Wirtschaftsmotor oder Bremsklotz?

15. April 2009

Russlands Automobilindustrie auf dem Prüfstand

Anfang des vergangenen Jahres waren sich alle Experten sicher: Russland wird spätestens 2011 vor Deutschland zum größten Pkw-Markt in Europa und zum fünftgrößten weltweit aufsteigen. Die Dynamik, die der russische Automobilmarkt an den Tag legte, war beeindruckend. Während die westlichen Märkte sich schon über eine Steigerung von einem oder zwei Prozent freuten und sich eher auf eine Stagnation oder gar einen Rückgang einstellten, eilte Russlands Automobilmarkt von Rekord zu Rekord. Insbesondere die ausländischen Hersteller profitierten von dieser Entwicklung. Sie setzten immer stärker auf ein Engagement vor Ort und die russische Regierung machte dies mit ihren Verordnungen 166 und 566 zur industriellen Fertigung auch steuer- und zollrechtlich attraktiv. Die einheimische russische Automobilindustrie stand mit ihrer veralteten Modelpalette dieser Entwicklung hilflos gegenüber und suchte ihrerseits ausländische Partner, um ihre Produktion konkurrenzfähiger zu machen.

Dieser Boom hat mit dem Einzug der Finanzkrise in Russland sein abruptes Ende gefunden. Stieg der Absatz von ausländischen Marken in den ersten neun Monaten 2008 noch um 40 Prozent, so hat sich dieses Wachstum bereits im September auf 20 Prozent verlangsamt. Ende 2008 gab es dann einen Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Insgesamt konnte der Absatz von Fahrzeugen im vergangenen Jahr in Russland noch um 14 Prozent zulegen. Nicht alle Marktsegmente profitierten von diesem Anstieg. Während die Verkaufszahlen in Russland hergestellter ausländischer Marken um 32 Prozent zulegten, haben die russischen Hersteller neun Prozent gegenüber dem Vorjahr verloren.
Derzeit ist es schwer, Prognosen von den Experten zu bekommen. Wenn überhaupt jemand den Blick in die Zukunft wagt, dann gleich mit einem normalen und einem pessimistischen Szenario. Im günstigsten Fall wird für das laufende Jahr ein Absatzrückgang von 25 Prozent prognostiziert. Das Worst-Case-Szenario geht von einem 50-prozentigen Rückgang aus. Der steigende Absatz von neuen Fahrzeugen in Russland wurde vor allem von der starken wirtschaftlichen Entwicklung und den überdurchschnittlich steigenden Löhnen getragen. Diese Treiber sind nun im Zuge der Krise weggebrochen. Während es zu Kürzungen der Löhne kommt und viele Menschen um ihre Jobs bangen, tut die Rubelabwertung ihr Übriges. Auch die restriktive Kreditpolitik der Privatbanken in Russland – so liegen die Zinssätze für Automobilkredite in US-Dollar bei 14 Prozent und in Rubel bei 30 Prozent –, sorgt dafür, dass die Verkaufszahlen abstürzen.

Während in den westlichen Ländern die Regierungen mit direkten Subventionen wie der Abwrackprämie den Absatz ankurbeln und die Automobilindustrie unterstützen, hat die russische Regierung zunächst den Weg der Abschottung eingeschlagen. Die Zölle für neue Importfahrzeuge wurden von 25 auf 30 Prozent angehoben, für gebrauchte Fahrzeuge werden jetzt gar 35 Prozent Einfuhrzoll fällig. Positive Ergebnisse für die einheimische Industrie hat die vorerst bis zum Oktober 2009 geltende Zollerhöhung nicht gebracht, die Bänder stehen immer noch größtenteils still. So ist es auch verständlich, dass bei der ersten größeren Automobil-Konferenz in Russland in diesem Jahr offen die Krisenpolitik der russischen Regierung kritisiert wurde.

Ist nun der Traum Russlands von einer führenden Automobilnation ausgeträumt? Diese Frage muss man klar verneinen. Auch wenn die russischen Hersteller klare Verlierer der Krise sind, geht es den ausländischen Konzernen, die in Russland produzieren, auf dem russischen Markt vergleichsweise gut. Laufende Investitionsvorhaben werden daher zu Ende geführt. Verständlich, wenn man sich alleine die Anzahl der Fahrzeuge in Russland anschaut. Während in Deutschland rund 575 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner angemeldet sind, liegt diese Zahl in Russland erst bei 210 – das Wachstumspotenzial ist enorm. Da ist es ratsam, bereits in der ersten Reihe zu stehen, wenn der Aufschwung wieder einsetzt und die Ampel auf Grün springt.

Eduard Kinsbruner,
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft