Mit Innovationen gegen die Krise

15. April 2009

Russlands Wirtschaft muss sich jetzt neu ausrichten

Die Finanz- und Wirtschaftskrise trifft Russland in einer Phase des gesamtwirtschaftlichen Umdenkens. Längst herrscht bei Politik und Wirtschaft die Überzeugung vor, dass das Land nicht allein als Energiemacht die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern kann.

Schon vor den aktuellen Finanzturbulenzen wurde wiederholt auf die Gefahren der sogenannten „Holländischen Krankheit“ – der einseitigen Ausrichtung der Volkswirtschaft auf Rohstoffexporte – hingewiesen. Die wohl wichtigste staatliche Gegenmaßnahme war der bereits im Februar 2004 nach norwegischem Vorbild eingerichtete Stabilisierungsfonds, der die steigenden Rohstoffeinnahmen auffing, um sie für Krisenzeiten vorzuhalten und den Inflationsdruck zu mindern.

Die Rechnung ist zum Teil aufgegangen: In der gegenwärtigen Weltfinanzkrise kann Russland noch auf mehrere hundert Milliarden Dollar zurückgreifen und diese zur Stützung der eigenen Wirtschaft investieren. Auch der tiefe Fall des Ölpreises von einem Jahreshoch von über 140 Dollar pro Barrel auf unter 50 Dollar lässt sich so für eine gewisse Zeit abpuffern, ohne dass der Staatshaushalt in Bedrängnis gerät.

Doch trotz Stabilisierungsfonds liegen die Inflationsraten in Russland seit Jahren auf hohem Niveau. Und was gerade angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise beunruhigend ist: Das Innovationspotenzial der russischen Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren nicht signifikant verbessert. Nur wenige Unternehmen setzen auf eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Bei der Sitzung des Rates zur Entwicklung der Informationsgesellschaft in der Russischen Föderation im Februar hat der russische Präsident Dmitri Medwedew wieder einmal die stärkere Entwicklung von neuen Technologien in Russland angemahnt. Trotz einiger Fortschritte sei Russland gegenüber den führenden Technologieländern zurückgefallen.

So ist nach Angaben der OECD aus dem Jahr 2008 der Anteil Russlands an international registrierten Patenten im Bereich der weltweiten Hochtechnologie-Industrie nicht messbar – er liegt bei 0,0 Prozent. Die USA kommen hier auf einen Anteil von 36,5 Prozent, Japan erreicht 15,9 Prozent und Deutschland immerhin noch neun Prozent. Bei nanotechnologischen Patenten weist Russland einen Anteil von 0,5 Prozent auf (Deutschland: 8,8 Prozent) und nur in der Nuklearenergie ist der Anteil des größten Flächenstaates der Erde mit drei Prozent erkennbar.

Fraglos spielt eine Rolle, dass die russische Wirtschaft auch angesichts des ausstehenden Beitritts zur Welthandelsorganisation WTO noch nicht vollständig in den Weltmarkt integriert ist, und eigene Forschungsleistungen international wenig verwertet werden, zumal wenn sie überwiegend dem militärisch-industriellen Bereich entstammen. Doch unbestreitbar ist, dass es in Russland an einer Innovationsdynamik fehlt, die eine Volkswirtschaft dieser Größenordnung dringend benötigt, um nachhaltig wachsen zu können.

Ein hemmender Faktor ist die bestehende Wirtschaftsstruktur in Russland, die immer noch von großen Industriekomplexen und einer Dominanz von Monopolen geprägt ist. Nach Umfragen aus dem Jahr 2008 spüren 20 Prozent der Unternehmen in Russland keinen wesentlichen Konkurrenzdruck und lediglich 34 Prozent würden die Konkurrenzsituation auf dem russischen Binnenmarkt als scharf bezeichnen. Innovationsdruck kann sich nur ansatzweise entwickeln, wenn mehr als die Hälfte der Unternehmen sich nicht in einem tatsächlichen Wettbewerb befinden.

Das deutsche Beispiel zeigt, dass gerade kleine und mittelständische Unternehmen innovativ sind und die Dynamik einer Wirtschaft ausmachen. Deutschland ist stolz auf seine vielen „Hidden Champions“, die mit innovativen Lösungen zu Weltmarktführern aufgestiegen sind. Während in Deutschland mittelständische Unternehmen für rund 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes stehen, liegt der Anteil in Russland aktuell nur bei 17 Prozent. Dass das Potenzial für Hochtechnologie auch in Russland vorhanden ist, zeigen kleine, agile Firmen wie Kaspersky, Abbyy oder FAS, die mit Antiviren-Programmen, elektronischen Wörterbüchern oder Office-Programmen auch auf dem deutschen Markt erfolgreich sind.

Durch die aktuelle Finanzkrise und den Rückgang der Rohstoffpreise wird die russische Wirtschaft nach fast zehn Jahren starken Wachstums dazu ge-
zwungen, langfristiger zu denken und entschlossen den Weg Richtung Innova-tionen und Hochtechnologie zu gehen. Nicht mit der Förderung, sondern erst mit der Veredelung der reichlich vorhandenen Rohstoffe wie Öl, Gas, Buntmetalle und Holz wird echte Wertschöpfung erzielt.

Mittelstand als Impulsgeber für Innovationen

Das staatliche Wirtschaftsprogramm bis 2020 sieht unter anderem den Auf- und Ausbau von Wissenschaftsstädten (Obninsk, Dubna, Korolew) und die Schaffung so genannter Technoparks in Tjumen, Kasan, Nowosibirsk, Obninsk und Sarow mit besonders günstigen Investitionsbedingungen vor. Ein Schwerpunkt liegt im Bereich Nanotechnologie. So wurde die staatliche Holding „RosNanoTech“ gebildet und im September 2008 der Wirtschaftsreformer Anatoli Tschubais zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Auch in der Luft- und Raumfahrt, in der Materialforschung, im Energiebereich oder im IT-Sektor gibt es in Russland Potenzial.

Staatsunternehmen allein aber werden den Sprung an die Hochtechnologie-Spitze nicht schaffen. Die Diversifizierung der Wirtschaft und der Aufbau eines breiten Mittelstandes als ihr Rückgrat müssen das Ziel sein. Dies setzt aber auch einen Mentalitätswandel hin zu mehr privatem Unternehmertum voraus, den die russische Regierung flankieren muss. Auf der vom Ost-Ausschuss mitorganisierten Deutsch-Russischen Mittelstandskonferenz in Stuttgart kündigte Russlands Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung Elvira Nabiullina Anfang November 2008 Hilfen für den Mittelstand an. Dabei geht es um die Beseitigung institutioneller Investitionsbeschränkungen, um die Modifizierung staatlicher Genehmigungs- und Kontrollmaßnahmen, um finanzielle Hilfen und Steuersenkungen.

Die deutsche Wirtschaft kann Russland auf seinem Modernisierungskurs unterstützen. Gelegenheiten der nachhaltigen Zusammenarbeit bieten sich beispielsweise auf den Feldern Medizintechnik, Fahrzeugbau, Chemie, Elektrotechnik, Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Gegenwärtig studieren 12.000 junge Russen an deutschen Universitäten – sie können dabei helfen, technologische Brücken zwischen beiden Volkswirtschaften zu bauen, so wie dies bereits in der Raumfahrt gelungen ist: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Roskosmos werden 2011 gemeinsam ein Röntgenteleskop ins All bringen. Ein weiteres positives Beispiel ist die Gründung der russisch-deutschen Energieagentur RuDEA im Februar 2009 nach dem Vorbild der deutschen dena, die das Ziel hat, Energiespartechniken in Russland zu verbreiten. Und nicht zuletzt zeigt die Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding zwischen der Siemens AG und Rosatom über die Bildung eines Joint Ventures auf dem Gebiet der Kerntechnik, dass sowohl die deutsche als auch die russische Seite von einer stärkeren Kooperation nur profitieren können.

Dank des Rohstoffbooms der vergangenen Jahre ist in Russland das Geld vorhanden, das Land technologisch zu modernisieren. Die EU sollte im Rahmen der Verhandlungen um ein neues Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Russland eine „Know-how-Kooperation“ anbieten. Diese könnte von der Unterstützung bei der Manager- und Ingenieursausbildung bis hin zu gemeinsamen Forschungsprojekten und Kooperationsangeboten zur Entwicklung von Technoparks reichen.

Prof. Dr. Rainer Lindner
Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft