Chefsache Sotschi

20. September 2011

Olympia, Formel 1, Fußball-WM: Der russische Kurort wird zum Test für Putins Modernisierungskurs

Sotschi 2014 - das ist mehr als die Olympischen Winterspiele. Im Kurort am Schwarzen Meer wird darüber hinaus die Formel 1 Grand-Prix-Rennen austragen. Die Trasse wird zeitgleich zu den Olympiastätten errichtet. Im Modell fahren bereits Rennwagen zwischen den neuen Stadien und Hotelkomplexen. Hinzu kommen die Paralympics, die ebenfalls in Sotschi stattfinden werden. Auf dem 10. Investmentforum in der Olympiastadt machte sich Premierminister Wladimir Putin gemeinsam mit dem zuständigen Gouverneur Alexander Tkatschew ein Bild von den Vorbereitungen auf die Spiele und die Rennen.

Putin nutzte seine Rede in Sotschi traditionell zu grundsätzlichen Bemerkungen. Während Präsident Dmitri Medwedew das im Juni stattfindende Sankt Peterburg International Economic Forum dominiert, ist der Premierminister dem Olympiaort seit langem verbunden. Seine Eröffnungsrede enthielt drei klare Botschaften: 1.) Russland sei besser aus der Krise gekommen als manch andere Volkswirtschaft in Europa und Übersee. Diejenigen, die Russland noch vor einiger Zeit die Marktwirtschaft lehren wollten, stünden heute dagegen vor großen Problemen; 2.) Russlands Wirtschaft werde weiter wachsen, allerdings werde es nach den Wahlen leichte Preissteigerungen bei Gas, Elektrizität und Nahverkehr 2012 für die Russen geben; 3.) Die Olympiastätten in Sotschi werden rechtzeitig fertig, auch wenn noch weitere Investitionen nötig seien. Dabei verwies der Premier nicht ohne Stolz auf die geringe Verschuldungsquote Russlands (unter zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und die vertretbare Auslandsverschuldung (drei Prozent) und dies bei üppigen Währungsreserven von 500 Milliarden US-Dollar (die weltweit größten nach Japan und China).

Entscheidend für Projekte in Sotschi und andere Modernisierungsvorhaben beispielsweise in der Gesundheitswirtschaft und in Skolkowo ist der neugeschaffene Russische Fonds für Direktinvestitionen (RDIF). Dieser ist bei der Vneshekonombank angesiedelt und wird von Kirill Dmitriew verwaltet. Der RDIF wird in den nächsten fünf Jahren von der russischen Regierung mit zehn Milliarden US-Dollar ausgestattet und soll in Russland insbesondere Kapitalinvestitionen mit hohen Erträgen tätigen.

Liberale Visionen, effiziente Verwaltung

Sotschi ist für Putin auch ein Verwaltungsprojekt. Der zuständige Gouverneur Alexander Tkatschew gilt als Modernisierungsstratege mit liberaler Vision und politischer Autorität. Tkatschew hat Verbündete wie den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer der Region Krasnodar, Juri Tkatschenko. Auch aus Moskau und benachbarten Regionen erfährt der Gouverneur viel Zuspruch, vom Präsidenten Tatarstans etwa oder von Gouverneur Alexander Mischarin aus Jekaterinburg.

Auf der exklusivsten Veranstaltung des Forum – das Frühstück des Sberbank-Vorsitzenden Hermann Gref auf der Seebrücke von Sotschi – skizzieren die Teilnehmer um Gouverneur Tkatschew im Gespräch ihre liberalen Visionen für Russland. Ganz oben auf der Wunschliste steht die schnelle Rückkehr zur Direktwahl der Gouverneure, eine effziente Verwaltung, eine klare Aufgabenteilung zwischen Moskau und den Regionen sowie Budgethoheit für die Gouvernements. Sberbank-Chef Gref, noch immer der profilierteste liberale Politiker und Unternehmer Russlands, ergänzt: freies Unternehmertum und freie Bürger, um Russland erfolgreich zu modernisieren.

Für Putin ist dies in Sotschi kein Widerspruch. Es gehe darum, die „Philosophie des Staatsdienstes“ neu zu definieren, sagt er in seiner Eröffnungsrede. Korruptionsbekämpfung müsse das große Ziel Russlands in den kommenden Jahren sein. Der Staat werde sich schrittweise aus den Unternehmen zurückziehen: „Wir wollen keinen Staatskapitalismus; wir werden da nicht ewig sitzen.“ Klare Worte, die an Reden Medwedews erinnern. Den Präsidenten im fernen Moskau erwähnt der Premier übrigens kein einziges Mal. Premier Putin will Sotschi zum Prüfstein eines eigenen Modernisierungskurses machen; mit klaren Hierarchien und modernen Verwaltungsmanagern wie Tkatschew und seinem Umfeld.

Kranlandschaft Sotschi

Und Sotschi - eine Baustelle, eine Kranlandschaft. Der Verkehr nach Krasnaja Poljana noch immer stockend, Straßen und Tunnel brauchen sicher noch ein Jahr bis zur Fertigstellung. Hotels entstehen überall, die alten harren ihrer notwendigen Renovierung. Die großen Ketten bauen lieber neu, als sowjetische Erholungsburgen zu sanieren. Die großen Infrastrukturmaßnahmen sind im Gang. Sotschi soll auch besser erreichbar sein für den Transitverkehr auf dem Landweg. Die Brücke über die Straße von Kertsch ist ein Durchbruch. Die Ostküste des Schwarzen Meeres wird auf dem Landweg über die Krim erreichbar sein. Oben im Skipark im Kaukasus bestimmen Sberbank und Gasprom das Bild. Manches letzte Projekt wird noch im Eilverfahren vergeben werden müssen. Deutsche Unternehmen sollten deshalb beharrlich bei den Themen technische Ausrüstung, Sicherheit und Abfallentsorgung auf die Projektgesellschaft Olympstroy zugehen.

Energieeffizienz und Nachnutzung

Auch Projekte zur Energieversorgung sind ein Thema. Alternative und erneuerbare Energieformen halten in den kommenden Jahren Einzug in den russischen Energiehaushalt. Der unter Mitwirkung des Ost-Ausschusses auf dem Sotschi-Forum organisierte Energie-Roundtable lässt daran keinen Zweifel. Die russische Energieagentur, die an das Energieministerium von Sergej Schmatko angebunden ist, möchte und kann hier ein direkter Ansprechpartner für deutsche Firmen sein. Allein 20.000 Bioenergieanlagen könnte Russland gebrauchen. Erste Vorzeigeprojekte wie der Bioenergiecluster in Udmurtien (Stadt Glasow) bieten Referenzen. Auf einer Demonstrationsplattform in Sergiew-Posad werden alternative Energiekonzepte vorgestellt. Ein russisch-dänisches Konsortium baut derzeit eine Biogasanlage in der Nähe der Krasnodarer Universität. Das Projekt einer weiteren Energieeffizienten Stadt soll im nahegelegenen Nowokubansk entstehen, berichtet der Chefarchitekt von Krasnodar.

Juri Rysin, mit dem der Ost-Ausschuss bereits auf der Messe BAU 2011 in München zum Thema Nachnutzung der Olympiastätten und effizientes Bauen in der Region Kransodar zusammengearbeitet hat, ist ein umtriebiger Mann. Er kennt alle Projekte und ist an immer neuen Vorschlägen interessiert. Aufmerksam verfolgt er das Solar-Projekt eines deutschen Unternehmens, das mit Unterstützung der russischen Handels- und Industriekammer und des Ost-Ausschusses in Sotschi besiegelt wurde. Für mehr als 100 Millionen Euro sollen eine Anlage für die Produktion von Solarzellen und damit über 200 Arbeitsplätze entstehen. Architekt Rysin gehört zum Team um Gouverneur Tkatschew ebenso wie der junge Projektleiter Agafonow, der die Formel-1-Strecke vorbereitet und die Projektgesellschaft leitet..

Politische Präsenz zeigen

Deutschland muss jetzt aktiv werden. Die großen Wirtschaftsforen in St. Petersburg und Sotschi werden von amerikanischen Fondsmanagern oder chinesischen und französischen Staats- und Regierungschefs besetzt; auch in diesem Jahr war auf den großen russischen Podien kein deutscher Politiker vertreten. Dabei sind an vielen strategischen Projekten in Russland deutsche Unternehmen beteiligt. Dies gilt für die Ostsee-Pipeline Nordstream ebenso wie für Southstream. In Sotschi unterschrieb dazu der Chef der BASF-Tochter Wintershall Rainer Seele die entsprechenden Verträge.

Im Jahr 2012/2013 wird sich der Ost-Ausschuss anlässlich des Deutschlandjahres in Russland darum bemühen, bei den großen Wirtschaftsforen in Petersburg und Sotschi die politische und unternehmerische Präsenz zu sichern und damit zum Abschluss weiterführender Projekte beizutragen. In Sotschi könnte dann besichtigt werden, wie das von einem deutschen Architektenbüro in Aachen entwickelte Konzept für den Formel-1-Parcours Gestalt annimmt.

Russlands Kuban mit der angehenden Sportmetropole Sotschi ist eine historisch spannende Landschaft mit einer im russischen Vergleich überdurchschnittlichen Leistungsbilanz. Welches Ereignis hier in den kommenden Jahren auch immer stattfindet: Die Gäste werden ein modernes Russland vorfinden. Die deutsche Wirtschaft wird dazu einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Prof. Dr. Rainer Lindner
Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft

Weitere Informationen:
Arbeitskreis Sotschi 2014/Fußball-WM 2018 im Ost-Ausschuss
E.Kinsbruner@bdi.eu