Die Konkurrenz aus China schläft nicht

20. April 2010

Obwohl viele Experten der russischen Volkswirtschaft eine lange Krise vorhersagten, scheint das Land die stärksten Belastungen bereits hinter sich gelassen zu haben. Die Freude über die einsetzende Erholung darf die einseitige Abhängigkeit Russlands vom Energie- und Rohstoffsektor und die zu geringe Diversifizierung der Wirtschaft aber nicht in Vergessenheit geraten lassen. Während beispielsweise der Maschinenbau in Deutschland eine tragende Säule darstellt, sind Anlagen aus russischer Fertigung selten weltmarktfähig. Hieraus entstand bereits vor mehr als 50 Jahren eine enge Partnerschaft mit deutschen Lieferanten.

In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die russische Nachfrage vor allem auf die Bereiche Bau- und Werkzeugmaschinen, Landtechnik sowie Hütten- und Walzwerkseinrichtungen. Der Zeitraum 2006 bis 2008 stellte hierbei historische Rekordjahre für deutsche Maschinenbauer dar: Mit einem Lieferanteil von über 25 Prozent aller russischen
Maschineneinfuhren war Deutschland der stärkste Partner Russlands.

Das Jahr 2009 könnte nun für eine beträchtliche Zäsur stehen. Sicherlich sind die massiven Auftragsrückgänge von durchschnittlich 40 Prozent den Folgen der Krise geschuldet – Optimisten heben gern den weiterhin enormen Nochholbedarf Russlands zur Modernisierung seiner Wirtschaft hervor. Realisten dagegen nehmen den weiterhin stetig ansteigenden Export chinesischer Maschinen nach Russland wahr, der sich binnen der letzten Jahre vervierfacht hat. Vor dem Hintergrund der oftmals mangelnden Liquidität werden viele russische Unternehmen auf günstigere, chinesische Aggregate setzen, insgesamt wird der Anteil der VR China am russischen Außenhandel weiter stark zunehmen – als führender Exporteur nach Russland wurde Deutschland bereits im vergangenen Jahr von China abgelöst.

Diesen Trend werden die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer nicht mehr umkehren können– ihre Chance liegt aber in der technologischen Überlegenheit und dem Willen zur ständigen Verbesserung. Die derzeitige Marktschwäche sollte daher
für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, intensive Gespräche mit den Kunden und dem weiteren Ausbau der Präsenz auf dem russischen Markt genutzt werden, um zu Beginn des nächsten Aufschwungs optimal aufgestellt zu sein.

Möchte Moskau die Forderung seines Präsidenten nach einer „intelligenten Wirtschaft“ verwirklichen und bis 2020 zu den fünf größten Industrienationen zählen, so muss das Land den Import modernster Maschinen und Ausrüstungen stärker fördern. Hierbei wird das Hauptaugenmerk der russischen Kunden auf dem Einsatz Ressourcen schonender, energieeffizienter Technologien liegen: Einem Gebiet, auf dem der deutsche Maschinenbau auch führend ist und langfristig gute Marktaussichten in Russland haben wird.

Dr. Heinrich Weiss
Vorsitzender der Geschäftsführung der SMS GmbH und Vorstandsmitglied des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft