Zentralasien ist nicht bloß ein Zukunftsmarkt, sondern bietet schon jetzt zahlreiche Möglichkeiten für deutsche Unternehmen. Diese Einschätzung zog sich wie ein roter Faden durch die 17. Sitzung des Deutschen-Kasachischen Wirtschaftsrates, der am 27. August im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin stattfand. Die zahlreichen dort vorgestellten Projekte zeigten eindrucksvoll, wie breit die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan mittlerweile aufgestellt sind. In den Mittelpunkt rückten dabei die Branchen Rohstoffe, Energie, Maschinenbau, Verkehr und Logistik sowie nachhaltige Entwicklung. Zugleich wurde klar: Angesichts des zunehmenden internationalen Wettbewerbs müssen deutsche Unternehmen schneller handeln, früher vor Ort sein und langfristige Partnerschaften mit lokalen Akteuren aufbauen.
Eröffnet wurde die Sitzung von den beiden Ko-Vorsitzenden Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms und dem stellvertretenden kasachischen Außenminister Alibek Kuantyrov. Im Mittelpunkt der Sitzung des Wirtschaftsrats stand die praktische Zusammenarbeit an konkreten Investitions- und Industrieprojekten. Seit 2005 sind nach kasachischen Angaben rund acht Milliarden US-Dollar an deutschen Direktinvestitionen nach Kasachstan geflossen. Die Importe von dort nehmen zu, aber die Exporte nach Kasachstan waren zuletzt rückläufig. Neue Chancen für deutsche Unternehmen entstehen insbesondere durch die stärkere Lokalisierung von Produktion, die Zusammenarbeit bei strategischen Rohstoffen, die Modernisierung der Energie- und Verkehrsinfrastruktur sowie durch Projekte im Finanz- und Gesundheitssektor. „Kasachstan ist ein Land neuer Chancen“, sagte Minister Kuantyrow, der sein Eingangsstatement auf Deutsch vortrug.
Die Stimmung unter den bereits in Kasachstan tätigen deutschen Unternehmen ist insgesamt positiv. Zugleich bestehen Herausforderungen, unter anderem durch Wechselkursrisiken, Fachkräftemangel, Anforderungen bei Ausschreibungen sowie die Exportkontrollen und strengen deutschen Ausfuhrprüfungen im Rahmen der Russland-Sanktionen. Dies erschwert die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Zentralasien insgesamt. So beklagte der Vertreter Lieferanten von Bergbauausrüstungen die strenge Sanktionskontrolle, obwohl Bergbautechnik ortsgebunden sei und nicht weitergeliefert werden könne.
In der Diskussion wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Deutschland und Europa im Wettbewerb um den kasachischen Markt nicht allein sind. Andere internationale Partner wie China, die Nahost-Staaten, die Türkei und die USA bauen ihre Präsenz mit hoher Geschwindigkeit aus. „Ich verstehe nicht, dass Deutschland so zurückhaltend ist“, sagte Jens Barth, Entwicklungsdirektor beim kasachischen Bergbauunternehmen Quarmet an die deutschen Teilnehmenden gerichtet: „Wenn Ihr weiter so zurückhaltend seid, werdet ihr Probleme bekommen.“
Für deutsche Unternehmen bedeutet dies: Sie müssen jetzt kommen, stärker lokal denken und gemeinsam mit kasachischen Partnern passende Lösungen entwickeln. Kasachstan ist dabei kein Markt für kurzfristige Geschäfte. Erfolgreich sind vor allem Unternehmen, die langfristig investieren, Service- und Ausbildungsstrukturen aufbauen und schrittweise mehr Wertschöpfung vor Ort schaffen.
Ein Schwerpunkt der Sitzung lag auf der deutsch-kasachischen Rohstoffzusammenarbeit. Diskutiert wurden Kooperationsmöglichkeiten bei Kupfer, Gold, seltenen Metallen und weiteren strategischen Rohstoffen. Dabei geht es für die kasachische Seite nicht nur um die Gewinnung und Lieferung von Rohstoffen, sondern auch um deren Weiterverarbeitung in Kasachstan.
Als konkrete Beispiele wurden Partnerschaften zur Verarbeitung von Kupferkonzentraten und Recyclingmaterialien sowie ein geplantes Leuchtturmprojekt für die Düngerproduktion mit einem Investitionsvolumen von 2,4 Milliarden Euro vorgestellt. Zugleich wurde deutlich, dass langfristige Rohstoffprojekte eine frühzeitige Abstimmung zwischen Produzenten, Abnehmern, Technologieanbietern und Finanzierern benötigen. Hilfreich sind neue Finanzierungsinstrumente wie der Kfw-Rohstofffonds, der eine direkte Beteiligung an Projekten vorsieht. Wünschenswert ist zudem die Bildung deutscher Konsortien, die gemeinsam komplette Planungs-, Beschaffungs- und Bauleistungen anbieten können.
Kasachstan verfolgt ambitionierte Pläne für die Modernisierung seines Energiesystems, ist zugleich aber weiterhin stark von Kohle und anderen fossilen Energieträgern abhängig. Daraus ergibt sich ein breites Betätigungsfeld für deutsche Technologieanbieter.
Auf der Sitzung wurden unter anderem Projekte für einen grünen Energiekorridor zwischen Zentralasien und Europa, den Einsatz moderner Gasturbinen und den Ausbau von Stromverteilungsanlagen vorgestellt. Ein weiteres konkretes Vorhaben zielt darauf, die Restwärme älterer Heizkraftwerke besser zu nutzen und dadurch deren Energieeffizienz zu erhöhen. Immerhin ist der Energiebedarf pro BIP-Einheit in Kasachstan dreieinhalb mal so hoch wie in Deutschland. Eine deutsch-kasachische Technologieplattform könnte dabei helfen, entsprechende Lösungen zunächst in einem Pilotprojekt zu erproben.
Im Maschinenbau wurde anhand mehrerer Beispiele deutlich, wie wichtig die Verbindung von Vertrieb, Service, Ausbildung und lokaler Produktion ist. Deutsche Unternehmen haben ihre Fertigung in Kasachstan in den vergangenen Jahren schrittweise ausgebaut und beliefern von dort teilweise weitere Märkte in der Region. Die vorgestellten Projekte reichten von Landtechnik und Pumpensystemen, über Anlagen für technische Gase bis zur Produktion großformatiger Kunststoffrohre. Gerade bei Produkten, deren Transport aufwendig und teuer ist, bietet eine Produktion vor Ort erhebliche Vorteile. Gleichzeitig schafft die Lokalisierung qualifizierte Arbeitsplätze und stärkt den Technologietransfer. „Kasachstan ist zwar ein riesiges Land, aber nicht der größte Markt, um Investitionen zu rechtfertigen“, sagte Jens Dallendörfer vom Pumpenhersteller WILO. Man arbeite aber daran, weiter zu lokalisieren und beliefere von Kasachstan aus zehn weitere Länder. Auch der deutsche Landmaschinenhersteller Claas, der seit einigen Jahren in Kasachstan montiert, erhöht sukzessive die Wertschöpfung im Land.
Ein weiteres zentrales Thema war der Ausbau der Verkehrs- und Logistikinfrastruktur. Vorgestellt wurden Projekte zur Modernisierung der kasachischen Eisenbahn, zur Entwicklung von Instandhaltungskonzepten und zum Ausbau des Containerverkehrs. Besondere Bedeutung kommt dem geplanten intermodalen Containerterminal im Hafen Aktau mit einer Kapazität von bis zu 300.000 TEU zu. Das Projekt soll die Leistungsfähigkeit der transkaspischen Route stärken. Es gehe nicht um den schnellen Verkehr zwischen EU und China. Da gebe es schnellere Wege, sagte Heinrich Kerstgens von Rhenus, sondern um die Verbindung zwischen der EU und Zentralasien. Die Länder der Region sind eben nicht nur Transitstaaten, sondern eigenständige Produktions-, Investitions- und Absatzmärkte.
Auch nachhaltige Entwicklung und Wasserwirtschaft bieten großes Potenzial für die bilaterale Zusammenarbeit. Rund 44 Prozent des kasachischen Flusswassers stammen aus dem Ausland. Gleichzeitig verschärft der Klimawandel die Herausforderungen bei Wasserversorgung und Wassermanagement. Diskutiert wurden die Modernisierung von Leitungsnetzen und Abwassersystemen in zahlreichen Kommunen sowie die Idee eines deutsch-kasachischen Wasserlabors. Weitere Vorhaben betreffen die Verwertung von Altglas, die Nutzung industrieller Restwärme und den Aufbau von Kompetenzen im Gesundheitssektor. Das Programm der Sitzung umfasste zudem die Vorstellung der Investitionsplattform Alatau City und ihrer prioritären Geschäftsfelder für deutsche Investoren.
Die DKWR-Sitzung machte deutlich, dass deutsche Unternehmen in Kasachstan über einen hervorragenden Ruf verfügen und in zahlreichen Branchen gefragte Technologie- und Investitionspartner sind. Dieses Image ist jedoch kein Selbstläufer. Die zentrale Botschaft lautete deshalb: Deutsche Unternehmen sollten die Chancen in Kasachstan und Zentralasien jetzt nutzen. Gefragt sind angesichts des scharfen Wettbewerbs in der Region mehr Tempo, eine stärkere Präsenz vor Ort und der Mut, langfristige Partnerschaften einzugehen. Der Deutsche-Kasachische Wirtschaftsrat bietet eine passende Plattform, um Unternehmen, Politik und Finanzierungsinstitutionen zusammenzubringen und aus Projektideen konkrete Kooperationen zu entwickeln.
Christian Himmighoffen
Leiter Presse und Kommunikation
Eröffnet wurde die Sitzung von den beiden Ko-Vorsitzenden Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms (3.v.li.) und dem stellvertretenden kasachischen Außenminister Alibek Kuantyrov (2.v.li.).
Foto: Natalie Nemtschinowa
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