Tore für die europäische Champions League

23. Juni 2010

Deutsch-Kroatisches Wirtschaftsforum in Zagreb stärkt kroatische EU-Ambitionen

Rund 350 Teilnehmer aus Kroatien und Deutschland trafen sich am 15. und 16. Juni auf Initiative des Ost-Ausschusses zum Deutsch-Kroatischen Wirtschaftsforum in Zagreb und machten die Veranstaltung zu einem der größten Treffen von Unternehmen beider Länder seit der Unabhängigkeit Kroatiens 1991. Aus Deutschland reisten neben dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Hans-Joachim Otto und dem Ost-Ausschuss-Vorsitzenden Klaus Mangold rund 60 Unternehmensvertreter an. Die kroatische Seite wurde von Ministerpräsidentin Jadranka Kosor und sechs Ministern ihres Kabinetts angeführt. Überraschungsgast war der kroatische Bayern-Stürmer Ivica Olić, der für seine Verdienste um die deutsch-kroatische Freundschaft vom deutschen Botschafter Bernd Fischer geehrt wurde.

Kroatien befindet sich am Vorabend des Beitritts zur EU. Nur noch drei von insgesamt 35 Kapiteln müssen in den Verhandlungen mit der EU-Kommission neu eröffnet werden. Der Ball liegt also quasi auf dem Elfmeterpunkt und muss nur noch verwandelt werden, um den  Aufstieg des Landes in die europäische Champions League perfekt zu machen. Angesichts der zeitgleich stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika lagen beim Deutsch-Kroatischen Wirtschaftsforum derartige Vergleich nahe. Wobei sich Deutsche und Kroaten nicht etwa als Gegner gegenüberstanden, sondern gemeinsam Tore in Form von bilateralen Projekten schossen. So kam es am Eröffnungsabend zur Unterzeichnung von Verträgen über zwei Globaldarlehen mit einem Volumen von 50 Millionen Euro, die die deutsche KfW der kroatischen Förderbank HBOR zur Verfügung stellt, um zinsgünstige Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen auszureichen.

Eröffnung mit Ministerpräsidentin Kosor

Das Wirtschaftsforum wurde am Nachmittag des 15. Juni mit einer Keynote-Speech der kroatischen Premierministerin Jadranka Kosor eröffnet. Diese zeigte sich zuversichtlich, den technischen Teil der EU-Beitrittsgespräche bis Ende dieses Jahres abschließen zu können. Eine wichtige Hürde war kurz vor Beginn des Forums genommen worden: In einem Referendum hatten sich die Slowenen mehrheitlich für einen Kompromiss im Grenzstreit mit Kroatien um die Bucht von Piran ausgesprochen.

„Wir wollen, dass Kroatien wirtschaftlich ein stabiles Land ist, das auf diese Weise auch zur Entwicklung der EU beitragen kann. Dies ist auch für die Stabilität der gesamten Region ganz wichtig“, sagte Jadranka Kosor. Die Regierungschefin kündigte weitere Anstrengungen im Justizwesen an: „Ein kompromissloser Kampf gegen Korruption ist ein wesentlicher Hebel für die Stärkung der Wirtschaft. Bei der Bekämpfung der Kriminalität haben wir gute Resultate erzielt.“ Deutschen Investoren versprach Kosor bestmögliche Bedingungen: „Investitionen werden geschützt vor jeglicher politischen Willkür und irgendwelchen Interesseneinflüssen.“ Staatssekretär Otto sicherte Kosor die weitere Unterstützung der Bundesregierung für den kroatischen Beitrittsprozess zu. Wichtige, noch offene Fragen, seien die Privatisierung der kroatischen Werften und die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. „Die Entwicklung der gesamten Region hängt von einem erfolgreichen Beitrittsprozess Kroatiens ab.“

Im Jahr 2009 stand Deutschland unter den Hauptlieferanten von Kroatien mit einem Anteil von 13,5 Prozent an zweiter Stelle hinter Italien. Bislang haben deutsche Unternehmen 2,2 Milliarden Euro direkt in die kroatische Wirtschaft investiert. Damit liegt Deutschland in dieser Tabelle an dritter Stelle hinter Österreich und den Niederlanden. „Wie beim Fußball will jeder auf den ersten Platz“, ermutigte Ost-Ausschuss-Vorsitzender Mangold in seinem Statement die deutschen Unternehmen zu weiteren Anstrengungen. Mangold betonte ausdrücklich den Wunsch der deutschen Wirtschaft nach einem schnellstmöglichen EU-Beitritt Kroatiens. „Die Diskussion, ob angesichts der finanziellen Schwierigkeiten im Euroraum ein Beitritt Kroatiens opportun sei, halten wir für völlig verfehlt.“ Kroatien sei auf einem exzellenten Kurs und reif für den Beitritt. Zugleich bot Mangold weitere deutsche Unterstützung an. Viele Länder seien in der Beitrittsphase nicht in der Lage gewesen, die Mittel der EU zeitgerecht auszugeben. „Das ist ein Feld, auf dem Deutschland mit Kroatien mehr zusammenarbeiten könnte.“

Chancen und Risiken des Investitionsstandortes

In einer Diskussionsrunde mit Vertretern deutscher und kroatischer Unternehmen wurden am Eröffnungstag die Chancen und Risiken des Investitionsstandortes Kroatien herausgearbeitet. Nadan Vidošević, Präsident der Kroatischen Wirtschaftskammer, nannte Kroatien aufgrund seiner geographischen Lage einen idealen „Brückenkopf der EU in der Region“. Und Emil Tedeschi, Präsident und CEO der Atlantic Grupa, betonte unter dem großen Beifall des Auditoriums: „Kroatien ist Europa: Historisch, kulturell, ökonomisch. Wir sind bereit.“ Diesem Urteil schloss sich auch Peter Imberg, Verantwortlicher für die Aktivitäten der WAZ-Gruppe in Kroatien, an: „Ich sehe hier mehr Licht, als in manchen EU-Ländern. Kroatien muss in die EU, schneller als 2012.“

Franjo Luković, Vorstandsvorsitzender der Zagrebačka Banka bemängelte dagegen große Defizite bei der Vorbereitung von Projekten durch die Regierung: „Wir haben die Kredite, aber viele Projekte sind noch nicht finanzierungsfähig. Es fehlen rechtliche Dokumente der Eigentumsverhältnisse und es fehlt ein entsprechender privater Investor. Da gibt es noch sehr viel zu tun.“ Auch Schwächen im kroatischen Ausbildungssystem wurden angesprochen. Guido Kerkhoff, Vorstand Deutsche Telekom Europa, äußerte sich insgesamt sehr positiv über den Standort. Die Deutsche Telekom ist mit ihrer Beteiligung an der kroatischen Telekom größter ausländischer Investor. Um noch mehr investieren zu können, wünscht sich Kerkhoff allerdings stabilere fiskalische Rahmenbedingungen: „Wir brauchen die Sicherheit, dass nicht durch einseitige Industriesteuern ein Teil des Ergebnisses wieder abhanden kommt.“

Veranstaltet wurde das Wirtschaftsforum durch den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, die Deutsch-Kroatische Industrie- und Handelskammer (DKIHK) sowie die diplomatischen Vertretungen Deutschlands und Kroatiens mit Unterstützung der Kroatischen Wirtschaftskammer und der Universität Zagreb. Ralf Blomberg, Präsident der DKIHK, erwartet nach einem schwächeren Jahr jetzt eine positive Entwicklung im deutsch-kroatischen Handel, zu der auch das Wirtschaftsforum beitragen werde: „Wir spüren, dass sich die Bedingungen für einen Aufschwung wieder verbessern.“ 2009 war krisenbedingt das Handelsvolumen um 21 Prozent zurückgegangen. Deutschland hatte dabei Waren im Wert von 2,2 Milliarden Euro an Kroatien geliefert und Waren im Wert von 656 Millionen Euro bezogen.

Sechs Branchenthemen im Mittelpunkt

Seit Jahrzehnten gibt es zwischen beiden Ländern sehr enge kulturelle und persönliche Bindungen: Über 220.000 Kroaten leben dauerhaft in Deutschland. Umgekehrt besuchten allein im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Touristen aus Deutschland die kroatische Küste und die Kulturstätten im Inneren des Landes. Das Thema Tourismus gehörte auch zu den sechs Branchenthemen, die am zweiten Tag des Forums in Diskussionsrunden vertieft wurden. Damir Bajs, kroatischer Minister für Tourismus, rechnete vor, dass 22 Prozent aller touristischen Übernachtungen in Kroatien auf deutsche Touristen entfallen, dass aber deutsche Firmen bislang nur zehn Millionen Euro in den kroatischen Tourismus investiert haben. „Das ist weit entfernt von unseren Erwartungen.“
Geht es nach Klaus Dieter Martin, Direktor der deutsch-kroatischen Firma European Coastal Airlines, so wird sich dies bald ändern. Martin will mit seiner Firma 33 Millionen Euro investieren und ein Verkehrsnetz von Wasserflugzeugen aufbauen, die kroatische Flughäfen mit den Urlaubsressorts auf den Inseln verbinden sollen. „Man verkürzt so die Anflugwege und ermöglicht Kurzurlaub. Wir sind startbereit.“, sagte Martin in Zagreb und erbat sich politische Unterstützung durch die kroatische Regierung für die Pläne.

Ein konkretes Angebot zur Zusammenarbeit überbrachte auch das deutsche Familienunternehmen Claas, das Landtechnik herstellt. In der Diskussionsrunde zur Entwicklung der kroatischen Agrar- und Ernährungswirtschaft schlug Jens Skifter, Regionaldirektor für Mitteleuropäische Märkte bei Claas, eine Ausbildungsoffensive für moderne Landmaschinen vor. „Wir sind bereit, insbesondere im Bereich Know-how-Transfer und Ausbildung zu Kooperieren, etwa mit Universitäten.“ Aktuell tragen Land- und Ernährungswirtschaft fast zehn Prozent zum kroatischen Bruttoinlandsprodukt bei. 120.000 Menschen sind in diesem Sektor beschäftigt. Mislav Galič vom größten kroatischen Nahrungsmittelkonzern Agrokor erhofft sich vom EU-Beitritt neue Marktchancen: „Wir werden durch die EU einen Teil des heimischen Marktes verlieren. Das Beispiel slowenischer Unternehmen zeigt aber, dass wir dafür innerhalb der EU neue Märkte gewinnen.“

Ein großes Hindernis für die Entwicklung der Landwirtschaft sind noch offene Eigentumsfragen, erklärte Vedran Duvnjak, Präsident des kroatischen Privatisierungsfonds. „Hier hat Kroatien noch an Grundbüchern zu arbeiten.“ Derzeit bereite der Staat zudem die Gründung einer Agentur vor, die das Staatseigentum verwalten und weitere Privatisierungen von Grund und Boden etwa in begehrten Küstenregionen vorantreiben soll. Landwirtschaftsminister Petar Čobanković teilte mit, dass die Branche bislang gut durch die Krise gekommen ist. Zum Beispiel hätten Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie auch 2009 hohe Gewinne erzielt und seien entsprechend attraktiv für Investoren.

In weiteren Panels ging es um die Themen Energie, Handel, Industrie und Infrastruktur. „Handel braucht eine vernünftige Infrastruktur, zum Beispiel bei der Eisenbahn“, mahnte Emil Justinić von der Bremer Firma Kühne & Nagel in der Diskussion zum Thema Handel an. Dieser Ball wurde im Panel zur Infrastrukturentwicklung aufgenommen. Tomislav Mihotić, kroatischer Staatssekretär für Infrastruktur räumte ein, dass die kroatische Regierung eine neue Verkehrsstrategie erarbeiten müsse und dazu Hilfe aus Deutschland sehr willkommen sei: „Der Ausbau von Autobahnen ist eine Erfolgsgeschichte. 1.200 von 1.500 geplanten Kilometer sind realisiert. Die anderen Infrastrukturbereiche haben aber starken Nachholbedarf: Die kroatische Eisenbahn ist nur zu zehn Prozent auf EU-Niveau.“ Johann Metzner, Leiter Verkehrspolitik Europa bei der Deutschen Bahn, wünscht sich dazu ein integriertes Konzept: „Es geht darum, alle Verkehre optimal zu verbinden und einen reibungslosen Transport über Grenzen oder zwischen Schiff, Schiene und Straße zu erreichen.“

Von besonderem Interesse für die deutsch-kroatische Zusammenarbeit ist auch der Energie-Bereich. In diesem von Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Rainer Linder moderierten Panel wurde der Schwerpunkt auf die stärkere Nutzung von erneuerbaren Energiequellen gelegt. Kroatien gehört zu den wasserreichsten Ländern Europas, die Nutzung der Wasserkraft ist bereits gut entwickelt und soll weiter ausgebaut werden. Durch die lange Küste ergibt sich auch für die Windkraft ein großes Potenzial. Zu den Projekten, die hier bereits in der Realisierung sind, gehört der Windpark Orlice, rund 60 Kilometer entfernt von Split, der von der deutschen Firma wpd think energy GmbH & Co. KG aus Bremen projektiert und von der KfW IPEX-Bank finanziert wurde. Die Gesamtinvestitionssumme beläuft sich auf rund 13 Millionen Euro. Andreas Chollet, Projektentwickler von wpd, kündigte auf dem Wirtschaftsforum den Bau weiterer Windparks in Kroatien an. 

Direkt im Anschluss an das Wirtschaftsforum traf eine Delegation des Ost-Ausschusses im Präsidentenpalast mit dem kroatischen Staatspräsidenten Ivo Josipović zu einem Meinungsaustausch zusammen. Nach zwei arbeitsreichen Tagen zog Ost-Ausschuss-Vorsitzender Mangold ein positives Fazit: „Verglichen mit der Zeit vor der Reise hat sich die Stimmung unter den deutschen Unternehmern deutlich verbessert. Wir sehen hier die Chancen jetzt in einem klareren Licht.“ Die Ergebnisse des Forums und die vielen Projektvorschläge aus den einzelnen Panels werden nun zu einem Arbeitspapier zusammengefasst, das Ende Juli der kroatischen Regierung übergeben wird. „Mit der üblichen deutschen Gründlichkeit und der Kreativität unserer kroatischen Freunde werden wir dies jetzt umsetzen“, kündigte Mangold an. „Jetzt geht’s ans Arbeiten.“ Oder wie es in der Fußballersprache heißen würde: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“

Andreas Metz,
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft