"Bemerkenswerter Mut zu Reformen"

16. Juni 2010

EBRD-Präsident Thomas Mirow über die Entwicklung der Konjunktur in Osteuropa

Die meisten Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas werden 2010 wieder wachsen. Sie profitieren von der Erholung der Weltwirtschaft, für die der IWF zuletzt ein Plus von 4,5 Prozent prognostizierte. Allerdings: Der IWF erwartet eine „multi-speed recovery“, und auch in Mittel- und Osteuropa sehen wir zunehmend unterschiedliche Geschwindigkeiten.

Während die Wirtschaftsleistung im Baltikum und Ungarn in diesem Jahr erst die Talsohle erreichen wird, erwartet die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) für die anderen Staaten 2010 wieder Wachstum.

Die wichtigsten Quellen des Wachstums der vergangenen Jahre wie Direktinvestitionen und Inlandsnachfrage werden auf absehbare Zeit nicht wie früher sprudeln. Zudem stehen die Staaten in verschärfter Konkurrenz zu außereuropäischen Schwellenländern, die eine größere Wachstumsdynamik zeigen.

Um wieder schneller und zugleich nachhaltiger zu wachsen, müssen die Staaten Mittel- und Osteuropa daher das eigene Potential stärken. Ein wesentlicher Schritt dafür sind der Aufbau und die Schaffung eigener Kapitalmärkte. Die Abhängigkeit von Krediten und Investitionen in Fremdwährung muss verringert werden.

Zur gleichen Zeit spielen westliche Investoren und Banken weiter eine entscheidende Rolle. Wir sind ermutigt durch das klare Bekenntnis der Staaten Mittel- und Osteuropas, den Integrationsprozess fortzusetzen. Worauf es ankommt, ist nicht weniger, sondern bessere Integration.

Dazu gehören die Stärkung der Institutionen und des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts. Das Wachstum des Finanzsektors ist vor der Krise allen anderen Sektoren voraus geeilt. Hier muss und wird es zu einem besseren Ausgleich kommen.

Die Krise hat zu einer erheblichen Abschwächung ausländischer Investitionen in Mittel- und Osteuropa geführt. Allerdings haben wir aber auch keinen dramatischen Rückzug ausländischer Investoren erlebt. Gerade in der Krise hat sich erwiesen, dass ihr Engagement meist langfristig angelegt ist. Dies hat die Stabilität bedeutend gestärkt.

Ermutigend ist zudem die Entschlossenheit vieler Länder, ihre Probleme offensiv anzupacken. Die baltischen Staaten unterziehen sich harter Sanierungsprogramme, Ungarn hat große Fortschritte mit der Umsetzung seines international abgestimmten Anpassungspakets gemacht.

Es ist aber durchaus bemerkenswert, wie viel Selbstdisziplin – gerade auch in der betroffenen Bevölkerung – aufgebracht wird. Damit ist nicht zuletzt ein ermutigendes Zeichen gesetzt, dass unsere Nachbarregion für deutsche Investoren interessant bleibt.

Dr. Thomas Mirow,
Präsident der European Bank for Reconstruction & Development (EBRD)