Mittelständler in Moskau

31. Mai 2011

4. Deutsch-Russische Mittelstandskonferenz lockt über 300 Firmen an

Am 31. Mai 2011 fand in Moskau die 4. Deutsch-Russische Mittelstandskonferenz statt, die der Ost-Ausschuss gemeinsam mit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und dem russischen Mittelstandsverband OPORA organisiert hat. Hohe politische Aufmerksamkeit erfuhr die Konferenz durch die Teilnahme von Vizepremierminister Igor Schuwalow, der russischen Wirtschaftsministerin Elwira Nabiullina und Bundesminister Philipp Rösler.

Die Ausgangslage beider Länder in Bezug auf den Mittelstand könnte unterschiedlicher nicht sein: In Deutschland werden über 90 Prozent aller Unternehmen dem Mittelstand zugerechnet, sie beschäftigen 70 Prozent der Arbeitnehmer und tragen fast 50 Prozent zur Nettowertschöpfung des Landes bei. Außerdem stellen diese Unternehmen 80 Prozent aller Ausbildungsplätze. In Russland zeigt sich ein anderes Bild: Nur 19 Prozent aller Beschäftigten gehören hier mittelständischen Firmen an, die nur für knapp 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sorgen.

In Deutschland ist der große Anteil des Mittelstands an der Gesamtwirtschaft Grund für die innovative Entwicklung hochtechnologischer Produkte. Viele mittelständische Unternehmen sind in ihrer Branche Weltmarktführer. Der Mittelstand als treibende innovative Kraft ist dagegen in Russland erst im Entstehen begriffen. Zwar wächst zahlenmäßig das Segment der kleinen und mittleren Unternehmen ständig, allerdings sind in Russland 80 Prozent aller mittelständischen Betriebe im Handel tätig. Hier werden im Unterschied zu industriellen Produktionsbetrieben kaum Innovationen erzeugt. Hinzu kommt, dass die nach wie vor schwierige Kreditvergabe durch Banken als Folge der Wirtschaftskrise die Entwicklung der kleinen und mittleren Unternehmen erschwert.

Die 200 deutschen Teilnehmer beschäftigten sich daher insbesondere mit der Frage, wie die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen in Russland gestärkt und Kooperationen zwischen großen und mittelständischen Unternehmen gefördert werden können. Deutlich wurde auf der Konferenz, mit welchen Problemen russische Unternehmen zu kämpfen haben: eine überbordende Bürokratie, unzureichende Finanzierungsinstrumente und ein Defizit an qualifizierten Fachkräften.

„Die mittelständische Wirtschaft spielt eine zentrale Rolle für die Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen“, betonte Philipp Rösler bei seiner ersten Auslandsvisite als Bundeswirtschaftsminister. In seiner Rede forderte Rösler klare Regeln für Investoren. Auch der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes wünschte sich in seiner Rede mehr Aufmerksamkeit für den Mittelstand in Russland: „Wir würden uns freuen, wenn Russland einen Rahmen schaffen könnte, um noch mehr mittelständischen Investoren einen Investitionsanreiz zu bieten“, betonte er auf der abschließenden Plenarsitzung der Konferenz.

Der Fokus der deutsch-russischen Mittelstandskonferenz lag auf den Branchen Automobilindustrie, Gesundheitswirtschaft und Energieeffizienz – Branchen, die für deutsche Mittelständler einen wachsenden Markt bieten. Hier hat die russische Regierung zahlreiche Aktivitäten unternommen, um die Lokalisierung der Produktion und damit die Wertschöpfung in Russland zu stärken. Die Ansiedlung ausländischer Konzerne in Russland mit eigenem Produktionsstandort wird derzeit noch stark durch die fehlende Zulieferstruktur behindert, die von fast allen Sprechern auf der Konferenz bemängelt wurde. Nach Angaben des russischen Industrieministeriums sind höchstens fünf Prozent der russischen Teilehersteller international konkurrenzfähig.

Große Chancen bieten sich derzeit Unternehmen der Gesundheitsbranche. Am Vorabend der Konferenz führte der Ost-Ausschuss unter Leitung seines Geschäftsführers Rainer Lindner mit einer Delegation deutscher Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft ein Gespräch mit Vize-Premierminister Aleksandr Schukow, der über das neue Regierungsprogramm zur Modernisierung von Russlands Gesundheitssektor informierte. Durch die Anhebung der Krankenkassenbeiträge um zwei Prozentpunkte will die Regierung rund 15 Milliarden US-Dollar einnehmen, die direkt in die Modernisierung der Krankenhäuser fließen, was große Chancen gerade auch für deutsche Unternehmen bietet, die ein Viertel von Russlands Importen für Medizintechnik abdecken.

Dr. Christiane Schuchart
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft