„Hidden Champion“ in Westsibirien

24. November 2015

Gebiet Tjumen präsentierte sich deutschen Mittelständlern/ Investitionsanreize für Unternehmen

Bekanntlich ist Russland das größte Land der Welt. Immerhin 83 Regionen gibt es dort und eine einzigartige Vielfalt von Ethnien und Landschaften. Auch wirtschaftlich sind die Gebiete unterschiedlich aufgestellt, sie alle aber verbindet derzeit ein wirtschaftspolitischer Trend: die Förderung der Industrieansiedlung. In den letzten Jahren ist unter den russischen Regionen ein regelrechter Wettbewerb um Investoren, vor allem aus dem Ausland, entbrannt. Viele russische lokale Administrationen haben inzwischen eine beachtliche Kompetenz aufgebaut und unterstützen die Investitionsprojekte sowohl mit Förderinstrumenten wie steuerliche Vergünstigungen als auch durch die enge Begleitung der Unternehmen im administrativen Bereich, etwa bei der Grundstückssuche, Behördengängen oder Genehmigungsverfahren. Insbesondere mittelständische Unternehmen sind auf solche Unterstützung angewiesen und achten bei der Standortsuche auf solche Aspekte.

Neben russischen Gebieten wie Kaluga, Uljanowsk oder Tatarstan, die in puncto Standortpolitik in der deutschen Business Community schon lange einen guten Ruf erworben haben, gibt es in Russland weitere Landstriche, die hierzulande weniger bekannt sind, sich jedoch ebenfalls aktiv um deutsche Industrieunternehmen bemühen. Unter diesen „Hidden Champions“ befindet sich auch Tjumen, ein in Westsibirien gelegenes riesiges Gebiet, welches dank seiner Rohstoffvorkommen meistens als russisches „Gas- und Öl-Dorado“ bekannt ist. Dass Tjumen in den letzten Jahren erfolgreich mehrere Ansiedlungen in der verarbeitenden Industrie realisiert hat, ist weit weniger bekannt. Inzwischen finden sich unter den dort aktiven Unternehmen mehrere deutsche mittelständische oder familiengeführte Unternehmen wie z.B. Knauf Insulation oder Schattdecor, beide Mitglied im Ost-Ausschuss.

Warum ausgerechnet Tjumen? Dieses Thema stand im Fokus der Vortragsveranstaltung, die in Kooperation mit der Kontaktstelle Mittelstand für Russland im Ost-Ausschuss am 24.November 2015 im Handels- und Wirtschaftsbüro bei der Russischen Botschaft in Berlin stattfand. Der Vize-Gouverneur von Tjumen, Wadim Schumkov, präsentierte den geladenen Firmenvertretern das Wirtschafts- und Investitionspotenzial der Region und ging in seiner Rede auf wichtige Aspekte der lokalen Wirtschaftspolitik ein. Das Gebiet zeichnet sich durch eine rasante Dynamik der Industrieentwicklung - selbst in der aktuellen Krise weist Tjumen nach eigenen Angaben ein jährliches Industriewachstum von rund 15 Prozent auf -, eine solide finanzielle Lage und eine hohe Kaufkraft der Bevölkerung - vor allem dank der Einnahmen aus dem Öl- und Gasbereich –aus. Der große Bedarf an einer leistungsfähigen Zulieferindustrie sowie viele in der Region ansässige Großunternehmen aus dem Energie- und Chemiesektor als potenzielle Abnehmer der Produkte in Kombination mit einer hohen Bereitschaft der Administration zur Zusammenarbeit mit den Investoren schaffen gute Voraussetzungen für Mittelständler, dort ein Investment in Erwägung zu ziehen. Die Administration gewährt investierenden Unternehmen solch eine einmalige Präferenz wie die Erstattung von bis zu 50 Prozent der Anschaffungskosten für notwendigen Ausrüstungen. 

Die Ausführungen des Vize-Gouverneurs fanden ihre Bestätigung in den Erfahrungsberichten zweier deutscher Unternehmen, die sich in der Region mit eigenen Produktionsstätten niedergelassen haben. Neben den oben erwähnten Trümpfen hoben sie die vorteilhafte geographische Lage des Gebietes in direkter Nähe zu Kasachstan hervor. Das Land ist als Mitglied in der Eurasischen Wirtschaftsunion ein sehr interessanter Markt, der von Westsibirien aus gut bedient werden kann. Allerdings hoben die Manager den „Faktor Mensch“ als wohl wichtigsten Vorteil von Tjumen hervor, nämlich ein sehr engagiertes und qualifiziertes Team der Gebietsverwaltung und der lokalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft, das versucht, jeden Investor individuell zu begleiten und für ihn eine maßgeschneiderte Lösung zu finden.

Alexey Savinskiy
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft