Ost-Ausschuss-Delegation in Armenien

15. Mai 2013

Treffen mit Premierminister Sargsyan und der lokalen Wirtschaft

Vom 14. bis zum 17. Mai 2013 organisierte der Ost-Ausschuss gemeinsam mit der IHK Karlsruhe eine Delegationsreise nach Armenien. Ziel der Reise war es, in Gesprächen auf Regierungsebene Möglichkeiten zum Ausbau der bilateralen Handelsbeziehungen zu erschließen und die Aktivitäten der deutschen Unternehmen in Armenien politisch zu flankieren.

Unter Leitung des Geschäftsführers des Ost-Ausschusses Rainer Lindner und des Vorsitzenden des Ausschusses für Außenwirtschaft der IHK Karlsruhe Robert W. Huber nahmen elf Vertreter deutscher Unternehmen aus den Sektoren Industrie, Baugewerbe, Bankwesen und Landwirtschaft an der Reise teil.Günter Pilarsky, Senior Chef der seit 15 Jahren in Armenien engagierten Cronimet GmbH, der deutsche Botschafter in Jerewan Reiner Morell und Patrick Jung, Büroleiter der lokalen Vertretung der Deutschen Wirtschaftsvereinigung Georgien/Armenien (DWVG) begleiteten und berieten die Delegation. Im Mittelpunkt des Besuchs standen Gespräche mit dem Premierminister Tigran Sargsyan und dem kurz vor Reisebeginn neu ernannten Wirtschaftsminister Vahram Avanesyan. 

Bekenntnisse zu vertiefter Zusammenarbeit

Die Reise fand in einer für Armenien wichtigen Phase statt, die von Annäherungsbemühungen der Kaukasus-Republik und der Europäischen Union geprägt ist. Neben zahlreichen Besuchen hochrangiger EU-Vertreter in Jerewan im vergangenen Jahr erzielten die Partner unlängst Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit der EU, darunter über die Einrichtung einer vertieften und umfassenden Freihandelszone („DCFTA“).

Auch wirtschaftlich befindet sich das Land in Bewegung. Nach dem großen Einbruch im Jahr 2009 wies die armenische Wirtschaft in den Folgejahren wieder BIP-Zuwächse auf, mit rund sieben Prozent im Jahr 2012 als vorläufigem Höhepunkt. Als Treiber dieses Wachstums zeichneten insbesondere günstige Entwicklungen in den Sektoren Handel, Industrie, Dienstleistungen und Bergbau verantwortlich. Weiterhin rückläufig ist jedoch der Umfang ausländischer Direktinvestitionen. Deutschland war 2012 mit einem Handelsvolumen von fast 420 Millionen US-Dollar der zweitwichtigste Handelspartner Armeniens nach Russland. Bei den armenischen Einfuhren aus Deutschland dominieren Maschinen, Fahrzeuge und Ausrüstung, bei den Ausfuhren Metalle, insbesondere Kupfer.

Entsprechend unterstrich Premierminister Sargsyan zu Beginn des Treffens die große Bedeutung der Unternehmerreise für sein Land. Er bekannte seinen Willen zu vertiefter Zusammenarbeit und betonte die Bedeutung Deutschlands als einem der wichtigsten Wirtschaftspartner für Armenien. Der Premierminister machte die Delegation mit dem aktuellen Programm seiner Regierung vertraut und nannte die Förderung der Sektoren Industrie, Chemie, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Tourismus prioritär für seine Regierung. Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Lindner zeigte sich erfreut über die seit 2012 anhaltende wirtschaftliche Stabilisierung des Landes und lobte die Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen und über das DCFTA mit der Europäischen Union. Ebenso begrüßte er die einseitige Abschaffung des Visaregimes für EU-Bürger.

Die Vertreter der deutschen Unternehmen berichteten von ihren Projekten und Investitionsideen in Armenien. Sargsyan nahm diese sehr positiv auf und sagte seine uneingeschränkte Unterstützung zu. Chancen für das Engagement deutscher Unternehmen sahen die Beteiligten vor allem im Ausbau und in der Modernisierung der Infrastruktur, in der verarbeitenden Industrie, in der Landwirtschaft und im Sektor Informations- und Kommunikationstechnologien.

Mit Blick auf konkrete, potenzielle Kooperationsmöglichkeiten stellte der Premier zahlreiche vor dem Start stehende Großprojekte insbesondere im Sektor Infrastruktur vor, darunter den Bau einer Bahntrasse und einer Autobahn als Teil des internationalen Transportkorridors „Nord-Süd“ sowie mehrere Vorhaben im Bereich der Energiewirtschaft. Lindner würdigte die Vielfalt der konkreten Projektvorhaben und sagte zu, seitens des Ost-Ausschusses auf deutsche Unternehmen aus den Sektoren Chemie, Fahrzeugbau, Infrastruktur und Informationstechnologie zuzugehen und über Vorhaben in Armenien zu informieren. Ferner warb Lindner für trilaterale Gespräche zwischen Armenien, Russland und Deutschland. 

Wirtschaftsminister Avanesyan nannte als wesentliche Zielsetzung seines Ressorts die Steigerung der zuletzt rückläufigen ausländischen Direktinvestitionen und die Erhöhung der Investitionssicherheit in seinem Land. Auch an Maßnahmen zur Weiterbildung und Professionalisierung armenischer Fachkräfte zeigte er sich sehr interessiert. Daraufhin schlug die deutsche Delegation vor, jeweils pro Unternehmen ein dreimonatiges Praktikum oder Volontariat für armenische Absolventen anzubieten. IHK-Vertreter Huber regte darüber hinaus ein Pilotprojekt an, bei dem der Versuch unternommen werden soll, das deutsche Modell der Dualen Ausbildung mit einem Unternehmen in Armenien und der Dualen Hochschule in Karlsruhe auf internationaler Ebene zu etablieren. Ein solches Projekt wäre ein Novum, das beispielhaft werden könne, so Huber.

Wachstumsbranche IT-Wirtschaft

Neben den Konsultationen auf Regierungsebene standen Gespräche mit lokalen Institutionen auf der Tagesordnung. So besuchte die Delegation die Armenian Development Agency (ADA) - eine staatliche Behörde, deren Aufgabe in der Bereitstellung von Informationen und Kontaktvermittlung für potenzielle Investoren besteht. Lindner stellte fest, dass die ADA bei der Anbahnung gemeinsamer Projekte ein idealer Ansprechpartner für deutsche Unternehmen sei und schlug einen regelmäßigen Austausch vor. Die Delegation diskutierte gemeinsam mit den Gastgebern insbesondere Möglichkeiten zur Förderung des armenischen IT-Sektors, der dank der hohen Qualität der Fachkräfte und der niedrigen Kosten vor Ort zu den Wachstumsbranchen Armeniens zählt. Die deutsche Seite brachte den Vorschlag ein, armenischen Unternehmen im Rahmen der nächsten CeBIT verstärkt die Gelegenheit zur Präsentation zu geben und regte eine Veranstaltung zur armenischen IT-Wirtschaft an. Anschließend stellte die European Bank for Reconstruction and Development (EBRD) der Delegation bei einem Treffen in ihrem Regionalbüro ihre Aktivitäten in Armenien vor. Zum Abschluss traf sich die Delegation mit der Industrie- und Handelskammer Armeniens, mit der die Teilnehmer Möglichkeiten zur Stärkung des bilateralen Handels, Perspektiven des armenischen IT-Sektors sowie konkrete Kooperationsmöglichkeiten auf Unternehmensebene diskutierten.

Folkert Garbe
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft