„Jedes Land braucht eine eigene Wahrnehmung“

15. Dezember 2008

Interview mit Prof. Dr. Rainer Lindner,
neuer Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft

Herr Prof. Lindner, Sie haben bei der Stiftung Wissenschaft und Politik viele Jahre Spitzenpolitiker zu außen- und sicherheitspolitischen Fragen beraten. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus Ihrer früheren Tätigkeit mitbringen?

Lindner: Bei der Stiftung Wissenschaft und Politik habe ich mich mit der Analyse politischer und wirtschaftlicher Fragen in den Ländern Osteuropas, vor allem der früheren Sowjetunion beschäftigt. Dazu gehörten häufige Recherchereisen nach Russland, Belarus, in die Ukraine und in den Kaukasus. Ich bringe insbesondere Kenntnisse über die Akteure und Entwicklungen in diesen Ländern und eine sehr starke Vernetzung in die Region mit. Für das Außenministerium erstellten wir Szenarien über die Entwicklung in Russland in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Zuletzt arbeitete ich an Studien zur Energiesicherheit, zum Demographie-Problem in Russland und zu den „frozen conflicts“ in der Schwarzmeer-Region. In mehreren Projekten habe ich mich zudem mit Zentralasien beschäftigt.

Was motiviert Sie nun zu diesem Wechsel in die Wirtschaft?

Lindner: Der Sprung aus der Politikberatung in den Außenwirtschaftsbereich ist gar nicht so groß. Es geht auch beim Ost-Ausschuss darum, Räume zu sondieren, dabei zu helfen, politische Rahmenbedingungen zu verbessern und direkte Kontakte zu Unternehmern und Regierungen der Länder Osteuropas zu pflegen. Außerdem macht es mit Anfang 40 Sinn, das Tätigkeitsprofil zu erweitern. Der Reiz ist die deutlich vergrößerte Region, mit der ich mich nun befassen kann.

Wie haben Sie den Ost-Ausschuss bislang wahrgenommen?

Lindner: Ich kenne den Ost-Ausschuss noch aus der Zeit von Otto Wolff von Amerongen, der eine wirkliche Person der Zeitgeschichte war. Der Ost-Ausschuss ist eine Organisation, die intensiv nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die deutsche Außenpolitik ergänzt und auf diese Weise auch entlastet. Dieser Tradition, die von Klaus Mangold als Vorsitzendem mit großer Dynamik fortgeführt wird, sehe ich mich verpflichtet.

Welche Themen liegen Ihnen als Geschäftsführer besonders am Herzen, wo sehen Sie Veränderungspotenzial?

Lindner: Zu meinen Zielen gehört es, die sogenannten kleinen Länder neben Russland als politische und wirtschaftliche Akteure stärker in die Arbeit einzubeziehen. Ich möchte die Brückenfunktion des Ost-Ausschusses als Vermittler zwischen der deutschen und osteuropäischen Wirtschaft und Politik stärken und zu einer präziseren Wahrnehmung dieser Länder beitragen. Dazu gehört es, die Beziehungen in die Region selbst durch persönliche Kontakte und regelmäßige Präsenz weiter zu entwickeln. Generell bin ich kein Anhänger des „One-size-fits-all“-Ansatzes. Jedes Land braucht eine eigene Wahrnehmung.

Welche Länder sollten in Zukunft stärker beachtet werden?

Lindner: Gerade war der Ost-Ausschuss in Frankfurt am Wirtschaftstag Moldau beteiligt, der sehr vielversprechend war. Die Veranstaltung hat gezeigt, dass Moldau Richtung EU unterwegs ist und unter anderem im Agrarbereich einiges anzubieten hat. Der Ost-Ausschuss sollte gerade diese Länder am Rande der EU mit zum Teil verzögerten Transformationsprozessen im Blick haben. Aber auch die neuen EU-Länder Rumänien und Bulgarien sind, trotz einiger Dynamik in der wirtschaftlichen Entwicklung, auf Kooperationen angewiesen.

Ein weiterer Schwerpunkt wird Zentralasien sein. Das ist eine Region mit sehr hohem Entwicklungspotenzial. Sie befindet sich in der Integrationsklemme zwischen Russland und China und die EU muss aufpassen, dass sie hier nicht auf der Strecke bleibt. Die Zentralasien-Initiative der Bundesregierung muss weiterentwickelt und die Euphorie der 90er Jahre versachlicht werden. Die Wahrnehmung dieser Länder in Deutschland ist verbesserungsfähig. Der Ost-Ausschuss hat dazu mit der finanziellen Unterstützung für die monatlichen „Zentralasien-Analysen“ bereits einen Schritt getan.

Sie treten Ihr Amt in einer Zeit an, in der es große Umwälzungen in der Weltwirtschaft gibt. Die Finanzkrise hat Osteuropa erreicht. Zugleich gab es durch den Kaukasus-Konflikt Spannungen zwischen Russland und der EU. Was bedeutet das für die Arbeit des Ost-Ausschusses?

Lindner: Die Ukraine ist derzeit wohl am stärksten von der Finanzkrise betroffen und braucht gerade jetzt unsere Unterstützung. Wir sollten versuchen, Wirtschaftstage zu organisieren, auf denen sich diese Länder stärker vorstellen können und wodurch sich neue wirtschaftspolitische Kontakte ergeben. Was Russland betrifft, so glaube ich, dass das Bild einer Präzisierung bedarf: Russland ist ein Akteur, der sich in der Region als Ordnungsmacht zu behaupten versucht. Russland ist von der Finanzkrise erheblich betroffen und hat noch kein Rezept gefunden, seine Wirtschaft langfristig weniger empfindlich für solche Entwicklungen zu machen. Das Land erlebt eine Konsolidierungsphase, die Zeit des wilden Oligarchentums scheint vorbei. Wichtigste Aufgabe ist nun die Diversifizierung der stark von Rohstoffen abhängigen russischen Wirtschaft. Dabei kann der Ost-Ausschuss behilflich sein.

Das Interview führte Andreas Metz
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft