Russischer Automobilmarkt startet wieder durch

29. August 2012

Konferenz im Rahmen des Moscow International Automobile Saloon

Russland ist einer der größten Märkte Europas. Der russische Automobilmarkt hat sich von der Wirtschaftskrise erholt und bietet zugleich noch enormes unerschlossenes Potenzial. Auf dem Weg zu einer wettbewerbsfähigen Automobilindustrie müssen die geringe Produktivität überwunden und die Infrastruktur, die Mitarbeiterqualifikation und die Qualitätsstandards verbessert werden. 

Wie man diese Herausforderungen meistern kann, diskutierten hochrangige Experten und Unternehmensvertreter vor rund 130 Zuhörern im Rahmen der Konferenz „Automobilstandort Russland – Entwicklungen und Perspektiven“, die der Ost-Ausschuss gemeinsam mit der Auslandshandelskammer Moskau und dem Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) am 29. August in Moskau organisierte. Den Rahmen für die Veranstaltung bot die Messe „Moscow International Automobile Salon 2012“, die sich mit voraussichtlich einer Million Besucher 2012 als wichtigster Branchentreffpunkt in Russland etabliert hat. Dabei setzt man auf die Autovernarrtheit der russischen Bevölkerung, die nur unwesentlich geringer als die der Deutschen ist. Vor allem Fahrzeuge „Made in Germany“ stehen hoch im Kurs.

Es sei nur noch eine Frage von Monaten, bis Russland die Bundesrepublik als größten Automarkt Europas ablösen wird, betonte der Vorsitzende des Ost-Ausschusses Eckhard Cordes in seiner Eröffnungsrede. Daran hätten deutsche Unternehmen aktiv mitgewirkt, so Cordes weiter. Hersteller aus Deutschland hätten Milliarden investiert und Werke in Russland eröffnet, die zum wirtschaftlichen Herz ganzer Regionen geworden sind. Auch immer mehr deutsche Zulieferer würden Know-how nach Russland bringen, welches die Modernisierung voranbringe.

Cordes hob den erfolgten Beitritt Russlands zur WTO als Meilenstein hervor. Dieser werde zur Öffnung der Märkte für Güter und Dienstleistungen beitragen. Neben der Senkung der Ausfuhrzölle und der Begrenzung der Einfuhrzölle übernehme Russland internationale Produktnormen und akzeptiere Urheberrechte. Darüber hinaus binde sich das Land an multilaterale Regeln und erkenne die WTO als Schlichtungsstelle bei Geschäftskonflikten an.

Kritik an Recycling-Gebühr

Kritisch äußerte sich Cordes zu den aktuellen Plänen der russischen Regierung, eine Recycling-Gebühr ausschließlich für Importautos einzuführen. Diese würden aus der Sicht der deutschen Wirtschaft eindeutig dem Geist des WTO-Abkommens widersprechen und sollten nicht weiter verfolgt werden.

Die angestrebte Recycling-Gebühr kritisierte auch Klaus Bräunig, Geschäftsführer des VDA, in seiner Begrüßung. Der VDA setze sich gegen diese Neuregelung ein. Daneben widme sich der Automobilverband mit seinem Qualitäts-Management-Center (VDA-QMC) in Russland der Steigerung der Produkt- und Prozessqualität von Zulieferern. Gerade in diesem Bereich sei in Russland noch einiges zu tun.

Ralf Kalmbach, Member of the Executive Committee der Roland Berger Strategy Consultants GmbH, behandelte in seinem Impulsvortrag die Frage, wie das Profil des russischen Automobilmarkts geschärft werden kann. Zwar sei der russische Automobilmarkt auf den besten Weg zum größten Markt Europas. Dennoch seien noch einige Steine aus dem Weg zu räumen, wenn dieses Wachstum nachhaltig sein soll. Insbesondere die noch schwache Zulieferindustrie und der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften seien signifikant. Zwar seien russische Facharbeiter gut ausgebildet, ihre Zahl reiche aber bei weitem nicht aus. Positiv äußerte sich Kalmbach zu den Ausbildungsanstrengungen der ausländischen Investoren, allen voran Volkswagen.

Lösungen sah Kalmbach vor allem in der Erarbeitung eines finanziellen Entwicklungsprogramms für die Zulieferindustrie und der allgemeinen Modernisierung der Branche. Darüber hinaus forderte er die Einführung eines „Russian Automotive Principal“ – eines Ombudsmanns, der für die Umsetzung der Regierungsstrategien für den Automobilsektor zuständig sein soll. Damit solle die herausgehobene strategische Bedeutung der Branche für Russland gewürdigt werden.

Schlüsselthema Ausbildung

Die anschließende Diskussion wurde durch Kurzvorträge der Podiumsteilnehmer eingeläutet. Michael Macht, Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und Präsidiumsmitglied im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, stellte die aktuellen Entwicklungen aus Sicht seines Unternehmens vor. Für Volkswagen sei Russland zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Der Konzern sei in Russland mit seinen Produkten hervorragend aufgestellt. Jetzt setze man auf den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Zulieferstruktur und vor allem auf die Ausbildung jüngerer Menschen. Bei der Ausbildung setze man sowohl auf das Duale System nach deutschem Beispiel als auch auf eine Kooperation mit der renommierten Bauman Universität Moskau. 

Siegfried Wolf, Chairman of the Board of Directors der GAZ Group und ehemaliger CEO der Magna International Inc., stellte in seinem Vortrag die Sicht eines russischen Unternehmens dar. Das Unternehmen profitiere enorm von der Entwicklung des russischen Marktes und auch von dem zunehmenden Engagement der internationalen Hersteller. Neben der eigenen Produktpalette fertige man unter anderem im Auftrag von Volkswagen, Daimler und GM. Dabei arbeite man auch sehr eng bei der Ausbildung der Mitarbeiter mit den internationalen Partnern zusammen. 

Artjom Sitnikow, Senior Banker, EBRD und Member of the Board of Directors von GM-Avtovaz, ging in seiner Präsentation auf die oftmals angesprochenen Finanzierungsengpässe für die Zulieferindustrie ein. Durch die hohen Zinsen und die mangelnde Finanzierungsangebote würden sich die Preise erhöhen und im internationalen Vergleich die Wettbewerbsfähigkeit mindern. Die EBRD kann zwar durch Ihr gutes Rating etwas günstigere Zinsraten anbieten, ist aber natürlich nur ein Player von vielen im russischen Markt.

In der anschließenden, vom Vorsitzenden des Vorstands der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) Michael Harms moderierten Diskussion ging es noch einmal um die Herausforderungen für den russischen Automobilmarkt. Diese liegen in der Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Zulieferindustrie und der Ausbildung von Arbeitnehmern. Ziel soll vor allem eine Qualitätssteigerung bei der Produktion sein. 

Auch sollte sich Russland dem durch den WTO Beitritt erhöhten Wettbewerbsdruck stellen und sich nicht hinter neuen protektionistischen Maßnahmen verstecken. Nur der Wettbewerb kann zur Modernisierung der russischen Industrie beitragen. Siegfried Wolf sah dabei eine mögliche Recycling-Gebühr als durchaus legitim an, wenn es darum gehe, die Importflut gebrauchter Fahrzeuge einzudämmen. Aus seiner Sicht hat neue Technologie Vorrang. Angewendet auf alle Importfahrzeuge würde eine Recycling-Gebühr allerdings die Zollreduzierungen komplett aufwiegen, so Cordes und Macht. Aus der Sicht von Cordes wäre eine Steuerung über Abgasvorschriften eine bessere Alternative.

Insgesamt blicken aber die deutschen Unternehmen und ihre russischen Partner sehr optimistisch in die Zukunft. Allein die Pkw-Dichte, die in Russland rund 250 Autos pro 1.000 Einwohner (in Deutschland 500 Autos und in den USA mehr als 640 Autos) beträgt, lässt erahnen, dass das Ende des Entwicklungspfades noch lange nicht erreicht ist.

Eduard Kinsbruner
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft