Bremse oder Gaspedal? Das ist die Stunde Europas

15. Mai 2009

Jemand sagte: Der Nationalismus ist die Pubertät der Völker. Er ist die Zeit der knallenden Türen und der rauen Umgangsformen. Imponiergehabe überkompensiert die Sehnsucht nach Verletztheit. Gegen die langweiligen Tugenden der Alten will man den neuen Menschen schaffen, und während man als „Jets“ oder „Sharks“ keiner Prügelei aus dem Wege geht, schließt man sich abends im Zimmer ein und genießt seinen Weltschmerz. Die europäischen Völker haben diese – vielleicht unvermeidliche, aber anstrengende und opferreiche Phase bis zur Neige ausgekostet und dann endlich hinter sich gelassen. Sie sind erwachsen geworden.

Die EU war immer mehr als eine GmbH und weit mehr als eine Kongress-Allianz, in der sich die Kleinen gefälligst unter das Diktat der Großen zu ducken hatten. Auch wenn der gemeinsame Markt oft im Vordergrund der Aufmerksamkeit stand (weil er abzählbare und spürbare Folgen im Alltag der Europäer hatte), war er doch immer nur Vorwand oder Vorstufe für das Eigentliche: Die Schaffung einer intelligenteren Daseinsweise als Demütigung, Hass und Krieg und die Entwicklung einer Friedensordnung mit freier Begegnung der Menschen und Kulturen, mit offenem Austausch von Ideen und Gütern und mit der gemeinsamen Vision von einer Welt, in der man sorgenfrei und ohne schlechtes Gewissen Kinder zeugen kann.

Und nun die Finanz- und Weltwirtschaftskrise. Eine Schockerfahrung vor allem für die osteuropäischen Staaten der jüngsten Vereinigungsrunden und die Beitrittskandidaten des Westbalkans. Den Scherbenhaufen des ideologischen Staatskapitalismus hat man gerade entsorgt. Nun steht man vor dem Scherbenhaufen des ideologisierten Privatkapitalismus. Ist der „freie“ Westen nur der „wilde“ Westen gieriger Finanzjongleure? Enttäuschung macht sich breit. Die Verzagten wollen sich wieder einschließen. Die „Mir san mir“-Mentalität findet wieder Zuspruch. Alte Wunden brechen auf.

Und doch: Genau dies ist die Stunde Europas. In dieser Gegenwart liegt seine Zukunft. Die EU hat nicht immer und sofort die richtige Lösung, aber sie ist der richtige Weg. Das geht auch die Alt-Mitglieder an. Gerade jetzt heißt es, das Bestehende sichern und ausbauen. Gerade jetzt sind Investitionen fällig. Der frühe Vogel kriegt den Wurm. Gerade jetzt gilt statt Resignation und Abtauchen das anti-zyklische Denken, das der Ökonom im ersten Semester lernt. Laissez-faire ist nicht fair. Wer die Mühen und Kosten scheut, wird bald einen viel höheren Preis zahlen, nämlich die Armutswanderung entwurzelter Menschen und den Zerfall einer Region inmitten der zusammenwachsenden Welt.

Im Juni beginnt das Stipendienprogramm der Deutschen Wirtschaft für junge Leute aus den Ländern des Westbalkans. Es stellt sich trotzig gegen den Trend. Firmen, die sich jetzt in den künftigen Mitgliedsländern engagieren, sind die Modernen von übermorgen. Sie schaffen nicht nur Märkte und Lebenschancen. Sie erwirtschaften einen neuen Vorrat an Zeit. Ihr Erfolgsprodukt heißt „Zukunft in der Gegenwart“.

Bodo Hombach
Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe