Drehkreuz im Kaukasus

7. Juni 2016

Aserbaidschan will nicht nur auf Energie setzen/ Wirtschaftsforum in Berlin

Auf einem Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsforum in Berlin warb Präsident Ilham Alijew vor rund 300 Teilnehmern um deutsche Investoren. Die Veranstaltung am 7. Juni wurde gemeinsam vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), dem Ost-Ausschuss und der Deutsch-Aserbaidschanischen Außenhandelskammer (AHK) organisiert und von der Botschaft Aserbaidschans und der aserbaidschanischen Investitionsagentur AZPROMO unterstützt.

Im Juni drehten erstmals die Formel-1-Boliden ihre Runden durch Baku, das seine Premiere als Gastgeber eines Motorsport-Grand-Prix gab. Aserbaidschan will weg vom Image des reinen Energielieferanten. Zwar bleibt der Öl- und Gassektor ein wichtiger Pfeiler der Wirtschaft. Doch das Land setzt auf Diversifizierung, Modernisierung und den Ausbau seiner Transportinfrastruktur als Drehkreuz zwischen EU, Zentralasien und Nahost– dabei sollen deutsche Investoren eine wichtige Rolle spielen.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erinnerte zu Beginn an die lange Tradition der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, die schon mit dem Pipelinebau vor rund 100 Jahren begonnen hätten. „Wir sind sehr daran interessiert, unsere guten Kontakte auszubauen und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen weiter zu vertiefen“, sagte Gabriel: „Aserbaidschan ist für Deutschland ein wichtiges Partnerland, im Hinblick auf die Energiebeziehungen ebenso wie als Handelspartner.“ Deutsche Unternehmen wie Siemens und Salzgitter seien am Ausbau des südlichen Gaskorridors (Pipelines TANAP und TAP) beteiligt. Gabriel mahnte zugleich eine friedliche Lösung des Berg-Karabach-Konflikts und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen an: „Stabilität und Sicherheit gibt es nur durch gesellschaftlichen Fortschritt, dazu gehören Rechtssicherheit und Menschenrechte.“ Bei der notwendigen Diversifizierung hin zu einer wissensbasierten Wirtschaft stünden deutsche Unternehmen als starke Partner zur Verfügung.

Präsident Alijew erläuterte anschließend die Schwerpunkte seiner Politik, die neben dem Ausbau des Öl- und Gassektors und entsprechender Transportrouten auf eine größere Wirtschaftsvielfalt gerichtet ist: „ Der Energiesektor hat keine alleinige Priorität mehr“, sagte Alijew. Vielmehr flössen Investitionen aus dem Ölfonds in andere Sektoren der Wirtschaft, insbesondere in Landwirtschaft, High-Tech-Branchen, IT und Kommunikation sowie den Transportsektor. Aserbaidschan solle als Teil des chinesischen Seidenstraßenprojekts das „logistische Zentrum der Region“ werden. Dazu gehören unter anderem der Ausbau des größten kaspischen Seehafens nahe Baku und die Eisenbahnverbindung Kars-Tiflis-Baku. Alijew unterstrich das Interesse seines Landes an einer Beteiligung der deutschen Wirtschaft bei diesen Vorhaben. Es gebe bereits 169 deutsche Unternehmen in Aserbaidschan: „Wir wollen natürlich mehr davon“, sagte er.

Ost-Ausschuss unterzeichnet Abkommen mit Azpromo

Ost-Ausschuss-Präsidiumsmitglied Manfred Grundke wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass Aserbaidschan der mit Abstand wichtigste Handelspartner Deutschlands im Südkaukasus sei. Im Vorjahr sei das bilaterale Handelsvolumen allerdings um ein Zehntel auf 2,9 Milliarden Euro gesunken. Das Programm der Diversifizierung sei eine „Medizin gegen Krisen“. Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms unterzeichnete im Rahmen der Veranstaltung eine Kooperationsvereinbarung mit der aserbaidschanischen Investitionsagentur AZPROMO und moderierte anschließend eine Podiumsdiskussion, die sich mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Aserbaidschans beschäftigte.

Azpromo-Direktor Rufat Mammadov stellte dabei die Anreize für ausländische Investoren vor. Dazu zählen einfache Verfahren zur Geschäftsgründung, Steuervergünstigungen in Industrieparks, die freie Repatriierung von Gewinnen und die Möglichkeiten der Lizenzierung auf elektronischem Weg. Florian Schröder, scheidender Geschäftsführer der AHK in Baku, lobte die Reform der Zollverfahren und wies auf eine Kammerumfrage hin, wonach 40 Prozent der befragten Unternehmen erneut im Land investieren würden und mehr als ein Drittel expandieren wollen.

Zu den expansionswilligen Unternehmen gehört Knauf, das bereits seit 16 Jahren in Aserbaidschan aktiv ist und seit 2006 in einem Joint Venture Gipsplatten produziert. Das Ost-Ausschuss-Mitglied unterhält außerdem drei Trainingszentren zur Ausbildung von Fachkräften im Land, berichtete Manfred Grundke von der Knauf Gips KG.

Auch das E.ON-Nachfolgeunternehmen Uniper ist als Kooperationspartner des aserbaidschanischen Energiekonzerns SOCAR seit zehn Jahren vor Ort. Ziel des Engagements sei es, Gas für den europäischen Markt zu kaufen, erläuterte Uwe Fip, Prokurist der Uniper Global Commodities SE. Im September 2013 hatten E.ON und das Shah-Deniz-Konsortium dazu einen Vertrag für die Lieferung von Erdgas aus dem im Kaspischen Meer gelegenen Shah-Deniz-Feld nach Europa unterzeichnet. Im April 2016 vereinbarten Uniper und SOCAR die Gründung eines Joint Ventures, das ein Kraftwerk für den petrochemischen Komplex Azerkimiya in Sumgait bauen und betreiben soll. Dies sei ein „Leuchtturmprojekt für die deutsch-aserische Kooperation“, sagte Fip. Aserbaidschan hofft nun, dass andere deutsche Unternehmen diesem Leuchtturm folgen.

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft