Grüne Baustandards schlagen in Russland Wurzeln

1. März 2011

Winterolympiade 2014 in Sotschi forciert die Entwicklung / Messe „BAU 2011“

Energieeffi zientes, ökologisch nachhaltiges Bauen ist ein kleines grünes Pflänzchen, das in Russland seit Herbst 2009 zu keimen begonnen hat. Durch die grünen Standards für Bauprojekte in der Olympiastadt Sotschi und das Energiespargesetz aus dem Jahr 2009 rückt das Thema auf der Agenda nach oben. Das gestiegene Interesse russischer Unternehmen am grünen Bauen und die wachsenden Chancen deutscher Unternehmen
zeigten sich auch während der Messe „BAU 2011“, in deren Rahmen der Ost-Ausschuss am 20. Januar 2011 eine Veranstaltung zum energieeffi zienten Bauen in Sotschi organisierte.

Bei der Planung der Olympischen Winterspiele wurden erstmals in Russland grüne Standards für die Projektierung, Errichtung und Nutzung der Gebäude und ihrer Umgebung angewendet. Bis zum Jahr 2014 entstehen mindestens zehn Objekte auf dem „Experimentierfeld“ Sotschi, die den Anforderungen des international anerkannten Standards BREEAM entsprechen. Dazu gehören Sportstadien, Tourismuszentren und Bürogebäude. Mit den Olympia-Projekten am Schwarzen Meer werden neue Maßstäbe für ökologisch nachhaltiges Bauen gesetzt, die landesweit Wirkung entfalten sollen.

Das größte unter den „grünen“ Gebäuden in Sotschi ist das Zentralstadion. Bei der Projektierung von Heizung, Lüftung und Klimaanlage wurden Technologien zur Wärmerückgewinnung verwendet. Die Beleuchtung erfolgt mit LEDs und Leuchtstofflampen und wird automatisch gesteuert. Das Regenwasser wird aufgefangen, gefiltert (Nano-Aktivkohle-Filter) und als Brauchwasser für die Toilettenspülung, Bewässerung und Brandbekämpfung genutzt. Es werden spezielle Tanks installiert, um das Regenwasser vom Dach zu sammeln und einen zuverlässigen Betrieb der Drainagesysteme zu gewährleisten. Im Gebäude sorgen wassersparende Sanitäranlagen für einen kontrollierten Umgang mit dem kostbaren Nass. Alle Materialien zum Bau des Zentralstadions tragen die Vorsilbe „Öko“ im Namen. Es werden Ultra-Leicht-Konstruktionen verwendet. Auch die Nachnutzung wird groß geschrieben. Das Olympiastadion soll für die Spiele der Fußball-Nationalmannschaft und für die Fußball-WM 2018 dienen und für kulturelle Großveranstaltungen genutzt werden.

Bei der großen Eisarena zeigt sich die Anwendung grüner Standards vor allem in der Gestaltung der Glasfassade der Kuppel. Es wird Spezial-Mehrschichtglas verwendet, das im Winter gegen Kälte und im Sommer gegen Hitze isoliert. Das ablaufende Regenwasser wird aufgefangen, gefiltert und für die Reinigung der Eisarena und die Bewässerung von Blumenbeeten genutzt.

Ein großer Teil der Olympia-Bauten soll 2011 oder 2012 fertig gestellt werden. Je näher die geplanten Termine rücken, desto eher wird es dazu kommen, dass russische Auftragnehmer den Zeitplan nicht einhalten können und Hilfe aus Deutschland gefragt ist. Deutsche Unternehmen sollten sich rechtzeitig über mögliche Geschäftschancen informieren. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft bietet dafür mit seiner Arbeitsgruppe „Sotschi 2014“ konkrete Hilfestellung.

Messe „BAU 2011“ in München

Interessierte Firmen sind herzlich eingeladen, sich der Arbeitsgruppe anzuschließen, sagte Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, im Rahmen der Veranstaltung „Die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi - energieeffizientes Bauen im Umfeld der Spiele und in der Region Krasnodar“ am 20. Januar 2011 in München.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Weltleitmesse für Architektur, Materialien und Systeme „BAU 2011“ statt, die in diesem Jahr besonders viele russische Teilnehmer anlocken konnte. Auch aus anderen Ländern Osteuropas wie Polen und Tschechien war der Besucherzustrom groß.Noch finden Aspekte wie Energieeffizienz, Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit aber wenig Beachtung in der Bau-Praxis. „Unser Hauptproblem ist, dass der moderne russische Baumarkt die Betriebskosten absolut nicht berücksichtigt“, sagt Andrej W. Bokow, Präsident des Architektenverbandes Russlands. Während in der EU und den USA die Betriebskosten in die Kalkulation des Projekts einbezogen werden, steht in Russland immer noch die einmalige Investition in den Bau an erster Stelle. Deshalb ist das russische Know-how in erster Linie auf die Reduzierung der Baukosten gerichtet. Damit sich „grünes Bauen“ in Russland durchsetzen kann, „müssen wir lernen, den Nutzen auf lange Sicht zu sehen, nicht nur das Hier und Jetzt“, erklärte Bokow. Erforderlich sei eine komplette Reform der Praktiken auf der Grundlage von Veränderungen im rechtlichen und ordnungspolitischen Rahmen.

Um diese Veränderungen in Russland in Gang zu bringen, hat der Verband der Architekten Russlands (www.uar.ru) im Sommer 2010 einen „Rat für ökologisch nachhaltige Architektur“ gegründet. Hauptaufgabe des Rats ist die Entwicklung eines nationalen russischen Standards für „grünes Bauen“ und eines Systems der „grünen“ Zertifizierung von Projekten sowie deren Einführung in die architektonische Praxis. Zukünftig soll ein „Russisches Zertifikat für nachhaltige Entwicklung“ die Übereinstimmung eines Projekts mit den internationalen Standards für umweltverträgliche Architektur bestätigen.

Skolkowo und WM 2018

Schon zeichnen sich die nächsten Großprojekte ab, die dem „grünen Bauen“ in Russland weiteren Auftrieb geben dürften: die Innovationsstadt Skolkowo bei Moskau und die Fußball-WM 2018. Skolkowo soll eine Energieeffizienz-Vorzeigestadt (smart city) werden. Dies schließt „grüne“ Gebäude, moderne Konzepte zur Energieerzeugung und -nutzung sowie Ver- und Entsorgung ein. Außerdem ist „Energieeffizienz und Energiesparen“ eines von fünf Forschungsgebieten, auf dem Wissenschaftler und Ingenieure in Skolkowo zukünftig arbeiten sollen. Für 2018 hat Russland den Zuschlag zur Ausrichtung der Fußball-WM bekommen. Dazu müssen 13 Stadien, Hotels, Flughäfen und viele weitere Infrastrukturprojekte neu gebaut oder modernisiert werden.

Weiterverfolgt werden die Pilotprojekte „energieeffiziente Stadt“ (Jekaterinburg, Workuta) und „energieeffizientes Stadtviertel“ (Moskau, Sankt Petersburg, Kasan, Tomsk), bei denen nicht nur einzelne Bauwerke, sondern ganze Siedlungen energieeffizenter werden sollen. Sie sind Teil der Maßnahmen zur Umsetzung des föderalen Gesetzes „Über Energieeinsparung und die Erhöhung der Energieeffizienz“ vom 23.11.2009.

Die energieeffiziente Umgestaltung der Stadt Jekaterinburg ist ein Leuchtturmprojekt der deutschen Wirtschaft. Im Juli 2010 wurde dort von der Regierung des Gebiets Swerdlowsk, der deutsch-russischen Energieagentur RUDEA, Renova-StroiGroup, KES-Holding und Siemens das „Zentrum für Energieeffizienz“ gegründet.

Edda Wolf
Senior-Referentin Osteuropa
(Russland, Bulgarien)
Germany Trade and Invest GmbH