Essen für neun Milliarden Menschen

24. Januar 2011

Veranstaltungen des Ost-Ausschusses im Rahmen der Internationalen Grünen Woche

Osteuropa und Zentralasien, in denen es ein großes ungenutztes Potenzial zur landwirtschaftlichen Produktion gibt, werden immer wieder genannt, wenn es um die Sicherung der Welternährung geht. Vor diesem Hintergrund beteiligte sich der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft auch in diesem Jahr mit eigenen Veranstaltungen am Global Forum for Food and Agriculture  auf der Internationalen Grünen Woche.

Weltweit haben sich Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten drastisch verteuert. So kletterten die Preise für Getreide, Öle und Fette im Jahr 2010 um über 50 Prozent, der Preis für Zucker nahm sogar um über 70 Prozent zu. Die Preise für Weizen, Mais und Soja haben mittlerweile sogar die Höchststände von 2007/2008 übertroffen, dabei ist die Weltkonjunktur gerade erst dabei, wieder Fahrt aufzunehmen.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind gerade für arme Länder, in denen die Bevölkerung einen proportional hohen Teil des Einkommens für Essen ausgeben muss, dramatisch. Und das Problem droht sich in den kommenden Jahrzehnten weiter zuzuspitzen: Nach Schätzungen der UNO wird bis zum Jahr 2050 die Weltbevölkerung von heute sieben auf neun Milliarden Menschen wachsen. Um alle Menschen ernähren zu können, müssten Agrar- und Ernährungswirtschaft ihre Produktion bis 2050 um 70 Prozent steigern, und dies unter den Bedingungen des Klimawandels. „Die Lebensmittelkrisen 2008 und heute sind nur ein erster Warnschuss“, befürchtet Peter Thomson, Leiter der Abteilung für nachhaltige Entwicklung bei der Weltbank.

Über die drohende Welternährungskrise und mögliche Lösungen diskutierten vom 20. bis 22. Januar 2011 in Berlin 50 Landwirtschaftsminister mit ihren Delegationen sowie rund tausend Experten und Wirtschaftsvertreter im Rahmen des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), der politischen Auftaktveranstaltung zur Internationalen Grünen Woche.

Ukraine, Russland und Kasachstan im Blickpunkt

Länder wie Russland und die Ukraine – die in den vergangenen Jahren gemeinsam einen Anteil von etwa 15 Prozent am Weltgetreidemarkt erreichten - sind ein wichtiger Teil der Lösung, sie sind gleichzeitig aber auch Teil des Problems, wie sich beim hochrangigen Regionalpodium des GFFA zum Thema „Entwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Osteuropa und Zentralasien“ am 21. Januar herausstellte. Die von der Ukraine und Russland nach der Dürre im Spätsommer vorgenommenen Exportbeschränkungen hätten die Anspannung am Weltgetreidemarkt unnötig verschärft, kritisierte der Sprecher der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss, Franz-Georg von Busse. Insbesondere die Exportquotierung durch die Ukraine sei nicht verständlich und die Vergabe der Kontingente an die Betriebe verlaufe intransparent. Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, ergänzte in ihrem Statement, dass Spekulationsgeschäfte an den Rohstoffbörsen die Situation zusätzlich verschärft hätten und forderte klarere Regeln für den Handel mit Agrarprodukten.

Der stellvertretende russische Landwirtschaftsminister Alexander Petrikow versprach, das Exportpotenzial seines Landes schnellstmöglich wieder herzustellen. So sei die Anbaufläche für Sommerkulturen bereits um drei Millionen Hektar ausgeweitet worden. Mykola Prisjashnuk, Minister für Agrarpolitik und Ernährung der Ukraine, warf seinerseits der EU eine starre Haltung in den Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen mit der Ukraine vor, die die Entwicklungsmöglichkeiten seiner Landwirte einschränke. „Leider sind wir bis jetzt nur in einer Richtung vorangekommen: Die Ukraine macht Zugeständnisse, auf die nicht entsprechend eingegangen wird.“ Ähnlich äußerte sich  auch Alexej Lissitsa, Präsident des Ukrainian Agrobusiness Club Kiew: „Es gibt eine vollständige Diskriminierung der Ukraine als Handelspartner im landwirtschaftlichen Bereich durch die EU. 17.000 Tonnen Getreide darf die Ukraine in die EU liefern, wir könnten 15 Millionen Tonnen liefern.“

Einig war sich die Diskussionsrunde darin, dass die Modernisierung der Landwirtschaft in Osteuropa ein Schlüssel zur Verbesserung der weltweiten Ernährungssituation ist und dass es hier gute Voraussetzungen für eine Modernisierungspartnerschaft mit der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft gibt. „Die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Ukraine ist weitgehend ausgeschöpft. Es gibt nur einen Weg: die Erhöhung der Ernten“, sagte Prisjashnuk. Seinen Angaben zufolge verliere die Ukraine jährlich allein fünf Millionen Tonnen Getreide durch fehlende Technik. Für diese würden Finanzierungsmöglichkeiten benötigt. Steffen Holsten, zuständiger Geschäftsführer für Ölsaaten und Getreide des internationalen Handelshauses Alfred C. Toepfer, rechnete vor, dass die Länder Osteuropas in ihrer Produktivität noch deutlich unter dem Weltniveau für Getreideerträge lägen. Kasachstan erreiche bei Getreide Durchschnittserträge von 0,9 Tonnen pro Hektar, Russland 2,0 Tonnen und die Ukraine mit ihren Schwarzerdeböden 3,1 Tonnen, während der Weltdurchschnittsertrag bei 3,3 Tonnen pro Hektar läge. Sergej Andreev, Leiter des BASF Business Center Russia/CIS in Moskau machte deutlich, dass für die Steigerung des Produktionspotentials Innovationen gerade im Bereich der Pflanzenzüchtung und des Pflanzenschutzes entscheidend sind, hier bestehe in der Region ein großer Nachholbedarf. Nach Ansicht von Thomas Kirchberg, Russland-Sprecher der AG Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und Vorstand der Südzucker AG, mangelt es in den Landwirtschaftsbetrieben in Osteuropa an einer betrieblichen Fortbildung. Hier müsse man ansetzen und gute Leute durch Anreize stärker an die Betriebe binden.

Investitionschancen in Südosteuropa

Hochkarätig besetzt war auch eine Veranstaltung zur Entwicklung der Agrarwirtschaft in Südosteuropa, die der Ost-Ausschuss gemeinsam mit dem Ost- und Mitteleuropa Verein, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ und der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG am 20. Januar durchführte. Die Agrarminister aus Serbien, Kroatien und Albanien informierten in einer von Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Rainer Lindner moderierten Gesprächsrunde über Investitionsmöglichkeiten in ihren Ländern. Ergänzt wurden die Beiträge durch Firmen- und Verbandsberichte (u.a. METRO, VDMA Landtechnik, Atlantic Grupa). Die GFA Consulting Group stellte zudem eine aktuelle Agrarstudie über die acht Mitgliedsländer der Zentraleuropäischen Freihandelszone CEFTA vor. Unter diesen verfügen Serbien mit fünf Millionen Hektar und Kroatien mit 3,2 Millionen Hektar Anbaufläche über das größte Agrarpotenzial. Mit Ausnahme von Serbien seien alle Länder der CEFTA-Gruppe trotz guter landwirtschaftlicher Böden, eines guten Klimas und einer vergleichsweise hohen Zahl von Arbeitskräften in der Landwirtschaft Netto-Importeure von Agrarprodukten, erklärte Inge Gaerke, Mitautorin der Studie. Ursache dafür sei die geringe Produktivität bedingt durch fehlende Technik, Arbeitskräftemangel infolge von Landflucht und vergleichsweise hohen Produktionskosten. Gaerke wies aber auf eine „Retail-Revolution“ in Südosteuropa durch das Vordringen großer Supermarktketten hin. „Dadurch wachse der Bedarf an größeren Lieferanten, an funktionierenden Lieferketten und an einem modernen Qualitätsmanagement.“ Insgesamt stünden dadurch die Chancen für ein Wachstum des Agrar- und Ernährungssektors recht gut.

Andreas Metz ,
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Bericht zum Internationalen GFFA-Wirtschaftspodium 2011