschland. Noch gebe es in Nordmazedonien auch ausreichend Fachkräfte, wenn auch gibt nicht unbedingt dort, wo sie gebraucht würden, und auch nicht zum Mindestlohn.

Wachsender Wettbewerb

Die Marktentwicklung unter anderem in Polen, aber auch der zunehmende Wettbewerb in Mittel- und Osteuropa waren zentrale Themen einer Diskussionsrunde mit Vertretern von Industrie, Beratung und Banken, die von Timo Prekop von der aka Bank moderiert wurde. Laut Davide Iacovelli von der EOS GmbH Electro Optical Systems, dessen Unternehmen industriellen 3D-Druck anbietet, sei Polen ein Wachstumsmarkt mit niedrigeren Produktionskosten, qualifizierten Fachkräften und Unterstützung durch die lokale Administration. Der Trend in Mittel- und Osteuropa gehe von der Prototypenherstellung hin zur vollständigen Produktion. Susann Philipp, Steuerberaterin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Forvis Mazars betonte die Bedeutung der Autoindustrie als Herzstück des deutschen Engagements im östlichen Europa. Gute Perspektiven in der Region sieht sie aber auch im Gesundheitssektor, der Medizintechnik sowie IT und Technologie. Andreas Becker, Geschäftsführer der hessischen EPHYMESS GmbH merkte an, dass sein Unternehmen wie viele Mittelständler nicht überall Werke errichten könne und daher auf Repräsentanzen in den Zielländern setze. 

Jürgen Zillin, Geschäftsführer der Atlas International GmbH, betonte den wachsenden Wettbewerb in Mittel- und Osteuropa. Dazu kämen der Fachkräftemangel, hohe Energiekosten und teils auch die rechtlichen Rahmenbedingungen als Herausforderungen. Dabei könnten Verbände wie der Ost-Ausschuss und die Auslandshandelskammern helfen. Die Bedeutung von „Made in Germany“ nehme ab, künftig könnte „Designed in Germany“ gefragt sein. Mittel- und Osteuropa könne so ein wichtiger Partner Deutschlands im Kampf gegen die Deindustrialisierung werden.

Zwischen Kostendruck und sicheren Lieferketten

Lieferketten und Rahmenbedingungen in Osteuropa, darunter auch Finanzierungsfragen, waren Leitthemen der zweiten Diskussionsrunde, die vom Ost-Ausschuss-Mittelstandsexperten Jens Böhlmann geleitet wurde. Mario Ledic von ANDRITZ HYDRO GmbH verwies auf den steigenden Kostendruck in Deutschland: „Die Kosten in Deutschland sind hoch, die Energiekosten haben sich vervierfacht, und die Personalkosten gehen durch die Decke.“ Bei öffentlichen Ausschreibungen sei aber der Preis entscheidend. Daher müsse man im Wettbewerb etwa mit Asien auf die Herstellungskosten achten. Bei entsprechend großem Potenzial produziere man auch in Mittel- und Osteuropa. Investitionsentscheidungen seien stets an die Nachfrage gekoppelt. 

Elmar Mangold von der STEGO Elektrotechnik GmbH setzt weiter auf die Produktion in Deutschland, wo die Reaktionszeit schneller sei als an Auslandsstandorten. Beschafft wird aber auch in Mittel- und Osteuropa, denn wenn etwa der Suezkanal zu sei, fehlten sonst Komponenten, die es in Deutschland nicht gebe. „Wir haben Spezialteile, die wir aus Armenien oder Tschechien kaufen“, sagt Mangold. „Die Länder sind längst schon da.“

„Der Kostendruck führt dazu, dass Mittelständler jetzt den Weg ins Ausland gehen müssen“, sagte Olaf Holzgrefe vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME). Aber aus Einkäufersicht könne man nicht nach dem Gießkannenprinzip nach Ländern suchen, sagt Holzgrefe. Die Kompetenz der potenziellen Lieferländer sei höchst unterschiedlich und hänge vom Produkt ab. In Nordmazedonien gebe es etwa gute Metallverarbeiter.

Wettbewerbsfähige Finanzierungsangebote gefragt

Im Absatz wiederum sind kluge Finanzierungslösungen gefragt. Bei größeren Infrastrukturprojekten und Maschinenlieferungen, etwa in Zentralasien, seien längerfristige Finanzierungen über die Projektlaufzeit grundsätzlich verfügbar. „Die Tendenz ist, dass deutsche Unternehmen nicht nur erstklassige Produkte, sondern auch wettbewerbsfähige Finanzierungsangebote haben müssen,“ beobachtet Felix Brücher von der aka Bank.

Die Konferenz machte deutlich, dass Mittel- und Osteuropa deutschen Mittelständlern große Chancen als Absatz- und Beschaffungsmarkt bietet. Aber der Wind des Wettbewerbs weht immer schärfer, nicht nur aus Asien, sondern auch von der lokalen Konkurrenz. „Einer unserer stärksten Wettbewerber kommt aus Polen“, sagte Jürgen Zilin. „In unserem Bereich gibt es in Mittel- und Osteuropa viele schöne Unternehmen. Das macht unser Leben nicht einfacher.“ Mittel- und Osteuropa wartet eben nicht mehr auf die Deutschen.

Christian Himmighoffen
Leiter Presse und Kommunikation
 

Kontakt

Jens Böhlmann
Direktor Mittelstand
Grüne Transformation
T. +49 30 206167-127
J.Boehlmann@oa-ev.de

Diese Seite teilen: