„Zum Optimismus gibt es keine Alternative“

15. Dezember 2008

3. Deutsch-Russische Mittelstandskonferenz und Sibirientag in Stuttgart

Welche Auswirkungen hat die Weltfinanzkrise auf die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen? Diese Frage stand bei der 3. Deutsch-Russischen Mittelstandskonferenz am 11. November in Stuttgart im Mittelpunkt. Die Konferenz wurde vom Ost-Ausschuss gemeinsam mit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, der IHK Region Stuttgart und der Assoziation „Delowaja Rossija“ organisiert.

Während der hochkarätig besetzten Eröffnungsveranstaltung kam keiner der Redner am Thema Finanzkrise vorbei. Dabei wurde gleich von drei anwesenden Wirtschaftsministern Zuversicht verbreitet: Neben der russischen Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung, Elvira Nabiullina, nahmen auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und dessen baden-württembergischer Amtskollege Ernst Pfister an der Eröffnung teil. Bilateraler Handel sei gerade wichtig in einer Zeit, in der die Weltkonjunktur in ein gefährliches Fahrwasser geraten sei, so Wirtschaftsminister Glos. Angesichts der sich verdüsternden Exportaussichten seien Kreativität, Leistung und Dynamik umso mehr gefragt. Gerade dies aber zeichne den deutschen Mittelstand aus, machte Glos Mut. „Starke Handelsnationen wie Russland und Deutschland sollten vermehrt die Potentiale ihres bilateralen Handels nutzen. Die Chancen in Russland seien noch lange nicht ausgeschöpft. Glos kündigte in diesem Zusammenhang eine Ausweitung der Hermes-Bürgschaften an.

Russlands Wirtschaftsministerin Nabiullina äußerte in ihrer Rede die Hoffnung, dass die Krise die russischen Unternehmen dazu ansporne, aufgeschobene Reformen schneller umzusetzen und dadurch zu mehr Effizienz und Innovationskraft führe. Nabiullina würdigte die bilaterale Wirtschaftskooperation als „konstruktiv und positiv“. Sie hob die Bedeutung des Mittelstandes als grundlegend für die russische Wirtschaft hervor und versprach die Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen. Allein in diesem Jahr soll der Mittelstand mit 100 Millionen Euro gefördert werden, Tendenz steigend. Weiterhin stellte sie den Abbau von Zollbarrieren in Aussicht. Ausländische Investoren seien willkommen, daher arbeite Russlands Regierung daran, auf der administrativen Ebene zahlreiche Investitionsanreize zu schaffen. (Siehe Gastbeitrag S. 9–10)

Dr. Heinrich Weiss, Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer, lobte in der anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Deutscher und russischer Mittelstand – Erfahrungen und Perspektiven“ den Willen der russischen Regierung zum Bürokratieabbau. Hier könne Deutschland inzwischen von Russland lernen: „Wenn Sie in St. Petersburg eine Firma gründen wollen, bekommen Sie innerhalb von fünf Tagen die Genehmigung“, so Weiss. In insgesamt fünf Nachmittagspanels ging es anschließend um die Wachstumsbranchen Automobilindustrie/Zulieferer, Maschinenbau, Bau- und Kommunalwirtschaft, Umwelt und Energietechnik sowie Gesundheitswirtschaft.

„Es gibt weltweit keinen Markt, der zuletzt so an Bedeutung für die deutsche Wirtschaft gewonnen hat wie Russland“, unterstrich Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, zu Beginn der Konferenz. Das deutsche Handelsvolumen mit Russland habe sich seit dem Jahr 2000 fast verfünffacht, der Export nach Russland sichere Deutschland mittlerweile 70 000 Arbeitsplätze. Die Wirtschaftskrise werde zwar zu einem Rückgang des Wachstums in Russland führen, die Aussichten für die Zukunft seien aber weiterhin vielversprechend.

Im Rahmen der Mittelstandskonferenz überreichte Mangold Vorschläge des Ost-Ausschusses zur Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen an Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und Russlands Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina. Die „Zwölf Kapitel für eine russisch-deutsche Wirtschaftspartnerschaft“ bündeln Erfahrungen der Mitgliedsunternehmen des Ost-Ausschusses und sollen Investitionen in beiden Ländern erleichtern.

Die 3. Deutsch-Russische Mittelstandskonferenz fand im Rahmen des Forums Global Connect in der Neuen Messe am Stuttgarter Flughafen statt, die in diesem Jahr ihre Premiere feierte. Dem Ruf nach Stuttgart waren zwei große russische Delegationen mit insgesamt 160 Unternehmern und Politikern gefolgt.
Insgesamt wurden rund 2800 Besucher auf der Messe gezählt, die sich an den 150 Ausstellerständen über Chancen und Möglichkeiten rund um das Thema Außenhandel informierten. Auch der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft war mit einem eigenen Stand vertreten.

Jenseits von Öl und Gas – Präsentation der Region Sibirien

„Die Deutschen wissen wenig über Sibirien“ – konstatierte der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Wladimir Kontenjow. Der am 12. November im Anschluss an die Mittelstandskonferenz in Stuttgart stattfin-dende „Sibirientag“ sollte für Abhilfe sorgen. Dazu war eine 90-köpfige Wirtschaftsdelegation aus Sibirien angereist, die vom Bevollmächtigten des Russischen Präsidenten für den Föderalbezirk Sibirien, Anatoli Kwaschnin, geleitet wurde. Mit dabei waren auch Gouverneure aus vier Regionen Sibiriens.

„Die große Zahl russischer Teilnehmer unterstreicht eindrucksvoll die hohe Bedeutung, die Russland den Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland beimisst“, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Mangold, der vor allem auf die exzellente Hochschullandschaft in Sibirien hinwies. Aus dieser wirtschaftsstarken Region, die mehr als ein Drittel des russischen Territoriums umfasst, kämen zehn Prozent aller russischen Exporte, so Mangold. Schlüsselbranchen vor Ort seien die Holz- und Papierindustrie, die Agrarwirtschaft, die Luft- und Raumfahrt sowie die metallverarbeitenden Industrie.

Ziel des Sibirientages war es, Impulse zu geben für eine sinnvolle Vernetzung von Partnern aus Russland und Deutschland. Auf dem Messegelände selbst zeugte der markante Sibirien-Stand vom großen wirtschaftlichen und kreativen Potential. Kwaschnin kündigte in seinem Vortrag eine Diversifizierung der rohstofflastigen sibirischen Wirtschaft an: Prioritär sei die Entwicklung alternativer Energiequellen, der Hochtechnologie und der Agrarwirtschaft.

In der anschließenden Podiumsdiskussion stand der Erfahrungsaustausch deutscher und russischer Unternehmer in Sibirien im Vordergrund. Pioniere im Russlandgeschäft, wie die Unternehmen EkoNivaSibir, Keller HCW und die Gebr. Fink GmbH, diskutierten zusammen mit sibirischen Gouverneuren über Potentiale und Risiken des Sibirien-Engagements. Als problematisch wurde dabei immer wieder die Ausbildungssituation genannt, die einen eklatanten Spezialisten- und Fachkräftemangel zur Folge hat. Neben Engpässen bei der Elektrizitätsversorgung wurden mehrfach komplizierte administrative Verfahren zur Sprache gebracht, wobei fast alle anwesenden Unternehmen auf die gute Zusammenarbeit mit der jeweiligen Gebietsadministration hinwiesen.

Investieren in Russland lohnt sich, auch jetzt, womöglich gerade jetzt – so das einmütige Urteil der im Russlandgeschäft engagierten Unternehmer. So verbreiteten Mittelstandskonferenz und Sibirientag trotz der erwarteten Wirtschaftseintrübung Zuversicht. „Zum Optimismus gibt es keine vernünftige Alternative“, betonte Bundeswirtschaftsminister Glos und fügte eine entsprechende russische Lebensweisheit an: „Schau der Furcht in die Augen, und sie wird dir zuzwinkern“.

Dr. Christiane Schuchart
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft