Steigende Nachfrage nach Agrarprodukten – Ungenutztes Potenzial in Osteuropa

15. Januar 2015

Ost-Ausschuss beteiligte sich wieder an der Grünen Woche/ Dialog mit Russland

Der Ost-Ausschuss beteiligte sich auch in diesem Jahr wieder am Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), der agrarpolitischen Auftaktveranstaltung der Internationalen Grünen Woche in Berlin, zu der sich vom 15. bis 17. Januar 2015 rund 60 Landwirtschaftsminister und mehr als 1.000 Agrarexperten und Wirtschaftsvertreter trafen. Das GFFA stand in diesem Jahr unter dem Schwerpunktthema „Wachsende Nachfrage nach Nahrung, Rohstoffen und Energie: Chancen für die Landwirtschaft, Herausforderungen für die Ernährungssicherung?“

Die Landwirtschaft hat sich von einer häufig wenig beachteten Nischenbranche zu einem Schlüsselsektor der Weltwirtschaft gewandelt. Angesichts der rapide wachsenden Weltbevölkerung spielt der Agrarsektor für die Welternährung, aber auch für die Versorgung mit anderen landwirtschaftlichen Rohstoffen, eine immer wichtigere Rolle. Davon kann auch Osteuropa profitieren, dessen landwirtschaftliches Potenzial vielfach noch nicht vollständig genutzt wird. Wie dieses weiter erschlossen werden kann, war die Schlüsselfrage bei den vom Ost-Ausschuss organisierten Veranstaltungen im Rahmen der Grünen Woche.

Vertiefung der Wertschöpfungsketten

Auf einem Fachpodium am 15. Januar stand das Potenzial ländlicher Regionen in Osteuropa für die Produktion von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen im Mittelpunkt. Die Podiumsdiskussion widmete sich dem Thema „Wertschöpfungskettenorientierte Entwicklung ländlicher Regionen in Osteuropa – Perspektiven für die Produktion von Nahrungsmitteln, Energie und technische Rohstoffe".

Das Eröffnungswort hatte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft des Ost-Ausschusses Thomas Kirchberg. In seiner Ansprache lobte er Programme zur Innovationsförderung wie den Agrarpolitischen Dialog mit Russland, verwies aber darauf, dass die derzeitigen Konflikte in der Ukraine nicht von Agrarpolitikern gelöst werden könnten, die Dialogkanäle aber geöffnet seien.

Thomas Herzfeld, der Direktor des Mitveranstalters Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) plädierte für eine stärkere Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte vor Ort, also für eine Vertiefung von Wertschöpfungsketten, die die ökonomische Diversifikation begünstigt. So könnte Russland seinem negativen Außenhandelssaldo für landwirtschaftliche Erzeugnisse entgegenwirken.

Auch der russische Vizelandwirtschaftsminister Alexander Petrikov griff diese Thematik auf. Die russische Regierung habe Investitionen in Höhe von 600 Mrd. Rubel (acht Milliarden Euro) geplant, um Bereiche der heimischen Landwirtschaft zu unterstützen, die bisher stark vom Import versorgt werden. Der Minister sieht hohes Potenzial in Russland für die Agrarmodernisierung und verwies dabei auf die Wichtigkeit von deutschem Know-how. Er ging auch auf die gegenwärtigen Auseinandersetzungen ein. Das Importembargo Russlands bezeichnete er als Kontrasanktion zu den Maßnahmen der EU und als den WTO-Bestimmungen entsprechende notwendige Maßnahme der russischen Regierung.

Tatiana Gubina, Geschäftsführerin des 2011 gegründeten Russischen Verbandes der Kartoffel- und Gemüseproduzenten deutete auf eine Schwachstelle in der russischen Landwirtschaftsbranche hin: die Abhängigkeit von europäischen Saatgutimporten. Man sei bestrebt, die Produktion dafür auf lange Sicht in Russland zu tätigen. Hier lägen auch Chancen für ausländische Direktinvestoren.

Das russische Potenzial in der Landwirtschaft unterstrich auch Josef Tillmann, Geschäftsführer der Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG. Das Unternehmen unterhält in Russland mittlerweile sieben Schweinmastanlagen. Laut Tillmann sei Russland in der Lage, nach Deckung des Eigenbedarfs auch für den Weltmarkt zu produzieren. Wichtige Voraussetzung dafür sei neben der Etablierung und Stärkung von Wertschöpfungsketten die Qualifizierung von Arbeitskräften.

Vladimir Rakhmanin von der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), Beigeordneter Generaldirektor und Repräsentant für die Regionen Europa und Zentralasien, schilderte das Engagement der FAO in Osteuropa. Er bekräftigte dabei die grundlegenden Prinzipien wie Nachhaltigkeit sowie Pflege und Ausbau der bilateralen und regionaler Zusammenarbeit. Walter Stinner vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) beschrieb den sinnvollen Einsatz von Biogasanlagen in Russland. Diese seien eine Lösung für die effiziente Nutzung von landwirtschaftlichen Abfallprodukten.

Einig waren sich die Teilnehmer der Veranstaltung darin, dass eine Fortführung des Dialogs zwischen Deutschland und Russland im Interesse aller ist. Die russische Präsenz auf der Grünen Woche bot überdies eine wichtige Gelegenheit zum Dialog in einer Zeit, in der die Zusammenarbeit im Agrarsektor von der Sanktionspolitik betroffen ist.

Von Äpfeln zum Apfelsaft

Auf dem zweiten vom Ost-Ausschuss organisierten Fachpodium am 16. Januar 2014 wurden dann die Auswirkungen der EU-Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der Ukraine, Moldau und Georgien auf die Landwirtschaft dieser Länder diskutiert. Daran nahmen neben den Agrarministern der Ukraine und Moldaus, Oleksiy Pavlenko und Vasile Bumacov, sowie dem Vize-Agrarminister Georgiens Nodar Kereselidze die stellvertretende Generaldirektorin der Generaldirektion Landwirtschaft bei der Europäischen Kommission Monique Pariat und für den Ost-Ausschuss Dirk Stratmann, Ukraine-Sprecher der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft, teil. Moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Kirchberg.

Alle drei Länder haben 2014 Abkommen über die Assoziierung und einen vertieften Freihandel mit der EU unterzeichnet, die der landwirtschaftlichen Entwicklung einen zusätzlichen Schub geben könnten. „Die Abkommen eröffnen der Ukraine, Georgien und Moldau die Chance, sich den europäischen Markt zu erschließen“, sagte Peter Bleser, parlamentarischer Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium in seinem Grußwort. Die Modernisierung der Branche und die Implementierung von europäischen Standards – auch mit westlicher finanzieller und technischer Unterstützung - werden dabei eine entscheidende Rolle spielen, damit diese Länder sich erfolgreich im europäischen und globalen Wettbewerb positionieren können. Moldaus Agrarminister Bumacov betonte, dass dazu der „Transfer von Know-how aus Westeuropa“, aber auch der „Druck aus Brüssel“ zur Anpassung an EU-Normen wichtig seien.

Bislang unterhalten alle drei Länder insbesondere im Agrarbereich traditionell starke Handelsbeziehungen mit Russland. Doch nicht erst im Zuge des Ukraine-Konflikts hat Russland durch Handelsbeschränkungen bereits mehrfach Druck auf seine Nachbarländer ausgeübt und angekündigt, bestehende Handelspräferenzen aufgrund des Freihandelsabkommens der Länder mit der EU aussetzen zu wollen.

In allen drei Ländern ist der Agrarsektor im Umbruch, werden neue rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen und Landreformen durchgeführt. Rechtssicherheit ist insbesondere für die dringend benötigten ausländischen Investitionen unerlässlich. „Das können Sie nur selber schaffen“, sagte Staatssekretär Bleser. Dazu muss der Ausbau der Infrastruktur für Landwirtschaft und Export kommen - in der Ukraine etwa von Häfen, Eisenbahnstrecken und Bewässerungssystemen.

Der ukrainische Agrarminister Pavlenko betonte die besondere Bedeutung des Agrarsektors für die Ukraine. Trotz Krieg und Krise habe die Getreideernte 2014 mit 63 Millionen Tonnen ein Rekordergebnis verzeichnet. Als positive Folge des EU-Abkommens verwies Pavlenko auf die Öffnung des EU-Markts etwa für ukrainisches Geflügel. Der georgische Vizeminister Kereselidze schilderte die „dramatischen Umbrüche“ in der Landwirtschaft seines Landes. Dem Sektor sei lange keine politische Priorität eingeräumt worden, nun bemühe man sich mit Unterstützung der EU um die Konsolidierung des stark fragmentierten Sektors.

Zu den Problemen der Landwirte in allen drei Ländern gehört der Zugang zu Finanzierungsmitteln. Hier hilft etwa Georgien mit einem staatlichen Kreditprogramm. Der moldauische Agrarminister Bumacov wies jedoch darauf hin, dass Technologien und Investitionen wichtiger seien als Geld allein, ebenso wie der Kampf gegen die Korruption, „die die Landwirtschaft tötet“. Zudem müsse die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte forciert werden: „Es ist eine Sache, Äpfel zu exportieren, eine andere, Apfelsaft auszuführen.“

Internationales Wirtschaftspodium zum Abschluss

Zum Abschluss des GFFA beteiligte sich der Ost-Ausschuss mit der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft als Trägerverband des GFFA Berlin e.V. auch am Internationalen Wirtschaftspodium mit anschließendem Empfang der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft am 17. Januar 2015 in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom in Berlin. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand dabei die Frage, wie der wachsende Bedarf an Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen nachhaltig sowie umwelt- und ressourcenschonend gedeckt werden kann. Darüber diskutieren Vertreter nationaler und internationaler Agrarverbände sowie global tätiger Agrar- und Nahrungsmittelunternehmen.

Christian Himmighoffen, Katharina Rösner-Kraus,
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft