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Das Schwarze Meer als strategische Drehscheibe

OA-Präsidiumsmitglied Peer Witten eröffnet das Forum in der Landesvertretung Hamburgs in Berlin. Foto: A. Metz
23.04.2026
Ost-Ausschuss-Expertenforum zu den Chancen und Herausforderungen für neue Transportkorridore, Infrastrukturentwicklung und Logistik

Bei einem Experten Forum des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft in der Hamburgischen Landesvertretung in Berlin stand am 23. April die strategische Bedeutung der Schwarzmeerregion für europäische Lieferketten, Energie- und Sicherheitspolitik im Mittelpunkt. Rund 80 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Think Tanks und internationalen Organisationen diskutierten Perspektiven zum Ausbau der Infrastruktur und zur Optimierung der Transportkorridore und Logistik.

Unter dem Titel „Connectivity of the Black Sea Region: Transport Corridors, Infrastructure Development and Logistics“ widmete sich die Veranstaltung der Frage, wie die Schwarzmeerregion angesichts geopolitischer Umbrüche und des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine als zentrale Drehscheibe zwischen Europa, dem Südkaukasus, Zentralasien und dem Mittleren Osten weiterentwickelt werden kann. Unstrittig war dabei, dass der sogenannte Mittlere oder Transkaspische Korridor eine wichtige Rolle bei der Diversifizierung von Lieferketten und einer größeren internationalen Resilienz gegen externe Schocks spielt.

Mehr als ein alternativer Korridor?

Eine zentrale Frage war allerdings, ob der so genannte Mittlere Korridor zwischen Zentralasien, dem Südkaukasus und der EU nur eine „alternative“ Transportroute zum kritischen Nordkorridor durch Russland und südlicheren Routen über den Suez-Kanal und das Mittelmeer sei, oder auch ein selbständiges Entwicklungspotenzial hat. In den verschiedenen Impulsen und Diskussionsrunden wurde dabei deutlich, dass auf dem Weg zu echter Konkurrenzfähigkeit noch einige Engstellen beseitigt werden müssten. Dazu gehören infrastrukturelle Defizite nicht nur an beteiligten Häfen, sondern gerade auch bei deren Anbindung im Hinterland über Straße, Schiene und Binnenwasserstraßen. Auch die bislang hohen Hafen- und Schienengebühren und die aufwändige und langwierige Bürokratie bei der Grenzabfertigung verringern die Konkurrenzfähigkeit der Logistikrouten rund um und über das Schwarze Meer. 

Die Staatsrätin der Freien und Hansestadt Hamburg Liv Assmann hob in ihrer Eröffnung die strategische Relevanz der Region für Hamburg und Europa hervor. Eine stärkere Anbindung Südosteuropas, resilientere Lieferketten sowie neue Partnerschaften seien wesentliche Bausteine, um den Handel zu diversifizieren und auch Länder wie die Ukraine und Moldau perspektivisch in einen vereinten europäischen Wirtschaftsraum zu integrieren. 

Peer Witten, Präsidiumsmitglied und Sprecher Logistik und Verkehrsinfrastruktur des Ost-Ausschusses, unterstrich in seiner Begrüßung die Bedeutung des Schwarzen Meeres als wirtschaftliche Lebensader und die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine. Der Krieg habe bestehende Handelsrouten grundlegend verändert und mache den Aufbau leistungsfähiger physischer und digitaler Infrastruktur entlang neuer Korridore zwingend erforderlich. Eine solche Entwicklung könne jedoch nur im Zusammenspiel von Privatwirtschaft, nationalen Regierungen und der Europäischen Union gelingen.

Zentrale Arena der europäischen Sicherheitspolitik

In ihrer Keynote zeichnete Johanna Deimel, Vize-Präsidentin der Südosteuropa-Gesellschaft, ein umfassendes geopolitisches Bild der Region. Das Schwarze Meer sei zu einer der zentralen Arenen europäischer Sicherheits- und Energiepolitik geworden, in der sich autoritäre und demokratische Ordnungsmodelle direkt gegenüberstünden. Der Ausgang des Krieges gegen die Ukraine werde entscheidend dafür sein, ob russische Dominanz zurückgedrängt und langfristige Stabilität erreicht werden könne. „Konnektivität“ bezeichnete Deimel als „geopolitische Währung“, deren Ausbau politischen Willen, schnellere Investitionen und eine enge Abstimmung zwischen EU und NATO erfordere.

In diesem Zusammenhang stellte Michael Vögele, stellvertretender Abteilungsleiter im EU-Generaldirektorat für Erweiterung und Östliche Nachbarschaft (DG ENEST) die neue EU-Schwarzmeerstrategie vor. Sie zielt auf eine sichere, stabile und prosperierende Region ab und bündelt Maßnahmen in den Bereichen Sicherheit, nachhaltiges Wachstum und Konnektivität. Zentrale Elemente sind der Ausbau alternativer Transport-, Digital- und Energienetze, insbesondere des Transkaspischen Internationalen Transportkorridors, sowie gezielte Förder- und Finanzierungsinstrumente für Unternehmen im Rahmen von „Global Gateway“.

Schneller, preisgünstiger, verlässlicher

Die anschließenden beiden Diskussionsrunden, die von Norbert Beckmann-Dierkes (Konrad Adenauer Stiftung) und Mirco Nowak (LUNO Group und Sprecher für Eurasien in der Bundesvereinigung Logistik) moderiert wurden, waren mit Expertinnen und Experten aus Deutschland, Griechenland, Georgien, Serbien, Rumänien und Bulgarien hochkarätig besetzt.

Angesichts bestehender Risiken – etwa durch den Krieg Russlands und unzureichende Grenz- und Infrastrukturprozesse – seien weiterhin Investitionen notwendig, um Europas Handlungsfähigkeit zu sichern. Dabei verwiesen insbesondere die Vertreter von Unternehmen der Logistik und Hafenwirtschaft wie Philip Sweens von HHLA und Heinrich Kerstgens von Rhenus immer wieder auf noch bestehende Mängel bei der infrastrukturellen Anbindung der Häfen in der Region an das Hinterland und die umständliche Bürokratie beim Grenzübertritt. Dies führe zu langen, teuren und zeitlich schwer kalkulierbaren Lieferzeiten entlang der Lieferkette aus Zentralasien nach Europa. Dabei sei der Mittlere Korridor angesichts der wachsenden Nachfrage in Zentralasien mehr als eine bloße Transitroute von Europa nach China.

Matej Zakonjšek, Direktor des Sekretariats der Transport Community in Belgrad betonte angesichts langer Wartezeiten für Transporte an den Grenzen, Hafenanlagen und Bahnhöfen, dass Lieferungen über den Mittleren Korridor „schneller, billiger und verlässlicher“ werden müssten, um sich dauerhaft als attraktive Transportroute zu etablieren. Als konkrete Defizite wurden etwa unzuverlässige Fahrpläne im Seeverkehr auf dem Kaspischen Meer, die fehlenden grenzüberschreitenden Verbindungen etwa zwischen Warna und Constanta in Südosteuropa oder Poti und Baku im Südlichen Kaukasus und generell die unzureichende Anbindung Bulgariens an seine Nachbarländer benannt. Wichtig sei zudem die Verknüpfung verschiedener Transportkorridore etwa des Mittleren Korridors mit den transeuropäischen Verkehrsnetzen (TEN-V). „Konnektivität ist mehr bloße Routen von A nach B, sondern ein System“, sagte Martin Yanev von der bulgarischen Handelskammer.“ „Isolierte Lösungen sind nicht sinnvoll.“

Verknüpfung der verschiedenen Korridore

Insgesamt machte die Veranstaltung aber deutlich, dass die Schwarzmeerregion nicht mehr als Randthema betrachtet wird, sondern zunehmend in den Fokus europäischer Wirtschafts- und Sicherheitspolitik rückt. Die Chancen sind groß, die noch zu lösenden Aufgaben ebenfalls.

Andreas Metz, Leiter Public Affairs

Kontakt

Dr. Martin Hoffmann
Direktor Strategie und Research
Logistik und Verkehrsinfrastruktur
Gesundheitswirtschaft
Fachkräftesicherung
T. +49 30 206167-126
M.Hoffmann@oa-ev.de

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