Wirtschaft intensiviert Rohstoffkooperation

16. April 2013

6. Deutsch-Russische Rohstoff-Konferenz in Chanti-Mansijsk

Der Autonome Kreis Chanti-Mansijsk in Westsibiren ist in Deutschland vor allem durch die Erfolge der deutschen Biathleten und wegen der hervorragenden Wintersportbedingungen bekannt. Weniger bekannt ist in der deutschen Öffentlichkeit, dass die Region beim Bruttoregionalprodukt unter den Föderationssubjekten den dritten Platz einnimmt. Dies ist natürlich vor allem der Förderung der Rohstoffressourcen zu verdanken, 51 Prozent der russischen Erdölförderung und sieben Prozent der Weltförderung werden hier erbracht. Die Rohstoff-Schatzkammer der Russischen Föderation war damit der ideale Austragungsort der 6. Deutsch-Russische Rohstoff-Konferenz.

Anlässlich der Konferenz kamen in Chanty-Mansijsk vom 16. bis 17. April deutsche und russische Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen. Die deutsche Delegation bestand aus über 30 Unternehmensvertretern zum Beispiel aus dem Maschinenbau und der Energiewirtschaft. Im Mittelpunkt des deutsch-russischen Informationsaustauschs standen unternehmerische wie wissenschaftliche Kooperationen im Rohstoffbereich. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung vom Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum (DRRF) und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.

In seiner Begrüßung skizzierte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses Rainer Lindner eine Brücke zwischen High-Tech und Rohstoffkooperation. Für die im Rahmen der HANNOVER MESSE ausgerufene Industrierevolution „Industrie 4.0“ seien nicht zuletzt Rohstoffe, vor allem Seltene Erden, notwendig. Auf der anderen Seite stehe Russland vor der Herausforderung, die Ressourcen noch effizienter zu fördern und im eigenen Land weiterzuverarbeiten. Das habe nicht zuletzt mit Hightech zu tun, die deutsche Wirtschaft stehe hierfür als Partner bereit. Lindner wies auf mögliche Kooperationen bei der Ausarbeitung neuer Ansätze und Lösungen etwa im Bereich des Recycling, neuer Technologien oder der Energiespartechniken hin. Dies gelte gerade auch für Halden in Bergbauregionen, in denen noch große Mengen an wichtigen Rohstoffen enthalten seien, die früher bei der Förderung von Kohle oder Erzen einfach übersehen wurden. In der Gewinnung von Rohstoffen aus Abraum- und Industriehalden sehe der Ost-Ausschuss auch in Russland große Perspektiven.

Die Rohstoff-Konferenz bot russischen und deutschen Unternehmen, Politikern und wissenschaftlichen Institutionen eine ideale Diskussionsplattform. Die Sicherstellung der Rohstoffversorgung bleibt eine der wichtigsten Aufgaben für Unternehmen und Politik in Deutschland und der Europäischen Union. In Chanty-Mansijsk diskutierte man unter anderem über den nachhaltigen Einsatz umwelt- und ressourcenschonender Energieträger zur Beheizung von Gebäuden, über bilaterale Projekte zur Energieeinsparung und Energieeffizienz sowie über die Zusammenarbeit bei der Nutzung von Erdölbegleitgas, Wasserstoff und Helium. Ein weiteres wichtiges Thema für die deutsche Industrie sind Seltene Erden. Die Zusammenarbeit mit russischen Unternehmen, nicht zuletzt bei der Wiederaufbereitung von wertigen Industrieabfällen, stand ebenso im Zentrum der Diskussionen. 

Die Gastgeberin der Konferenz, Gouverneurin Natalia Komarowa, betonte in ihrer Begrüßung, dass die Region sich nicht nur auf den Export von Erdöl verlassen möchte. Vor allem in innovative Techniken soll investiert werden. In Kürze soll ein Innovationszentrum der Russischen Akademie der Wissenschaften eröffnet werden. Hier soll mit angewandter Forschung die Modernisierung und Effizienz der Energieunternehmen gefördert werden.

Für die Bundesregierung bekräftigte Viktor Elbling, Leiter der Wirtschaftsabteilung im Auswärtigen Amt, die Unterstützung der Politik für die Belange der deutschen Wirtschaft im Rohstoffbereich. Der Zugang zu Rohstoffen sei elementar für die deutschen Unternehmen. Dabei gelte der Grundsatz, die Regierung unterstütze, die Wirtschaft gestalte.

Der deutsche Schirmherr des DRRF und Bundesumweltminister a.D. Klaus Töpfer unterstrich die Beständigkeit der deutsch-russischen Rohstoffbeziehungen. Seit 60 Jahren werde in Russland Erdgas gefördert, seit 40 Jahren importiere die VNG – Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft das Gas nach Deutschland. In der ganzen Zeit habe es keine Unregelmäßigkeiten gegeben. 

Seltene Erden standen auch im Mittelpunkt der ersten Diskussionsrunde der Konferenz, die von Ministerpräsident a.D. Edmund Stoiber geleitet wurde. Wie unter anderem der Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) Hans-Joachim Kümpel ausführte, sind die Seltenen Erden nicht so selten, wie es der Name vermuten lasse. Gerade Russland besitze sehr hohe Vorkommen. Rarer sind jedoch die schweren Seltenen Erden, die auch die größte Nachfrage generieren. Insgesamt könne man mehr für die Exploration, aber auch für die Verarbeitung tun.

Neben der Förderung neuer Rohstoffe standen auch das Recycling und die Verwertung von Altgeräten im Mittelpunkt der Diskussionen. Armin Reller, Vorstandssprecher des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg, stellte in seiner Präsentation die letzten Forschungsergebnisse in diesem Bereich dar. Er rief dazu auf, die Geräte bereits jetzt so zu konzipieren und zu bauen, dass die spätere Verwertung effizient und ohne Verluste möglich werde. 

Die zweite Diskussion des Tages stellte Energierohstoffe und ihre effiziente Nutzung in den Mittelpunkt. Bemerkenswert ist, dass es in Russland trotz des scheinbar unermesslichen Energiereichtums eine lebhafte Diskussion um die effiziente Energienutzung gibt. So wurden beispielsweise einige Projekte im Bereich der Nutzung des Erdölbegleitgases vorgestellt, darunter auch das Projekt der BlueLine Project LLC. Dieses Projekt wird nun in einem größeren Umfang fortgesetzt. Dazu wurde im Rahmen der Konferenz eine Vereinbarung zwischen dem Autonomen Kreis Chanti-Mansijsk, der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sowie der BlueLine Project LLC unterzeichnet. 

Eine weitere Vereinbarung soll verstärkt gemeinsame deutsch-russische Projekte auf den Weg bringen. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum vereinbarten eine verstärkte Zusammenarbeit für ein Jahr. Im Herbst 2012 hat der Ost-Ausschuss bereits sein Engagement im Rohstoffsegment verstärkt und einen neuen Arbeitskreis „Rohstoffkooperationen“ gegründet. „Die Kooperationsvereinbarung zwischen dem Ost-Ausschuss und dem Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum soll weitere Synergieeffekte für die deutsche Wirtschaft generieren“, so Rainer Lindner in Chanty-Mansijsk.

Eduard Kinsbruner
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft