Vitamine für Russland

5. Februar 2014

Ost-Ausschuss-Veranstaltung im Rahmen der Internationalen Leitmesse FRUIT LOGISTICA

Russland ist bisher im Bereich von Sonderkulturen wie Obst und Gemüse stark auf Importe angewiesen. Die russische Regierung plant, im Rahmen des Programms zur Förderung der Landwirtschaft von 2013 bis 2020 gezielt Wertschöpfungsketten zu entwickeln und insbesondere auch den Anbau von Sonderkulturen und deren Lagerung, Verarbeitung und Vermarktung zu fördern. Die Einhaltung der hohen Qualitätsanforderungen und Produktsicherheitsstandards aus dem Lebensmittelhandel sind dabei für den Marktzugang und damit die Entwicklung des Sektors entscheidende Erfolgsfaktoren. 

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft mit der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft hat die Internationale Leitmesse FRUIT LOGISTICA dazu genutzt, um am 5. Februar 2014 gemeinsam mit der Messe Berlin die Perspektiven für die Entwicklung der Produktion und der Vermarktung von Obst und Gemüse in Russland mit Experten aus der Branche zu diskutieren. Über 200 Teilnehmer waren der Einladung zu der Konferenz gefolgt. Anlässlich der Veranstaltung hat erstmals eine offizielle Delegation des russischen Landwirtschaftsministeriums mit Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft die FRUIT LOGISTICA im Rahmen des „Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialoges" besucht und sich über die Entwicklung der Produktion und des Handels im Bereich Obst und Gemüse in Deutschland informiert. 

In seinem Grußwort unterstrich Dr. Friedrich-Wilhelm Kuhlmann, Referatsleiter für Pflanzliche Erzeugnisse im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die hohe Bedeutung der Zusammenarbeit mit Russland für sein Ressort. Mit dem „Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialog" gebe es einen intensiven fachlichen Austausch zu agrarpolitischen Fragen mit dem russischen Landwirtschaftsministerium. Sorge bereite zur Zeit aber das seit Juli 2013 geltende Einfuhrverbot für Kartoffeln und Baumschulware aus der EU nach Russland. 

Von Seiten des russischen Landwirtschaftsministeriums informierte Wladimir Asarow, Stellvertretender Leiter der Abteilung für Marktregulierung, Fischerei und Ernährungsindustrie im russischen Landwirtschaftsministerium, über die Fördermaßnahmen zur Entwicklung der Produktion von Sonderkulturen in Russland, z. B. durch staatliche Zuschüsse für die Neuanpflanzungen von Obstplantagen. Besonderen Handlungsbedarf sieht sein Ministerium in der Entwicklung der Apfelproduktion in Russland, da die Eigenversorgung bei frischen Äpfeln sowie verarbeitenden Apfelprodukten bei nur zehn Prozent liege. Besonderes Entwicklungspotenzial sehe man in der Region des Nördlichen Kaukasus. Die staatliche “North Caucasus Development Corporation” habe daher ein regionales Entwicklungskonzept für landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten erstellt, das insbesondere auch internationale Investoren anziehen solle.

Der Generaldirektor des traditionsreichen Obst- und Gartenbauunternehmens „Sowchos imeni Lenina“ unweit von Moskaus Pavel Grudinin gab einen anschaulichen Erfahrungsbericht aus Sicht eines russischen Produzenten. Als größter russischer Erdbeerproduzent vertreibt er einen Großteil seiner Produkte erfolgreich als Direktvermarkter in die russische Hauptstadt. Während das Pflanzgut für Erdbeeren sowie die Anbautechnologien zum Großteil aus Holland stammen, setzt sein Unternehmen bei anderen Obstarten wie Äpfel oder Birnen auf lokale Sorten. Als großes Problem für die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Produktion von Sonderkulturen in Russland sieht er das Fehlen von modernen und leistungsfähigen Pflanzenschutzmitteln für diese Kulturen. Aufgrund der hohen Kosten für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln in Russland sähen sich die Pflanzenschutzmittelhersteller wegen der geringen Anbauflächen von Sonderkulturen bisher nicht in der Lage, diese Produkte in den russischen Markt einzuführen.

Ein zweiter Erfahrungsbericht stellte die Unternehmensgruppe Malino vor, die in den Regionen Moskau, Tula und Lipetz insgesamt 50.000 ha Land bewirtschaftet, pro Jahr rund 120.000 t Kartoffeln, 80.000 t Gemüse, 50.000 t Tonnen Getreide und 15.000 t Milch produziert und darüber hinaus auch im Bereich des Handels von Betriebsmitteln und Bewässerungsanlagen aktiv ist. Tatiana Gubina, Stellvertretende Generaldirektorin des Unternehmens, berichtete, dass die wichtigsten Erfolgsfaktoren für ihr Unternehmen moderne Technologien und qualifizierte Mitarbeiter, eine effektive Logistik sowie ein positives Firmenimage seien. Notwendig sei aber auch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Sektors. Daher haben sich verschiedene Akteure im Bereich der Kartoffel- und Gemüseproduktion im russischen Kartoffelverband zusammengeschlossen und eine enge Zusammenarbeit mit dem europäischen Kartoffelverband sowie dem Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e. V. aufgebaut. Aktuell setzen sich diese Verbände gemeinsam dafür ein, dass bezüglich des seit Juli 2013 geltenden russischen Importverbots von Kartoffeln aus der EU eine Ausnahmeregelung für Pflanzkartoffeln gefunden wird, die an russische Vermehrungsbetriebe geliefert werden und damit einen wichtigen Beitrag für die russische Kartoffelproduktion leisten.

Von Seiten des Handels gebe es großes Interesse, verstärkt frisches Obst und Gemüse von russischen Produzenten zu beziehen, unterstrich Didier Jonnier von Metro Cash and Carry in Russland in seinem Vortrag. Das Handelsunternehmen habe seit 2001 bereits 73 Cash and Carry Märkte in Russland eröffnet und beziehe mittlerweile von 280 russischen Lieferanten frisches Obst und Gemüse. Der Anteil an in Russland erzeugten Produkten sei mit einem Anteil von vier Prozent bei Obst und 37 Prozent bei Gemüse aber noch deutlich entwicklungsfähig. 

In der anschließenden Podiumsdiskussion unterstrich die russische Seite ihr hohes Interesse an einem weiteren Ausbau der Zusammenarbeit mit Deutschland im Bereich des Obst- und Gartenbaus, da die eigene Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich stark erhöht werden muss. Zum Einen sei durch die Zollunion der Wettbewerb mit kasachischen und belarussischen Produzenten und zum Anderen mit dem WTO-Beitritt auch der internationale Wettbewerbsdruck für die russischen Produzenten gestiegen. Dr. Gerhard Gündermann, Direktor des Julius-Kühn-Instituts, bot dem russischen Landwirtschaftsministerium an, das Know-How seiner staatlichen Forschungseinrichtung mit Blick auf Fragen des Pflanzenschutzes einzubringen. Yves Piquet, Regionalleiter Russland für die Bayer CropScience AG, verwies bezüglich des Mangels an leistungsfähigen Pflanzenschutzmitteln für Sonderkulturen in Russland auf Sonderregelungen in den Mitgliedsländern der Europäischen Union, die unter bestimmten Voraussetzungen ein vereinfachtes Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel ermöglichen, die nur auf räumlich stark begrenzten Flächen für Sonderkulturen Anwendung finden. 

Gerlinde Sauer, Geschäftsführerin der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, unterstrich in ihrer Zusammenfassung das gemeinsame Interesse von deutscher und russischer Seite, im Bereich der Produktion von Sonderkulturen insbesondere mit Hinblick auf den Zugang zu modernen Produktionstechnologien stärker zusammenarbeiten zu wollen. Mit der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft werde sich der Ost-Ausschuss hier für einen verstärkten fachlichen Austausch zu Fragen der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln für Obst- und Gemüse einsetzen.

Eduard Kinsbruner
Gerlinde Sauer
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft