Wirtschaftliche Lokomotive Russlands

4. April 2011

Das Gebiet Swerdlowsk im Porträt

Die Oblast Swerdlowsk zählt zu den wichtigsten Zukunftsregionen der russischen Wirtschaft. Das am Ural, also auf der Grenze von Europa und Asien gelegene Gebiet gehört zu den zehn am höchsten entwickelten Regionen der Russischen Föderation, die zusammen mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes (BIP) des ganzen Landes erwirtschaften. Seit Jahren zeigt die Region rund um das Verwaltungszentrum Jekaterinburg ein stetiges Wachstum, das über dem russischen Durchschnitt liegt.

Das Bruttoregionalprodukt der Oblast beträgt etwa 22 Milliarden Euro. 60 Prozent davon entfallen auf die Schwerindustrie. Vor allem der südliche Teil des Gebiets zeichnet sich durch vielfältige Rohstoffvorkommen aus und stellt traditionell das industrielle Zentrum des gesamten Urals dar. Hier dominieren insbesondere Eisenerz- und Buntmetallförderung, Metallverarbeitung, Maschinenbau und Kohlebergbau. Aluminium- und Titanprodukte, Chromverbindungen, Maschinen- und Rüstungsgüter sowie Chemikalien gehören zu den Haupterzeugnissen der Region.

Im Jahr 2009 belegte Swerdlowsk nach Produktionspotenzial den sechsten Platz unter den Regionen der Russischen Föderation. Zudem ist das Gebiet ein wichtiger Verkehrs- und Logistikknotenpunkt zwischen dem europäischen Teil Russlands und den Absatzmärkten im asiatischen Raum. So konnte die Region 2009 einen beachtlichen Außenhandelsüberschuss verbuchen: Importen im Wert von 2,6 Milliarden US-Dollar standen Exporte im Wert von 7,3 Milliarden US-Dollar gegenüber – fast die dreifache Summe. Deutschland ist mit einem Anteil von 7,51 Prozent viertwichtigster Handelspartner des Gebiets. Bemerkenswert ist auch die hohe Anzahl von Forschungseinrichtungen. Über 100 wissenschaftliche Institute sowie 30 Hochschulen mit insgesamt mehr als 30.000 Mitarbeitern arbeiten in der Region Swerdlowsk an der Entwicklung innovativer Technologien. Industrielle Innovationsbetriebe und Zentren für Technologietransfer sind erste Erfolge einer regionalen Wirtschaftspolitik, die auf Wachstum durch Innovation setzt.

Die regionale Verwaltung hat sich zum Ziel gesetzt, das Gebiet Swerdlowsk zur wirtschaftlichen Lokomotive Russlands auszubauen. Bis 2020 soll sich eine stabile Mittelschicht entwickeln, die fast 70 Prozent der Gesamtbevölkerung des Gebiets ausmachen soll (bislang sind es 30 Prozent).

Gleichzeitig ist der industrielle Modernisierungsbedarf in der Region enorm. Die extrem energieintensive Industrie der Region sowie die veralteten Produktions- und Kommunalanlagen verlangen in den nächsten Jahren hohe Investitionen. Ein besonders wichtiger Punkt ist dabei das Thema Energieeffizienz. Russlandweit ist die Energieintensität (Verhältnis des Primärenergieverbrauchs zum BIP) um das 2,5-fache größer als der weltweite Durchschnitt.

Aufgrund von hohen Wachstumsraten könnte der regionale Energieverbrauch bis 2020 um 50 bis 65 Prozent gegenüber 2007 ansteigen. Ein überdurchschnittlich hoher Energiebedarf führt dabei nicht nur zu einer hohen Belastung für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrieerzeugnisse, sondern auch zu Inflation und zu einer hohen energetischen Abhängigkeit der Region. Ein föderales Gesetz sieht deshalb vor, die Energieeffizienz in ganz Russland bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 2007 zu heben.

Ohne bedeutende Investoren und erfahrene Unternehmen aus dem Ausland wird die Modernisierung in der Region nicht durchführbar sein. Ihre Ansiedlung gehört deshalb zu den wichtigsten Zielen der Behörden.

An dieser Stelle sind auch die deutschen Unternehmen gefragt. Das Gesetz „Über die staatliche Unterstützung der Investitionstätigkeit im Swerdlowsker Gebiet“, welches 2007 in Kraft getreten ist, verbessert die Bedingungen für Investoren. Mit Subventionen, zinsgünstigen Krediten und Steuerbegünstigungen für Unternehmen sollen Investitionen erleichtert werden. Außerdem verspricht man ausländischen Unternehmen administrative und finanzielle Unterstützung sowie die Ausbildung von qualifiziertem Personal nach ihren branchenspezifischen Bedürfnissen.

Die Anstrengungen scheinen sich zu lohnen: Im Jahr 2009 belegte das Swedlowsker Gebiet unter den 89 Regionen Russlands den 6. Platz nach der Höhe der ausländischen Investitionen. In der ersten Hälfe 2010 beliefen sich diese auf 740 Millionen US-Dollar, was einen Zuwachs von 27 Prozent zum Vorjahr darstellt.

Konzerne wie BASF und Siemens sind in der Region stark vertreten. BASF entwickelt zwei Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz in der Kommunalwirtschaft. Das erste Pilotprojekt „Energieeffiziente Stadt Jekaterinburg“ entstand in Zusammenarbeit mit der Russisch-Deutschen Energieagentur (RUDEA) und beschäftigt sich mit der Energiesanierung eines vor über 30 Jahren gebauten Wohnblocks. In diesem fünfstöckigen Gebäude werden das Dach, die Wände und der Keller energieisoliert. Es werden auch Energiezähler installiert und eine automatische Regelung des Energieverbrauchs eingeführt. Der Energieverbrauch soll durch die Maßnahmen insgesamt um 73 Prozent gesenkt werden. Die Reduzierung der Wärmeenergieverluste könnte dann allein bei diesem Objekt pro Jahr 2,1 Millionen Rubel (52.000 Euro) einsparen. Es ist geplant, die Erfahrungen auf andere Regionen in Russland zu übertragen. Allein in Jekaterinburg könnten 3000 Gebäude auf ähnliche Weise saniert werden.

Im zweiten Projekt realisiert die BASF in Kooperation mit dem russischen Baukonzern RENOVA-Stroygroup den Bau des europaweit größten Wohnbezirks „Akademitscheskij“. Bis 2025 sollen im neuen Stadtteil Jekaterinburgs neun Millionen Quadratmeter Wohnfläche für 325.000 Menschen entstehen. Außerdem entwickelt BASF eine weitere Reihe von Produkten zur Einsparung von Energie sowie zur Reduzierung der Luftverschmutzung.

Auch Siemens vereinbarte mit der regionalen Regierung die Durchführung von Energieeffizienzprojekten in Zusammenarbeit mit mehreren russischen und deutschen Partnern. So wird der Konzern nicht nur eine Energieeffizienz-Studie für die kommunalen Einrichtungen der Stadt Jekaterinburg durchführen, sondern auch drei hocheffiziente Gasturbinen (Typ SGT5-4000F) für das Kraftwerk Nyaganskaya liefern.

Der Baustoffkonzern Dyckerhoff ist mit 73 Prozent an einem integrierten Zementwerk am Standort Suchoi Log beteiligt, dessen Zementkapazität 2,4 Millionen Tonen beträgt. Neben den Standardgrauzementen haben Tiefbohrzemente aufgrund der Nähe zu den Erdöl- und Erdgasfördergebieten im Tjumen-Gebiet eine besondere Bedeutung. Dyckerhoffs Absatz von Zement und anderen hydraulischen Bindemitteln lag im Jahr 2009 bei rund 1,3 Millionen Tonen.

Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft in der Region mit über 70 Unternehmen vertreten. Zu ihnen gehören auch Audi, Commerzbank AG, Deutsche Bank AG, E.ON Russia Power, Ferrostaal AG, Herrenknecht, Lurgi GmbH, MAN Diesel SE, Metro, M+P GmbH, OSRAM GmbH, RWE AG, Scholze Gruppe, Viessmann Werke GmbH & Co. KG und andere. Immerhin stammten 2009 156 Millionen US-Dollar an Direktinvestitionen aus Deutschland – fast ein Fünftel der gesamten Auslandsinvestitionen in Gebiet Swerdlowsk.

Weitere Projekte, die insbesondere durch die RUDEA und andere deutsche Unternehmen in der Oblast Swerdlowsk vorangetrieben werden, sind die Modernisierung der Straßenbeleuchtung in Jekaterinburg, die Modernisierung der Anlagentechnik im Wasserwerk Jekaterinburg, ein Energiekonzept für Chemieunternehmen Khimmash, die Modernisierung eines Metall- und Bergbauunternehmens (UGMK) und die Modernisierung des Lokomotivwerks Jekaterinburg.