Anlässlich des 35-jährigen Jubiläums des Nachbarschaftsvertrags fand am 17. Juni im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin ein Workshop zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums „Nachbarschaft im Wandel“ stand die Entwicklung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen seit 1991 und der weitere Ausbau der Zusammenarbeit. Veranstaltungspartner waren der Ost-Ausschuss, die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) sowie die Polnische Agentur für Investitionen und Handel (PAIH).
Zu den Podiumsteilnehmenden gehörten Regionaldirektor Adrian Stadnicki vom Ost-Ausschuss, Susanne Szech-Koundouros (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie), Tomasz Salomon (Polnisches Wirtschaftsministerium), Lars Gutheil (AHK Polen), Dorota Kafara (PAIH), Ewa Łabno-Falęcka (Mercedes-Benz Polen/Stiftung für die Entwicklung der Bildung für die Industrie) sowie Dariusz Biernacki (Comarch AG).
Die Intensität der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen ist 35 Jahre nach der Vertragsunterzeichnung beeindruckend. Das bilaterale Handelsvolumen ist seitdem von acht auf 180 Milliarden Euro gestiegen. Ähnlich dynamisch haben sich die deutschen Investitionen in Polen entwickelt, zahlreiche deutsche Unternehmen sind mit einer Fertigung in Polen vertreten.
Zunehmende Präsenz polnischer Unternehmen auf dem deutschen Markt
Längst wächst auch die Präsenz polnischer Unternehmen auf dem deutschen Markt. Firmen aus Polen treten in Deutschland zunehmend als Investoren, Technologieanbieter und Partner bei der Modernisierung der deutschen Wirtschaft auf. Sie profitieren dabei von der Größe des deutschen Marktes und dem Zugang deutscher Unternehmen zu Drittmärkten, aber auch von Nachfolgeproblemen mittelständischer Betriebe in Deutschland, die neue Einstiegsmöglichkeiten eröffnen.
Ein erfolgreicher Markteintritt polnischer Unternehmen in Deutschland bedarf dennoch sorgfältiger Vorbereitung. Zwar sind viele formale Hindernisse innerhalb der EU entfallen, doch Unterschiede in der Geschäftskultur, bei den Erwartungen der Kundinnen und Kunden sowie bei regulatorischen Anforderungen bestehen fort. Beratungsangebote, persönliche Kontakte und institutionelle Netzwerke bleiben deshalb von großer Bedeutung. Die Teilnehmenden sprachen sich zudem dafür aus, regulatorische Hürden weiter abzubauen, um die gemeinsame Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Nächste Entwicklungsstufe der Zusammenarbeit
Vor allem ging es bei dem Workshop um die nächste Entwicklungsstufe der Zusammenarbeit. Besondere Chancen bieten dabei Digitalisierung und Informationstechnologie, Elektromobilität, grüne Energie sowie die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Auch die gemeinsame Entwicklung von Technologien, Investitionen in innovative Lösungen und ein koordiniertes Auftreten auf Drittmärkten können der Zusammenarbeit neue Impulse verleihen. Grenzüberschreitende Projekte wie die geplante gemeinsame Wärmeversorgung von Görlitz und Zgorzelec zeigen, wie wirtschaftliche Kooperation zur regionalen Integration beiträgt.
Eine leistungsfähige grenzüberschreitende Infrastruktur bleibt dabei eine zentrale Herausforderung: Lücken in Straßen- und Bahnverbindungen zwischen beiden Ländern bremsen Mobilität und Warenverkehr gleichermaßen. Handlungsbedarf besteht außerdem bei der engeren Verzahnung von Bildung, Forschung und industrieller Praxis. Qualifikationen und Kompetenzen müssen stärker auf die Anforderungen einer technologisch geprägten und sich schnell wandelnden Arbeitswelt ausgerichtet werden.
Die deutsch-polnische wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist keineswegs abgeschlossen. Ihr nächstes Kapitel wird stärker von Innovation, technologischer Zusammenarbeit und gemeinsamen Investitionen bestimmt sein. Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, eine moderne Infrastruktur und die Bereitschaft, die Wirtschaftsbeziehungen über den bilateralen Handel hinaus als strategische Partnerschaft für Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und wirtschaftliche Resilienz weiterzuentwickeln.
Oliver Lehmann
Regionaldirektion Mittelosteuropa
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