Osteuropa im Fokus

14. November 2017

Ost-Ausschuss-Konferenz „Fokus Osteuropa – Wirtschaft im Gespräch“ in München

Mit der Konferenz „Fokus Osteuropa – Wirtschaft im Gespräch“ rückten der Ost-Ausschuss und die Allianz SE Mitte November in München eine Region in den Mittelpunkt, die gegenwärtig mit starken Wachstumszahlen auf sich aufmerksam macht. Als Gastredner der Konferenz absolvierte der usbekische Premierminister Abdulla Aripov seinen ersten Auftritt in Deutschland. Das Schlusswort hatte die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner.

Begrüßt wurden die rund 200 Teilnehmer von Axel Theis, Vorstand der Allianz, die als Partner des Ost-Ausschusses für die Tagung ihr hochmodernes Auditorium am Englischen Garten zur Verfügung stellte, und von Ost-Ausschuss-Vorstandsmitglied Burkhard Dahmen (SMS Holding GmbH). Mit Blick auf die spätere Diskussionsrunde zum Thema „Wirtschaft zwischen Politik und Markt“ wies Dahmen auf den Einfluss der Politik auf Unternehmensstrategien hin: „Wie stark uns gerade im Osteuropa-Geschäft politische Ereignisse betreffen können, die in Washington im US-Capitol verhandelt werden, hat sich gerade erst anhand der neuen US-Russland-Sanktionen gezeigt – Stichwort „secondary sanctions,“ sagte Dahmen. Dennoch erlebe Deutschland derzeit einen „breiten Aufschwung im Handel mit fast allen osteuropäischen und zentralasiatischen Staaten“, so Dahmen. Auch die Wachstumsraten der nationalen Volkswirtschaften seien fast durchgehend ermutigend: „Es lohnt sich also umso mehr, Osteuropa in den Fokus zu nehmen.“

Aktuelle Prognosen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) für Osteuropa lassen 2017 ein Plus des Bruttoinlandsprodukts von 3,3 Prozent erwarten, einige Länder wie Rumänien dürften sogar über fünf Prozent erreichen. Auch Russland und die Ukraine, die krisenbedingt lange Rezessionsphasen überstehen mussten, liegen wieder auf Wachstumskurs. Die positive Entwicklung beflügelt auch den deutschen Handel. So kletterten die deutschen Exporte nach Osteuropa nach Berechnungen des Ost-Ausschusses in den ersten neun Monaten 2017 um 15 Prozent, die Einfuhren aus der Region erhöhten sich um 19 Prozent.

Erster Deutschland-Auftritt des usbekischen Premiers

Als Gastredner der Konferenz absolvierte der usbekische Premierminister Abdulla Aripov seinen ersten Auftritt in Deutschland. Das zentralasiatische Land befindet sich seit einem Wechsel an der Staatsspitze im Herbst 2016 auf Reformkurs und wird im „Doing Business Report 2018“ der Weltbank zu den zehn internationalen „Top-Performern“ gezählt (s. auch S. 11). Aripov ging in seiner Rede ausführlich auf die laufenden Reformvorhaben ein, die nicht nur die Wirtschaft ankurbeln, sondern auch mehr gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen sollen. „Wir führen dynamische Veränderungen durch, was die Offenheit unseres Landes betrifft“, sagte Aripov: „Wir möchten, dass Usbekistan in das internationale Wirtschaftssystem aufgenommen wird.“ Die deutsche Wirtschaft lud der Premier ein, sich an der „großangelegten Modernisierung“ des Landes durch die Lieferung moderner Technologien sowie die Teilnahme an Privatisierungen und PPP-Projekten zur Entwicklung der Infrastruktur zu beteiligen. „Herzlich willkommen in Usbekistan“, schloss Aripov seine Rede auf Deutsch.

Neuer Osteuropa-Boom

Der frühere Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Mangold sprach in seiner Keynote vor dem Hintergrund der Wachstumsdynamik in der Region von einem „neuen Osteuropa-Boom“. Dazu hätten auch die Wirtschaftsreformen der vergangenen Jahre beigetragen, die die Investitionsbedingungen deutlich verbessert hätten und sich jetzt auszahlten. Ausführlich ging Mangold auf die Entwicklung in Russland ein, wo eine wachsende Zahl von deutschen Unternehmen Produktionsstätten neu eröffnet oder zumindest projektiert hätte, etwa in der Automobilindustrie. Wie schon Dahmen kritisierte Mangold die neuen US-Sanktionen gegen Russland, die „ein hohes Maß an Verunsicherung“ erzeugten: „Die extraterritoriale Anwendung von US-Sanktionen gegen europäische Unternehmen darf in keiner Weise akzeptiert werden“, sagte Mangold: „Sonst sind wir Europäer bald nur noch ein Spielball der amerikanischen Innenpolitik, übrigens auch amerikanischer Wirtschaftsinteressen – siehe Nord Stream 2.“

Mangold wies auf die vielen Kooperationen und Netzwerke mit Russland hin: „Die Überschneidungen der Interessen in vielen Feldern sind offensichtlich,“ sagte er. „Trotz bestehender politischer Risiken lohne es sich, Osteuropa und die Staaten der früheren Sowjetunion wieder stärker in den Fokus zu nehmen“, schloss Mangold: „Deutsche Unternehmen finden hier nahezu überall offene Türen vor, wir müssen nur hindurchgehen.“ Türöffner will dabei der Ost-Ausschuss sein, dessen Aktivitäten und Strukturen Geschäftsführer Michael Harms im Anschluss an Mangolds Vortrag vorstellte.

„Klare Lokalisierungsstrategie“

Die langfristigen Strategien deutscher Unternehmen in Osteuropa und das Thema Lokalisierung standen im Mittelpunkt der anschließenden Paneldiskussion, die von Michael Harms moderiert wurde. Oliver Hermes, Vorstandssprecher der WILO SE, betonte, dass sein Unternehmen mit dem neuen Werk in Moskau und dem kürzlich vereinbarten Sonderinvestitionsvertrag eine „klare Lokalisierungsstrategie“ in Russland verfolge. Von Russland aus wolle man auch andere Märkte der Region erschließen. Manfred Grundke, Geschäftsführender Gesellschafter der Knauf Gruppe wies allerdings darauf hin, dass die „Zuliefererstruktur nicht so ist, wie man es sich wünschen würde.“

Dietrich G. Möller, CEO von Siemens Russia, betonte die Bedeutung enger Kundenbeziehungen in Osteuropa und die langfristige Perspektive seines Unternehmens, das etwa 40-jährige Serviceverträge mit der Russischen Eisenbahn abgeschlossen habe. Die in- und ausländische Konkurrenz nehme allerdings zu: „Die paradiesischen Zeiten sind vorbei“, sagte Möller: „Wir haben einen verschärften Wettbewerb." Als Zukunftsthemen in Osteuropa wurden insbesondere Digitalisierung, IT-Entwicklung, Industrie 4.0 und die Entwicklung von Smart Cities identifiziert.

Leistungsfähige lokale Partner gesucht

Um die Perspektiven für Mittelständler in Osteuropa drehte sich die zweite Diskussionsrunde, die von Jens Böhlmann von der Kontaktstelle Mittelstand im Ost-Ausschuss geleitet wurde. Zuvor hatte Alexander Bravermann, Vorstandsvorsitzender der Korporation zur Förderung des Klein- und Mittelstands in Russland (KMSP), die Grundrichtungen zur Entwicklung von russischen KMU skizziert, zum Beispiel durch deren Integration in die Wertschöpfungsketten internationaler Unternehmen und einen verbesserten Zugang zu Finanzierungen. Burkhard Dahmen unterzeichnete für den Ost-Ausschuss ein Rahmenabkommen mit der KMSP zur Intensivierung der Zusammenarbeit deutscher Investoren mit russischen Zulieferbetrieben.

Andreas Rossa, Executive Vice President von PHOENIX CONTACT wünschte sich in der Diskussion einen qualitativ gut aufgestellten Mittelstand in Russland. Die Lieferantensuche dort sei aber schwierig, da es noch bei der Qualität und der Fähigkeit zur „Just-in-time“-Belieferung hapere. „Wir brauchen in Osteuropa leistungsfähige lokale Partner“, sagte auch Karl Kraus, CEO von innogy South East Europe: „Dies ist die Voraussetzung für eine langfristige Marktdurchdringung.“

"Spannende Zukunftsmärkte"

Das Schlusswort auf der Konferenz hatte die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, die die Bedeutung Osteuropas gerade für die bayerische Wirtschaft betonte. „Die Länder Osteuropas und des Eurasischen Raums sind spannende Zukunftsmärkte“, sagte Aigner, die insbesondere die engen Beziehungen Bayerns zu Russland aber auch die wirtschaftlichen Chancen in Zentralasien hervorhob. Aigner wies auf die wachsende Bedeutung der Digitalisierung für die deutsche Exportwirtschaft hin und forderte insbesondere mittelständische Unternehmen auf, ihr Exportpotenzial weiter auszuschöpfen. Die Veranstaltung zeige, wie wichtig Osteuropa für den Außenhandel sei: „Handel und wirtschaftliche Kooperation sind und bleiben Garanten um Trennendes zu überwinden, Brücken zu bauen und Partnerschaften zu schließen“, schloss die Ministerin.

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft