Abschied von Eduard Schewardnadse

9. Juli 2014

Eduard Schewardnadse starb mit 86 Jahren in Georgien

Eduard Schewardnadse ist am 7. Juli 2014 im Alter von 86 Jahren in Georgien gestorben. Das vereinigte Deutschland hat ihm viel zu verdanken, in seiner Heimat war er ähnlich wie Michail Gorbatschow bis zuletzt umstritten. Schewardnadses Lebenslauf ist eine Biographie der Brüche, eine Achterbahnfahrt durch das 20. Jahrhundert, die mehrfach auch den Weg des Ost-Ausschusses kreuzte.

„Als die Berliner Mauer errichtet wurde, gab es dafür Gründe. Man muss überlegen, ob diese noch existieren.“ Als Eduard Schewardnadse, Außenminister der Sowjetunion, im Frühjahr 1989 diesen Satz sagte, eilte er damit einmal mehr gedanklich seinem Chef – Generalsekretär Michail Gorbatschow – voraus. Gemeinsam hatten beide seit ihrem überraschenden Machtantritt im Jahr 1985 eine Politik der Umgestaltung (Perestroika) initiiert, die nur fünf Jahre später zum Ende des Kalten Krieges führte. Schewardnadse bereitete als Chefdiplomat ambitionierte Abrüstungsverträge mit den USA vor, verhandelte den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und war schließlich sowjetischer  Chefunterhändler bei den Zwei-Plus-Vier Gesprächen, die 1990 in der deutschen Wiedervereinigung gipfelten.

„Eduard Schewardnadse war einer der ganz Großen, nicht nur für sein Land, sondern für die Geschichte insgesamt“, urteilt der langjährige Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Mangold, der mit Schewardnadse freundschaftlich verbunden war. „Sein Beitrag zur Wiedervereinigung wird oft unterschätzt und er hat einen gleichberechtigten Platz neben Michail Gorbatschow.“

Schewardnadse wurde am 28. Januar 1928 in einem georgischen Dorf nahe des Schwarzen Meeres in einer Funktionärsfamilie geboren. Ab 1946 machte Schewardnadse Karriere im kommunistischen Jugendverband Komsomol. Auf die Arbeit in dieser Organisation geht auch die Bekanntschaft der beiden Kaukasier Gorbatschow und Schewardnadse zurück. Schewardnadse, dessen Name übersetzt „Sohn des Falken“ bedeutet, machte Karriere im Zentralkommittee der georgischen KP und beim georgischen Geheimdienst KGB. Als georgischer Innenminister erwarb er sich Ansehen durch einen rücksichtslosen Kampf gegen Korruption und wurde dann als profilierter, aber in seiner Heimat auch umstrittener Reformer von Gorbatschow im Juli 1985 überraschend zum Außenminister und wichtigsten Berater berufen.

Ökonomischer Druck in der späten Sowjetunion

Es war vor allem der ökonomische Druck in der wirtschaftlich taumelnden und von Versorgungsengpässen gebeutelten Sowjetunion, der die Reformbemühungen unter Gorbatschow antrieb. Schewardnadses Außenpolitik sollte den Weg dafür frei machen, Mittel aus dem Militärhaushalt in den Konsum umzuleiten und westliche Nationen wie die Bundesrepublik als Partner der wirtschaftlichen Modernisierung der Sowjetunion zu gewinnen.

Legendär wurde ein Besuch einer sowjetischen Delegation mit Gorbatschow und Schewardnadse vom 12. bis 15. Juni 1989 in der Bundesrepublik. Zehntausende jubelnder Deutscher säumten damals mit Gorbi-Rufen die Straßen von Bonn, Köln, Stuttgart und Dortmund. Auch beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft in Köln machte die sowjetische Delegation damals Station. Gorbatschow, Schewardnadse und ihre Berater wie Alexander Jakowlew und Gennadij Gerassimow wurden von Otto Wolff von Amerongen und einer Wirtschaftsdelegation begrüßt.

Wie der „Spiegel“ damals berichtete, war das Treffen Ausdruck sowjetischer Hoffnungen, mit Hilfe deutscher Investoren die Perestroika aus den ökonomischen „Misserfolgen der Anfangsjahre herauszuführen“. Alexander Jakowlew soll kurz nach dem Treffen verkündet habe, dass man mit der Bundesrepublik nunmehr „herausgehobene Wirtschaftsbeziehungen“ unterhalte. „Unsere Wahl ist auf die Bundesrepublik gefallen.“

Dass die Bundesrepublik zum damaligen Zeitpunkt bereits „Geschäftspartner Nummer eins im Westen“ (Gorbatschow) war, hatte mit den Bemühungen des Ost-Ausschusses seit den 1950er Jahren zu tun, Brücken über den Eisernen Vorhang hinweg zu bauen. Die Schwierigkeiten im Handel waren dennoch erheblich. „Die große Sowjet-Union hat nach wie vor außer Rohstoffe wie Öl und Gas kaum etwas zu bieten, was auf den Weltmärkten zu verkaufen wäre. Hartwährungsmangel macht sich überall bemerkbar“, kommentierte der Spiegel. So lief der Austausch in erster Linie über Barter-Geschäfte:  Erdgas gegen Röhren, Stromlieferungen für Gasturbinen, Äthylen-Anlagen gegen die Lieferung von Polyäthylen.

Gegenstand des Treffens in Köln war auch die COCOM-Liste der NATO-Staaten, die die Lieferung von Hochtechnologie wegen angeblicher Sicherheitsrisiken in die Sowjetunion sanktionierte. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher kündigte damals an, sich bei den USA für eine Änderung der Liste einzusetzen. Sanktionslisten und Rohstoffabhängigkeit – 25 Jahre nach dem Treffen in Köln haben beide Themen an Aktualität nichts eingebüßt.

Die sowjetische Kommandowirtschaft erwies sich als kaum reformierbar, der Druck auf Gorbatschow und Schewardnadse wuchs. Ende 1990 trat Schewardnadse als Außenminister zurück. „Die Zukunft gehört der Freiheit“ sagte er in seiner Abschiedsrede und warnte vor einer Rückkehr der Sowjetunion zur Diktatur. Diese schien mit dem kommunistischen Putsch gegen Gorbatschow am 19. August 1991 kurzzeitig wahrscheinlich. Doch Schewardnadse gehörte damals zu denjenigen, die sich unter Lebensgefahr an der Seite von Boris Jelzin im Weißen Haus in Moskau verbarrikadierten und von dort aus – letztlich erfolgreich – den Widerstand organisierten.

1992 wurde Schewardnadse dann gegen eine beginnende Diktatur in seinem Heimatland Georgien zu Hilfe gerufen: Nach einem Putsch wurde er als nationale Identifikationsfigur an die Spitze des Staates gestellt. Es gelang ihm, einen drohenden Bürgerkrieg abzuwenden. Mit seinem bekannten Namen warb er in aller Welt für Georgien. Aus dieser Zeit sind auch Treffen mit Ost-Ausschuss-Delegationen überliefert. 1998 traf Klaus Mangold, damals Präsidiumsmitglied des Ost-Ausschusses und Leiter des Arbeitskreises „Allgemeine Vertrags- und Finanzierungsfragen“, Schewardnadse in Tiflis.

Die wirtschaftliche Entwicklung in Georgien blieb dennoch weiterhin schwierig. Letztlich scheiterte Schewardnadse daran. Ende 2003 wurde er nach Massenprotesten gegen angebliche Wahlfälschungen von einer Gruppe junger Reformer um Micheil Saakaschwili aus dem Amt vertrieben, die er in den 1990er Jahren noch selbst gefördert hatte. Es bleibt Schewardnadses Verdienst, dass diese Rosenrevolution letztlich unblutig verlief. Nur ein Jahr nach den Ereignissen zeigte er sich mit der neuen georgischen Führung versöhnt und lebte bis zuletzt in einer Villa hoch über Tiflis. Dort ist er nach langer, schwerer Krankheit verstorben.

Andreas Metz
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft