Schwierige Lage, gute Perspektiven

29. März 2017

Aserbaidschan will seine Wirtschaft modernisieren/ Ost-Ausschuss-Reise nach Baku

Das öl- und gasreiche Aserbaidschan hat zuletzt unter den niedrigen Rohstoffpreisen gelitten. Nun setzt Baku auf eine Diversifizierung seiner Wirtschaft, zu der private Investitionen maßgeblich beitragen sollen. Dazu hat das Land am Kaspischen Meer ambitionierte Pläne. Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms informierte sich Ende März vor Ort. Ein Reisebericht.

Aserbaidschans Hauptstadt Baku ist eine Stadt der Gegensätze: Der durch den Ölexport finanzierte Wirtschaftsboom des letzten Jahrzehnts ist deutlich zu sehen. Die Stadt ist eine Mischung aus Dubai und Paris. Wunderschöne Altbauten im Zentrum aus der Zeit des ersten Ölbooms zu Anfang des 20.Jahrhunderts werden ergänzt durch eine große Zahl futuristischer Neubauten und die wunderschöne Strandpromenade am Kaspischen Meer. Aber viele Wohn-und Geschäftshäuser stehen in Folge des wirtschaftlichen Einbruchs der letzten Jahre leer. Dieser Gegensatz zog sich auch durch alle Gespräche in Baku: Neben dem Stolz auf das Erreichte gibt es auch einen klaren Blick für die Notwendigkeit entschiedener Reformen, der Verbesserung der Rahmenbedingungen und der Diversifizierung der Wirtschaft.

Private Investoren gesucht

Vize-Wirtschaftsminister Samir Veliyev lobte im Gespräch mit der Ost-Ausschuss-Delegation die Zusammenarbeit mit Deutschland und dem Ost-Ausschuss. Während es in den vergangenen Jahren vor allem staatliche Investitionen gab, setze man jetzt auf private Investoren insbesondere in der Industrie. Eine Reihe von Industrieparks und die Verbesserung der unternehmerischen Rahmenbedingungen sollen dabei helfen. Die Investorenwerbung koordiniert die staatliche Investitionsagentur Azpromo, die im Juni 2016 ein Kooperationsabkommen mit dem Ost-Ausschuss geschlossen hat. 2017 hofft Aserbaidschan laut Veliyev ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent zu erreichen. Im Vorjahr war die Wirtschaftsleistung um drei Prozent zurückgegangen.

Ein Schwerpunkt der Wirtschaftsstrategie des Kaukasus-Landes ist der Logistiksektor: Aserbaidschan will ein Logistikhub an der von China initiierten neuen Seidenstraße werden. Dazu gehört unter anderem der neue Hafen Baku (Baku Sea Port), bei dessen Auf- und Ausbau das Emirat Dubai beratende Unterstützung leistet. Eine riesige Freihandelszone soll rund um den Hafen entstehen, das entsprechende Gesetz ist in Vorbereitung. Dazu wurden 17 Schwerpunktbranchen definiert, aus denen jeweils ein Weltmarktführer in die Industriezone gelockt werden soll, die zunächst mit einer Fläche von 800 Hektar startet, aber weitere 2.000 bis 3.000 Hektar in Reserve hat.

Information Hub

Doch Aserbaidschan will nicht nur ein Logistikdrehkreuz, sondern auch ein „Information Hub“ in der Region werden. Dazu wurde ein eigenes Ministerium für IT und Telekommunikation geschaffen und zwölf strategische Road Maps für die wichtigsten Technologien im Zuge der Digitalisierung entwickelt. Im Fokus stehen das Breitband-Internet, E-Health, Cyber Security und die Start-Up-Förderung. Vereinbart wurde dazu eine Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Digitalisierung im Ost-Ausschuss.

Beim abschließenden Besuch im Reformzentrum des Präsidenten wurden noch einmal die wichtigsten Ziele und Maßnahmen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes deutlich. Das Zentrum ist ein „Think and Do Tank“ für die Reform der Wirtschaft. So will man den aserischen Export durch eine digitale Handelsplattform fördern und verfolgt das Konzept einer „digitalen Seidenstraße“. Branchenschwerpunkte sind der Logistiksektor, die Landwirtschaft, der Tourismus sowie IT und Telekommunikation. Auch im Reformzentrum ist man sich bewusst, dass der Privatsektor wichtigster Treiber des Wachstums werden muss. Dazu seien neben politischer Stabilität Reformen wie die Konsolidierung des Bankensektors, eine Steuerreform, die Förderung von Zulieferfirmen und die Stärkung des Wettbewerbs nötig.

Vereinbart wurde eine hochrangige Ost-Ausschuss-Delegationsreise unter Leitung des Vorsitzenden Wolfgang Büchele im Herbst zum Tag der deutschen Wirtschaft, der von der Deutsch-Aserbaidschanischen Auslandshandelskammer veranstaltet wird. Denn für deutsche Unternehmen könnten sich interessante neue Perspektiven am Kaspischen Meer ergeben, wenn Aserbaidschan seinen wirtschaftlichen Reformweg konsequent beschreitet.

Michael Harms
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft