60 Jahre Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

11. Oktober 2012

Pressekonferenz mit Egon Bahr und dem Buchautor Sven Jüngerkes

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft feiert im Oktober seinen 60. Geburtstag. Die älteste Regionalinitiative der deutschen Wirtschaft wurde 1952 von Unternehmern und Wirtschaftsverbänden wie dem BDI mitten im Kalten Krieg gegründet, um wirtschaftliche Brücken über den Eisernen Vorhang zu bauen. In Berlin stellte Ost-Ausschuss-Vorsitzender Eckhard Cordes gemeinsam mit Egon Bahr die erste wissenschaftliche Untersuchung über die Geschichte des Ost-Ausschusses vor.

„Von Beginn an ging es darum, mit diplomatischem Geschick die alten Handelskontakte in die Länder Osteuropas wieder herzustellen und vorsichtig die wirtschaftliche Teilung Europas als Folge des Zweiten Weltkriegs zu überwinden“, sagte Cordes in Berlin. In enger Abstimmung mit der Bundesregierung verhandelten Vertreter des Ost-Ausschusses „als Diplomaten der Wirtschaft“ in den 1950er Jahren erste Handelsabkommen mit Rumänien, China und der Sowjetunion, die den Weg für deutsche Firmen ebneten. In den frühen 1970er Jahren war der Ost-Ausschuss an den Erdgas-Röhren-Geschäften mit der Sowjetunion beteiligt; seit dem Fall der Berliner Mauer begleitet er den Transformationsprozess in den jungen Demokratien Osteuropas und ist die Stimme der deutschen Wirtschaft in vielen bilateralen Wirtschaftsgremien.

„Mit der Idee des Wandels durch Handel gehörte der Ost-Ausschuss zu den Wegbereitern der Ostpolitik und zu den Vordenkern eines einheitlichen europäischen Wirtschaftsraums. Diesen auch gemeinsam mit den Ländern aufzubauen, die heute am östlichen Rand der EU liegen, bleibt unser Ziel“, sagte Cordes, der nach Hans Reuter (1952-55), Otto Wolff von Amerongen (1955-2000) und Klaus Mangold (2000-2010) erst der vierte Vorsitzende in der Geschichte des Ost-Ausschusses ist.

„Diplomaten der Wirtschaft“

Anlässlich seines Jubiläums stellte der Ost-Ausschuss in Berlin die erste wissenschaftliche Monographie über seine Geschichte vor. Das Buch des Berliner Historikers Sven Jüngerkes mit dem Titel „Diplomaten der Wirtschaft – Die Geschichte des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft“ (Fibre-Verlag, 380 Seiten), wurde von Egon Bahr, dem Architekten der Ostpolitik, präsentiert. Bahr lobte den Ost-Ausschuss als „verlässlichen Faktor der Politik“. „Ich teile das Ziel der wirtschaftlichen Einheit Europas ohne jede Einschränkung.“ Parallel zueinander hätten Ost-Ausschuss und Bundesregierung in den 1960er und 70er Jahren die Annäherung an Osteuropa vorangetrieben. „Dabei hat sich die Politik die Methodik der Wirtschaft zu Eigen gemacht: Zusammenarbeit statt Konfrontation.“

Es gebe nicht viele Institutionen, die in sechs Jahrzehnten ihrer Strategie treu geblieben seien, sagte Bahr. „Der Ost-Ausschuss ist in dieser Landschaft ein Solitär. Regierungen kommen und gehen, der Ost-Ausschuss bleibt bestehen.“ Bahr betonte die Kontinuität der heutigen Außenpolitik über vier Jahrzehnte hinweg. Die „Strategischen Partnerschaften“, die die Bundesregierung mit Ländern wie Russland oder China pflege, seien im Grunde die Fortführung des Konzepts „Wandel durch Annäherung“.

Gemeinsam mit Bahr würdigte auch Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Rainer Lindner die Arbeit des Historikers Sven Jüngerkes: „Jüngerkes ist es gelungen, die Geschichte des Ost-Ausschusses als Teil der komplizierten Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und Osteuropa darzustellen“, sagte Lindner. „Ein spannendes Buch nicht nur für Experten.“

Bedeutung Osteuropas für die deutsche Wirtschaft

Im Laufe der vergangenen 60 Jahre, insbesondere nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs und der Osterweiterung der EU, erlebte der deutsche Osthandel einen starken Aufschwung. Von einem Wert nahe Null Anfang der 1950er Jahre wuchs der Anteil Osteuropas an den deutschen Exporten bis Ende der 1980er Jahre auf zeitweise bis zu sechs Prozent an. Im zurückliegenden Rekordjahr 2011 wurde ein Anteil von 17 Prozent erreicht. Zum Vergleich: Die Exporte in die USA erreichen derzeit einen Anteil von sieben Prozent, China nimmt aktuell sechs Prozent der deutschen Exporte ab. 

„Vom Handel mit Osteuropa hängen in Deutschland inzwischen 1,5 Millionen Arbeitsplätze ab. Umgekehrt sind deutsche Unternehmen die wichtigsten Investoren in der Region und tragen erheblich zur wirtschaftlichen und damit auch zur gesellschaftlichen Entwicklung dieser Länder bei“, sagte  der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Cordes.  „Geschäftsleute prägen mit das Bild von Deutschland in der Welt. Dieses Bild ist ein überwiegend sehr positives, gerade in Osteuropa. Daran hat der Ost-Ausschuss als ehrlicher Makler zwischen Ost und West seinen Anteil.“

Festakt am 25. Oktober 2012

Die Feier zum 60. Geburtstag des Ost-Ausschusses findet am 25. Oktober in Berlin statt. Zu den Festrednern werden dann Bundeskanzlerin Angela Merkel, der kroatische Ministerpräsident Zoran Milanovic, der russische Vize-Premier Igor Schuwalow und EU-Kommissar Günther Oettinger gehören. Zu den geladenen Gästen zählen unter anderem auch der neue kasachische Ministerpräsident Serik Achmetow und der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der zum Buch über die Geschichte des Ost-Ausschusses das Geleitwort beisteuerte.

Dem Ost-Ausschuss gehören heute große Wirtschaftsverbände wie der Bundesverband der Deutschen Industrie sowie aktuell 180 Unternehmen an.  Er betreut 21 Länder in Ost- und Südosteuropa sowie Zentralasien. Jahr für Jahr ist der Ost-Ausschuss an rund einhundert Veranstaltungen beteiligt, darunter hochrangige Wirtschaftsgespräche, Fachkonferenzen und Delegationsreisen. Er organisiert  das Stipendienprogramm der Deutschen Wirtschaft für den Westbalkan, ist Mitgesellschafter der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und fördert im Auftrag der Bundesregierung die marktwirtschaftliche Entwicklung in einer Reihe osteuropäischer Staaten, darunter die Ukraine, Belarus, und der Westbalkan. Sitz der Ost-Ausschuss-Geschäftsstelle ist Berlin.