Alles fließt? - Osteuropa im Blickpunkt der Grünen Woche

19. Januar 2017

Diskussionsforen über Wassernutzung und den ukrainischen Agrarsektor/ Veranstaltungen der AG Agrarwirtschaft auf dem 9. Global Forum for Food and Agriculture

Im Rahmen des 9. Global Forum for Food and Agriculture vom 19. bis 21. Januar auf der Grünen Woche in Berlin rückte die AG Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss (German Agribusiness Alliance) Osteuropa in den Mittelpunkt verschiedener Gesprächsrunden. Dabei ging es zum einen um die ressourcenschonende Verwendung von Wasser im Agrarsektor, zum anderen um Entwicklung und Perspektiven der ukrainischen Landwirtschaft.

Nach aktuellen Prognosen werden bis zum Jahr 2050 rund drei Milliarden Menschen mehr auf der Erde leben. Doch bereits heute sind die Süßwasservorräte überstrapaziert und rund 50 Prozent der Weltbevölkerung wohnt in Gebieten mit zunehmender Wasserknappheit. Wie kann es angesichts dessen gelingen, die Erträge in der Landwirtschaft so zu steigern, dass sowohl eine für alle ausreichende Ernährung, als auch die Erhaltung der Weltsüßwasservorräte gesichert ist? Diese Kernfragen stellten die AG Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss und das Leibniz Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) ins Zentrum einer gemeinsamen Diskussionsrunde, an der neben deutschen Agrarexperten auch die stellvertretende ukrainische Ministerin für Agrarpolitik und Ernährung Olga Trofimzewa und Askar Nametov, Vorstandsvorsitzender des nationalen Zentrums für Agrarwissenschaft und -ausbildung in Kasachstan teilnahmen.

Das Beispiel des Aralsees, einstmals der viertgrößte See der Erde, inzwischen aber in weiten Teilen ausgetrocknet, veranschaulicht, dass insbesondere in Zentralasien Wassermanagement ein Mega-Thema ist. Dem Aralsee ist die intensive Bewässerung der usbekischen Baumwollfelder zum Verhängnis geworden. Usbekistan wiederum bangt aufgrund neuer Staudammprojekte in Tadschikistan um die Bewässerung des fruchtbaren Ferghana-Tals. Der Zugang zu Trinkwasser wird damit zunehmend zu einem politischen Thema. „Wir arbeiten daran, dass wir zu friedlichen Lösungen dieser Konflikte kommen“, sagte der Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium Hermann Onko Aeikens in seinem Grußwort.

Weiches Wassermanagement

Professor Hans-Georg Frede von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft rechnete vor, dass von der gesamten Wassermenge des „blauen Planeten“ gerade einmal 0,007 Prozent auf verfügbares Süßwasser entfielen und dass davon wiederum bereits 70 Prozent von der Landwirtschaft genutzt werde. Dennoch, so Dieter Gerten, Professor für Globalen Wandel und Hydrologie der Berliner Humboldt Universität, könne durch „weiches Wassermanagement“ eine Verdopplung der Ernteerträge bei gleichem Ressourceneinsatz erreicht werden. Eine entscheidende Maßnahme sei die Verringerung der Bodenversickerung und -verdunstung beispielsweise durch moderne Tröpfchenberegnung und die Abdeckung von Böden. Notwendig sei zudem der Einsatz ökonomischer Anreize über einen höheren Wasserpreis sowie ein neues „Wasserethos“, der Wasser als schützenswertes Gut definiert.

In der vom Co-Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft Thorsten Spill moderierten Runde warben die beiden osteuropäischen Vertreter um Investitionen und Know-how aus Deutschland. Allein der Investitionsbedarf in der Ukraine zur Modernisierung veralteter Bewässerungstechnik aus der Sowjettechnik liege bei rund zwei Milliarden Euro, schätzt Vizeministerin Trofimzewa.

„Ukrainisches Wunder“

Erfolgsfaktoren und strategische Optionen im ukrainischen Agrarsektor standen im Mittelpunkt der Ukraine-Veranstaltung am zweiten Tag des GFFA, die der Ost-Ausschuss gemeinsam mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und dem Ukrainischen Agribusiness Club (UCAB) organisierte. Der ukrainische Agrarminister Taras Kutovyj machte zur Begrüßung das Bestreben der Regierung deutlich, die Produktion von Landwirtschaftsmaschinen zu lokalisieren. Im Vorjahr war der Absatz von Landmaschinen immerhin um 70 Prozent gestiegen. In der anschließenden Diskussion, die von Dirk Stratmann, dem Ländersprecher Ukraine der AG Agrarwirtschaft moderiert wurde, wiesen die Teilnehmer auf die Bedeutung des Agrarsektors für die ukrainische Landwirtschaft hin, die 2016 für 40 Prozent der ukrainischen Exporte stand, und gaben insgesamt einen optimistischen Ausblick für die Branche.

Den starken Anstieg des Landmaschinenabsatzes bezeichnete UCAB-Vertreter Taras Vysotzskyj als „ukrainisches Wunder“, das durch die steigende Profitabilität des Sektors ermöglicht worden sei. Auf mittlere Sicht bleibe man aber auf Landmaschinenimporte angewiesen. Es wurde deutlich, dass insbesondere die großen Agroholdings, die ein Viertel der Agrarflächen bewirtschaften, zur Modernisierung des Sektors beitragen. Michael Horsch, Eigentümer des gleichnamigen Landmaschinenbauers, bezeichnete das weiterhin geltende Verbot des Landkaufs als „eines der Geheimnisse der ukrainischen Stabilität“. Das Pachtsystem bringe den Landbesitzern gute Einnahmen. Das Modell ist allerdings nicht unumstritten: So fordert der IWF die Etablierung eines Landmarktes, wie Robert Kirchner von der Deutschen Beratergruppe in der Ukraine anmerkte.

Andreas Metz, Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft