Rohöl, Weizen, Seltene Erden

20. April 2011

Wer Rohstoffsicherheit will, kommt an Partnerschaften mit Russland und Kasachstan nicht vorbei / Von Dr. Eckhard Cordes

Zwei zentrale Herausforderungen werden auf Jahre die Interessen der deutschen Politik und Wirtschaft prägen: Das Entstehen neuer wirtschaftlicher Kraftzentren sowie eine völlige Verschiebung der demographischen Architektur der Welt-Gesellschaft. Noch im Laufe des Jahres 2011 werden mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt leben. Für 2050 rechnet die UNO mit über neun Milliarden. Angesichts dessen und des Traums vieler Millionen Menschen vom westlichen Wohlstandsmodell entwickelt sich die Versorgung mit Rohstoffen zu einer der größten Herausforderungen aktueller Wirtschafts- und Außenpolitik.

Die Lage an den Börsen führt uns dies täglich vor Augen: Weizen verteuerte sich allein 2010 um 100 Prozent, Kokskohle für die Stahlproduktion ebenfalls um 100 Prozent, Kupfer um 50 Prozent. Neben einer steigenden Nachfrage in Ländern wie China und Indien sind Ernte- und Produktionsausfälle infolge von Naturkatastrophen oder politischen Krisen, Exportrestriktionen durch Erzeugerländer oder zunehmende Rohstoffspekulationen Ursachen für die Preisvolatilität an den Märkten.
 
Während steigende Nahrungsmittelpreise gerade Entwicklungsländer treffen, sieht sich hierzulande die Wirtschaft durch den Preisanstieg bei Energierohstoffen und Industriemetallen herausgefordert. Vor allem Engpässe bei den 17 Metallen der Seltenen Erden, deren Export das Hauptlieferland China drastisch verringert hat, zwingen zum Handeln. Die Entwicklung vieler High-Tech-Produkte ist ohne Seltene Erden schwierig. Ihr Preis hat sich seit 2001 auf 18.000 Dollar pro Tonne fast vervierfacht.
 
Japan reagierte bereits im Februar 2010 mit dem Aufbau einer nationalen Reserve an „strategischen Metallen“. Und Europa? Sieht sich das rohstoffarme Deutschland bald dazu gezwungen, neben einer nationalen Erdölreserve auch Metalle einzulagern, damit nicht ganze Industrien stillstehen?

Auswege aus der Rohstoffknappheit
 
In den vergangenen Monaten wurde intensiv nach Auswegen gesucht: Die Bundesregierung hat eine Rohstoffagentur in Hannover gegründet, im Oktober 2010 eine Rohstoffstrategie vorgestellt und treibt die wichtige Verzahnung von Wirtschafts-, Außen- und Entwicklungspolitik voran. Anfang Februar 2011 stellte auch die EU ihre Strategie vor, die sich wie der deutsche Ansatz auf drei große Rs stützt: Recycling, Ressourceneffizienz und Rohstoffdiplomatie. Bis Produkte entwickelt sind, die den Verbrauch teurer Metalle minimieren, bis das Recycling effizient organisiert und Europas Müllkippen – auf denen Tonnen von Industriemetallen liegen – für „Urban Mining“ erschlossen sind, vergeht viel Zeit. Internationale Rohstoffpartnerschaften müssen daher forciert werden. Denn global gesehen sind die meisten Metalle gar nicht selten. Die Probleme entstehen durch die Abhängigkeit von wenigen Produzentenländern und Unternehmen.
 
Wie man seine Quellen diversifiziert, zeigen China und Japan. Beide Länder haben große Metallhandelsgesellschaften, die weltweit einkaufen, in Minen investieren und strategische Partnerschaften aufbauen. Und Deutschland?

Partnerschaften mit Russland und Kasachstan
 
In östlicher Nachbarschaft liegen zwei Länder, die sich für Rohstoffpartnerschaften anbieten und mit denen der Ost-Ausschuss seit langem kooperiert: Russland und Kasachstan. Von den 14 strategischen Metallen, deren Nachschub laut EU-Kommission in Gefahr ist, sind zehn – darunter die Seltenen Erden - in Russland oder Kasachstan zu finden. Was Erdgas betrifft, wird angesichts des forcierten deutschen Atomausstiegs die hohe Bedeutung von Importen aus Russland noch steigen. Ähnliches gilt für Erdöl. Hier bilden Russland und Kasachstan seit Jahren das Rückgrat der europäischen Versorgung. Als Nicht-OPEC-Mitglieder tragen sie erheblich dazu bei, dass sich Ölkrisen wie in den 1970er Jahren nicht wiederholen.
 
Im vergangenen Jahr hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen des OSZE-Gipfels in Kasachstan eine Rohstoffpartnerschaft angesprochen. Der BDI und der Ost-Ausschuss treiben in einer Arbeitsgruppe das Thema voran. Ende Januar signalisierte mir der kasachische Botschafter in Berlin, Nurlan Onzhanov, erneut großes Interesse an einer Partnerschaft mit Deutschland. In dieser Woche hält sich nun eine Wirtschaftsdelegation unter Beteiligung des Ost-Ausschusses in Astana auf, um Ansatzpunkte für eine Rohstoffpartnerschaft zu identifizieren.
 
Die Zeit drängt. Wir müssen über die wichtige politische Flankierung hinaus konkrete Projekte entwickeln. Dabei kann ein Blick auf bestehende Modernisierungspartnerschaften helfen: In der Russisch-Deutschen Energieagentur Rudea arbeiten deutsche Unternehmen seit 2009 daran, die Energieeffizienz in Russland bis 2020 um 40 Prozent zu erhöhen. Auch das Deutsche Agrarzentrum in der Ukraine hat Vorbildcharakter. Es bildet seit zwei Jahren Tausende von ukrainischen Fachkräften an deutscher Landtechnik aus. In beiden Fällen handelt es sich um Public-Private-Partnership-Projekte, an denen Unternehmen, Ministerien und Hochschulen beteiligt sind.
 
An diesen Modellen könnte sich eine Deutsch-Kasachische Kooperation zur Erschließung und effizienten Nutzung von Rohstoffen orientieren. Dies wäre – als Antwort auf einen weltweit drohenden Kampf um Rohstoffe – ein Weg, der auf Partnerschaft, Austausch von Wissen, kultureller Nähe und nachhaltiger Entwicklung fußt. Mit dem Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum besteht seit 2006 eine Denkfabrik, die an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft Kooperationen mit Russland voranbringen soll und an der wir ansetzten können.
 
Auch beim Thema Ernährungssicherheit gelten Russland und Kasachstan mit ihren riesigen, fruchtbaren Flächen gemeinsam mit der Ukraine als Schlüssel zur Lösung: Kasachstan fährt gegenwärtig im Schnitt 0,9 Tonnen pro Hektar Getreide ein, Russland erreicht zwei Tonnen. In Deutschland sind acht und mehr Tonnen je Hektar möglich. Produktivität und Effizienz zu steigern und Wertschöpfungs- und Lieferketten auszubauen, das sind Aufgaben, für die deutsche Unternehmen Lösungen anbieten können. In der östlichen Nachbarschaft der EU gibt es viele Möglichkeiten für neue Modernisierungspartnerschaften, um die globalen Ressourcen- und Entwicklungsprobleme zu lindern. Der Ost-Ausschuss steht bereit, hier koordinierende Aufgaben zu übernehmen.

Dr. Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft

Hinweis: Der Artikel erschien am 19. April 2011 in leicht gekürzter Fassung als Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung