Sonnige Wirtschaftsaussichten in Sotschi

15. Oktober 2008

8300 Teilnehmer beim VII. Internationalen Investitionsforum

Mit hochkarätiger politischer und wirtschaftlicher Präsenz wurde das diesjährige Investitionsforum Sotschi 2008 am 20. September mit einer Plenarversammlung eröffnet: Neben Premierminister Wladimir Putin und dem Vizepremier der Regierung, Alexander Schukow, nahmen nationale und internationale Wirtschaftsvertreter an der Eröffnungsdiskussion über Möglichkeiten und Risiken von Russland-Investitionen teil.

Die Ministerin für Wirtschaft, Elwira Nabiullina, betonte bei ihrer Eröffnungsrede, dass Russland mit allen Mitteln zur Verstärkung der Attraktivität Russlands für Investoren beitragen werde. Geplant seien Steuermäßigungen, behördliche Erleichterungen sowie die Entwicklung von privatstaatlichen Partnerschaften. Vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise betonte Nabiullina, dass diese Russland vorteilhafte Möglichkeiten eröffne, an ausländische Investitionen zur Modernisierung der Wirtschaft heranzukommen. Russland könne dies nutzen
und „einen Sprung nach vorn tun“, um den momentanen Investitionsmangel zur überwinden.

Premierminister Putin bekräftigte in seiner Eröffnungsrede die Worte der Wirtschaftsministerin, indem er die globale Finanzkrise als „weiteren Schritt zur Festigung einer multipolaren Welt“ und damit als Schwächung Amerikas wertete. Sein Land sei ein sicherer Investitionsstandort: „Russland ist gemessen an der Kaufkraft die siebtgrößte Wirtschaft der Welt und hinsichtlich vieler Parameter bereits der größte Markt in Europa.“ Auf die Finanzkrise sei Russland mit seinem Sicherheitspolster von mindestens 722 Milliarden Dollar gut vorbereitet. „Ich
mache mir um Russland keine Sorgen“, betonte auch der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Diese optimistische Grundhaltung wurde hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung des Landes von allen Podiumsteilnehmern geteilt.

Das Investitionsforum in Sotschi schien meilenweit entfernt zu sein von den Turbulenzen an Russlands Kapitalmarkt, die immerhin zu großen Kursverlusten geführt hatten. Die aktuelle russische Finanzkrise war zwar wichtiges Gesprächsthema zwischen Forumsteilnehmern und Politikern. Dies tat aber der Investitionslaune keinen Abbruch. Es wurden 114 Verträge im Wert von umgerechnet rund 14,42 Milliarden Euro geschlossen, wovon ein Drittel auf ausländische Vorhaben entfällt. Der Investorentreff an der Schwarzmeerküste rief
insgesamt großes internationales Interesse hervor. Trotz aktueller politischer Verstimmungen erreichte das Forum mit 8300 Teilnehmern aus 40 Staaten und 58 russischen Regionen den Vorjahresstand. Von den internationalen Teilnehmern waren zahlenmäßig Italien, Deutschland und Österreich am stärksten vertreten.
Unter den ausländischen Gästen befanden sich die Premierminister von Frankreich, Belgien und Bulgarien.

Das Themenspektrum des Forums hatte einen durchaus regionalen Schwerpunkt, bei dem neben den Olympia-Vorbereitungen für 2014 die Tourismusentwicklung des gastgebenden Gebietes Krasnodar im Vordergrund stand. Etwa 40 Investitionsprojekte aus der Tourismusbranche mit einem Gesamtwert von 3,3 Milliarden Euro wurden auf dem Forum vorgestellt. Unter ihnen gelten der Bau eines multifunktionalen Erholungskomplexes „Zolotaja buchta“ (Goldene Bucht) in der Stadt Anapa am Schwarzen Meer, der Erholungskomplex „Asowkurort“
in Primorsko-Achtars am Asowschen Meer sowie der Bergsport- und Erholungskomplex „Gora Semiglawaja“ im Gebiet Tuapse als die interessantesten Bauprojekte.

Aufsehen und Skepsis erregt nach wie vor das gigantisch angelegte Glücksspielzonen-Projekt „Asow-City“, das als russisches Las Vegas am Asowschen Meer auf der Grenze zwischen den Gebieten Rostow-am-Don und Krasnodar entstehen soll.

Die Round-Table-Gespräche des Forums deckten insgesamt ein breites Themenspektrum ab, so ging es auch um die Perspektiven der Landwirtschaft, des Straßen- und Wohnungsbaus, um die Weiterentwicklung der freien Wirtschaftszonen sowie die Bedeutung Russlands als „Handelsmarke“.

Die derzeitigen politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen klangen nur am Rande des Forums an. „Alle Versuche, uns in die Zeiten des Kalten Krieges zurück zu versetzen, betrachten wir als eine direkte Bedrohung für unser Modernisierungsprojekt“, erklärte Wladimir Putin. Russland habe nicht vor, sich an einer Konfrontation zu beteiligen, sondern wolle weiter zu Investitionen einladen, betonte er weiter. „Von Seiten Russlands wird es keine politisch motivierte ‚Schließung der Märkte‘ und auch keinen Abbruch von  irtschaftsbeziehungen geben.“ Auch Investitionen in strategisch wichtige Branchen würden begrüßt. „Wir setzen auf private Initiative, ein freies Unternehmertum, Transparenz und Integration in die Weltwirtschaft“, sagte Russlands Premierminister. Immer wieder betonte er in seiner Eröffnungsrede die neuen Faktoren
des Wirtschaftswachstums, auf die sich Russland konzentrieren müsse. Dabei hob er besonders die Modernisierung des Bildungs- und des Gesundheitswesens hervor. Weiterhin müsse Russland eine gleichmäßige Entwicklung seiner Regionen erreichen und „neue Wachstumszentren schaffen“, fügte Putin hinzu.

Einen farbigen Ausdruck fand Russlands stetig wachsende Wirtschaftskraft im sich täglich steigernden fulminanten Feuerwerk, das den Forumsteilnehmern allabendlich geboten wurde. Bei sommerlichen Temperaturen konnten sie auf einem Seeterassen-Empfang oder beim Konzert von Rod Steward vor Meereskulisse die frisch angebahnten Kooperationen ausgelassen begehen.

Dr. Christiane Schuchart
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft