„Digitalisierung braucht gemeinsame Standards“

26. April 2017

Ost-Ausschuss-Diskussion mit dem russischen Vize-Industrieminister Osmakow auf der Hannover Messe

„Wer als Unternehmen nicht dabei ist, wird verschwinden.“ Dieser Satz aus dem Munde von Eberhard Veit, langjähriger Vorstandsvorsitzender des Maschinenbauers Festo, beschreibt die ganze Dramatik, die mit dem Begriff „Digitalisierung“ für die europäische Industrie verbunden ist. Welche Anforderungen die Digitalisierung an Unternehmen und Regierungen stellt und welche deutsch-russischen Kooperationsmöglichkeiten dadurch neu entstehen, dies war Thema einer hochrangig besetzten Diskussionsrunde, die der Ost-Ausschuss gemeinsam mit Roscongress auf der diesjährigen Hannover Messe organisierte.

Die Chancen für die Etablierung und Respektierung gemeinsamer Regeln für Datenverkehr, -sicherung und -verwaltung stehen trotz der politischen Dauerkrise zwischen Russland und der EU nicht schlecht. Diese optimistische Botschaft ging von der deutsch-russischen Paneldiskussion auf der Hannover Messe aus, die der frühere Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Mangold vor rund 80 Zuhörern in der Messehalle 3 gewohnt souverän und unterhaltsam moderierte. „Wenn wir eine gleichberechtigte Welt haben wollen, ist es wichtig, dass wir global gleiche Standards setzen“, plädierte der stellvertretende russische Minister für Industrie und Handel Wassilij Osmakow für eine intensive Zusammenarbeit. Im Rahmen des G20-Prozesses habe Russland diesbezüglich auch bereits entsprechende Vorschläge eingebracht.

Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms warb seinerseits für einheitliche Normen, Standards und pragmatische Ansätze zur Erleichterung des Datenverkehrs. Nationale Lösungen wie das russische Gesetz zur Speicherung personenbezogener Daten behinderten dagegen Innovationen und grenzüberschreitende Projekte. Harms stellte auch den neu gegründeten Arbeitskreis Digitalisierung im Ost-Ausschuss vor, der die Aktivitäten des Verbands bündelt und Zukunftsprojekte vorbereiten soll.

Auf dem Weg zum größten E-Commerce-Markt Europas

Dass Russland beim Thema Digitalisierung zu den internationalen Schwergewichten und Trendsettern gehört, wurde im Verlauf der Diskussionsrunde mehrfach deutlich: Das 140-Millionen-Einwohnerland ist auf dem Weg zum größten E-Commerce-Markt Europas. Nirgendwo in Europa gibt es mehr Internetnutzer und Programmierer. Firmen wie Mail.ru, Yandex oder Kaspersky Lab gehören auch im Weltmaßstab zu den Software- und Internet-Giganten, kostenloses W-Lan und elektronisches Bezahlen ist in der Moskauer Metro längst Standard, im Gegensatz zum Nahverkehr etwa in der Partnerstadt Berlin.

Die deutsche Wirtschaft wiederum punktet beim Thema Industrie 4.0 und damit bei der Implementierung digitaler Anwendungen im Produktionsalltag. Wie innovativ der deutsche Mittelstand hier bereits ist, zeigt die Firma Wilo. Der Pumpenhersteller eröffnet demnächst in Dortmund seine erste Smart Factory, in der alle Produktionsprozesse digital optimiert sind. Oliver Hermes, CEO von Wilo, stellte das Projekt in Hannover vor und kündigte an, dass die Erfahrungen von Dortmund sehr schnell auch im neu gebauten russischen Werk in Noginsk zur Anwendung kommen. Von ihrer Mentalität her seien Russen offener für neue Technologien und damit besser auf die Anforderungen der Digitalisierung eingestellt, sagte Hermes unter zustimmendem Nicken der anderen Diskussionsteilnehmer.

„Dagegen müssen wir in Deutschland noch viel tun, um das Thema Digitalisierung sexy zu machen.“ Eberhard Veit schlug in dieselbe Kerbe: „Wir müssen das Thema Digitalisierung positiv besetzen und dürfen es nicht denjenigen überlassen, die darunter nur einen Jobkiller verstehen.“ Veit setzte sich vehement für Partnerschaften zwischen deutschen und russischen Hochschulen ein, um gemeinsam am „Internet der Dinge“ zu lernen und zu forschen; ein Vorschlag, den Moderator Mangold gleich als Arbeitsauftrag an die anwesenden Vertreter von Politik und Verbänden weitergab.

Alle Unternehmen werden IT-Unternehmen

Wie sich die Möglichkeiten der Digitalisierung auf den Firmenalltag auswirken, schilderten Spitzenvertreter von SAP, Severstal und Tibbo Systems. „Alle Unternehmen auf der Welt werden zu IT-Unternehmen werden“, prognostizierte Viktor Poljakow, Generaldirektor von Tibbo Systems, dem führenden russischen Software-Haus für die Entwicklung von Kontrollsystemen für Unternehmen.

Der russische Stahlkonzern Severstal hat jüngst die Position eines Chief Digital Officers neu geschaffen. „Wir müssen lernen, die riesigen Datenmengen, die in der Produktion anfallen, richtig zu nutzen, um Produktionsprozesse zu optimieren und die Qualität zu sichern“, erklärte Alexej Kulitschenko, CFO bei PAO Severstal. Bei einer Produktion von jährlich elf Millionen Tonnen Stahl sei das Potenzial für Verbesserungen riesig. Unterstützt wird Severstal bei der digitalen Verbesserung von Produktionsverfahren und der optimierten Kundenansprache auch durch SAP.

Pawel Gontarew, Geschäftsführer von SAP in den GUS-Ländern, sieht gerade in der Zusammenarbeit deutscher und russischer Unternehmen große Synergieeffekte für die Wirtschaft beider Länder. Bei und mit SAP arbeiteten in Russland bereits rund 100.000 Menschen, es gebe im Land eine starke Programmierschule und eine wachsende Anzahl gemeinsamer Projekte. „Digital können wir nur gemeinsam global wettbewerbsfähig werden“, betonte Gontarew und rief dazu auf, bestehende Hindernisse zu überwinden.

Auf diesem gemeinsamen Weg stellte der Expertendialog auf der Hannover Messe eine wichtige Zwischenetappe dar, darin war sich das Panel einig. Bereits Anfang Juni wird der Dialog fortgesetzt, dann mit einer Diskussionsrunde auf dem St. Petersburg International Economic Forum (SPIEF). Auch daran wird der Ost-Ausschuss und sein Arbeitskreis Digitalisierung beteiligt sein.

Andreas Metz
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft