Zeit für neues Denken

16. Oktober 2009

Junge Führungskräfte diskutieren bei den 2. Deutsch-Russischen Gesprächen Baden-Baden über gemeinsame Wege aus der Wirtschaftskrise

Vom 12. bis 18. Oktober 2009 trafen sich 26 junge Führungskräfte aus Deutschland und Russland zu den 2. Deutsch-Russischen Gesprächen Baden-Baden. Das Intensivseminar im Palais Biron unweit der berühmten Lichtentaler Allee wurde gemeinsam von der Robert Bosch Stiftung, der BMW Stiftung Herbert Quandt und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft veranstaltet.

Baden-Baden ist seit Jahrzehnten eine der ersten Adressen der deutschen Wirtschaft: Die Baden-Badener Unternehmergespräche, zu denen sich zweimal jährlich der deutsche Managernachwuchs im Palais Biron trifft, genießen einen legendären Ruf. Außerdem sind die Wege aus Baden-Baden nach Russland kurz. Namen wie Turgenjew, Dostojewski oder Rachmaninow sind eng mit der Kurstadt verbunden. Heute lebt hier eine große russische Gemeinde. Da lag es nahe für den Ost-Ausschuss, an den genius loci anzuknüpfen und das Baden-Badener Palais Biron für ein Intensivseminar junger Führungskräfte aus deutschen und russischen Unternehmen auszuwählen.„Die deutsche Wirtschaft ist ein wichtiger Partner für die Modernisierung Russlands. Umgekehrt engagieren sich immer mehr russische Investoren in Deutschland. Je besser wir uns verstehen, desto mehr profitieren unsere Volkswirtschaften davon“, umschreibt Ost-Ausschuss-Vorsitzender Prof. Dr. Klaus Mangold die Ziele der Deutsch-Russischen Gespräche Baden-Baden, die vom 12. bis 18. Oktober bereits zum zweiten Mal stattfanden.   

Mit Innovationen aus der Krise
„Innovationen als Weg aus der Krise?“ – diese Leitfrage stand über dem Programm für die sechs Seminartage. Neben einer Analyse der Krisen-Ursachen gab es Diskussionsrunden über die Bedeutung des Mittelstands, den Wettbewerb um die besten Köpfe und die möglichen sozialen Folgen der Krise. Eine wichtige Rolle spielte auch die Frage nach der sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmern in den jeweiligen Gesellschaften. Die Diskussionsimpulse lieferten hochkarätige Referenten aus beiden Ländern.

Eröffnet wurden die Gespräche am Abend des 12. Oktober 2009 mit einem Referat von Prof. Dr. Igor Jurgens. Der Vorstandsvorsitzende des Moskauer Instituts für moderne Entwicklung gehört zu den wichtigsten Beratern des russischen Präsidenten Medwedew. Jurgens forderte als Reaktion auf die Wirtschaftskrise ein völlig neues Denken in seinem Land. Bislang sei Russlands Wirtschaft zu sehr vom Rohstoffexport abhängig und durch eine staatliche „Steuerung von Hand“ geprägt. Nötig sei „die Schrumpfung des staatlichen Sektors, die Ausweitung des Wettbewerbs und die Reformierung von Monopolen.“ Die Modernisierung des Landes müsse ins Interessenfeld aller Eliten in Russland rücken, sonst drohe internationale Zweitklassigkeit.

An den weiteren Seminartagen standen den Teilnehmern deutsche und russische Top-Manager, Unternehmerpersönlichkeiten und Wissenschaftler als Gesprächspartner zur Verfügung. Darunter waren von russischer Seite beispielsweise der Unternehmer Alexander Lebedew, Dr. Tatiana Malewa, Direktorin des Unabhängigen Instituts für Sozialpolitik, Oleg Alekseew, Vorstandsmitglied der Renova-Gruppe Moskau, Witalij Jusufow, Eigentümer der Nordic Yards GmbH, und Prof. Dr. Andrej Zwerew, Leiter des Handels- und Wirtschaftsbüros der russischen Botschaft in Berlin. Von deutscher Seite beteiligten sich an dem Seminar unter anderem Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen, BASF-Vorstandsmitglied Hans-Ulrich Engel, Hans-Joachim Gornig, Geschäftsführer von Gazprom Germania, Dr. Rainer Seele, Vorstandsvorsitzender der Wintershall Holding AG, Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der Festo AG und Georg Graf Waldersee, Vorstandsmitglied von Ernst&Young.   

Demographie und Wirtschaftswachstum
Einen tiefen Eindruck hinterließen bei den Teilnehmern Vorträge zur demographischen Entwicklung und die damit verbundenen Folgen für das Wirtschaftswachstum in Deutschland und Russland. Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, nannte Deutschland den Vorreiter in einer weltweit zu beobachtenden Entwicklung hin zu weniger Nachwuchs. „In Deutschland liegt die Geburtenrate pro Frau seit etwa 40 Jahren stabil bei 1,4 Kindern. Das bedeutet, die jeweilige Kindergeneration ersetzt ihre Elterngeneration nur noch zu etwa Zweidritteln“,  rechnete Klingholz vor. Seit dem Jahr 2003 sei nun ein Bevölkerungsrückgang zu beobachten: „Wir haben seitdem 500.000 Menschen verloren.“ Nach den Prognosen des Berlin-Instituts wird der Verlust bis 2050 bei etwa zwölf Millionen Einwohnern liegen. Jeder siebte Deutsche sei dann über 80 Jahre alt. Dr. Sergey Zakharov, Stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie der Staatlichen Universität Moskau, ergänzte dies mit Beobachtungen zu Russland. Hier werde bis zum Jahr 2025 mit einem Rückgang um 14 Millionen Menschen gerechnet. „Es wird schwer für die Wirtschaft werden, sich anzupassen. Es wird einen harten Kampf um kluge Köpfe geben.“Klingholz beschrieb aber auch Wege zur Milderung der Folgen des demographischen Schrumpfungsprozesses. So müsse alles dafür getan werden, dass Frauen Familie und Beruf verbinden könnten, etwa durch den Aufbau von Ganztagsschulen. Generell müsse mehr in Bildung investiert werden. „Wenn wir weniger Köpfe haben, müssen wir durch Bildung mehr aus ihnen herausholen.“ Zudem nutze Deutschland das Potenzial von Migranten viel zu wenig.

Die 26 jungen Führungskräfte im Alter von 30 bis 45 Jahren, die in Baden Baden dabei waren, wurden von ihren Unternehmen als Seminarteilnehmer nominiert. Bei der endgültigen Auswahl spielten fachliche und soziale Kompetenz eine wichtige Rolle. Bereits im Vorfeld der Gespräche hatten sich die Teilnehmer an der Zusammenstellung von Arbeitsgruppen beteiligt, in denen sie dann vor Ort Fachfragen vertieft diskutierten. Dass das Treffen in Baden-Baden ein voller Erfolg war, zeigen die Reaktionen der Teilnehmer. Michail Gribov, Assistent des Generaldirektors von Knauf Service in Krasnogorsk, sprach von einer „hervorragenden Austauschplattform“. „Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen deutsche und russische Manager zusammenkommen, per Du sind, offen sprechen können und dazu durch Vorträge Anregungen bekommen. Die Woche hier hat die Teilnehmer mental zusammengebracht.“ Ähnlich äußerte sich Christian Kremer, General Manager von BMW Russland: „Die Gespräche in Baden-Baden sind eine gute Plattform, um eine Verbesserung der gesamten Kommunikation zwischen Deutschland und Russland herbeizuführen und um insbesondere auch aus deutscher Sicht mit einigen Stereotypen aufzuräumen.“

Wie im vergangenen Jahr wurde das intensive Arbeitspensum im Palais Biron durch ein Rahmenprogramm ergänzt. Unter anderem gab es eine Exkursion in den Schwarzwald zum „Networking in Nature“ und einen Besuch der Badischen Stahlwerke in Kehl – auf Einladung von Horst Weitzmann, Eigentümer des Stahlwerks und eine der beeindruckendsten Unternehmerpersönlichkeiten des deutschen Südwestens.

Im Nordschwarzwald wurde einst russische Geschichte geschrieben, wie Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, in seinem Grußwort bemerkte: 1857 trafen sich unweit von Baden-Baden russische Adlige um über Reformen zu beraten. Ihre Ideen mündeten 1861 in der Abschaffung der Leibeigenschaft und einem großen gesellschaftlichen Aufbruch in Russland. „Reform, Mut und Vertrauen“, in diesem Geiste sollten die Teilnehmer die Tage in Baden-Baden verbringen und sich möglichst eng vernetzen, so Lindner. Der Appel fiel auf fruchtbaren Boden. Bereits im Frühjahr 2010 wird es in Moskau ein Alumni-Treffen geben.

Andreas Metz
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft